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Barfuß unterwegs / Oder keine Angst vor der Dunkelheit

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Bilder deiner großen Liebe
Seyneb Saleh spielt Isa in Wolfgang Herrndorfs "Bilder deiner großen Liebe" Quelle: Kerstin Schomburg

Wie habt ihr reagiert, als ihr gesagt bekamt, dass ihr bei „Bilder deiner großen Liebe“ besetzt seid? War da bei euch sofort die Verbindung zu „Tschick“ da?
Seyneb Saleh: Ich kannte „Tschick“ bereits. Auch von „Bilder deiner großen Liebe“ hatte ich gehört, es aber noch nicht gelesen. Ich war aufgeregt zu hören, dass ich für ein Herrndorf-Projekt besetzt war. Über den Sommer habe ich mich dann fleißig eingelesen und war danach wahnsinnig begeistert darüber, mit dieser Sprache arbeiten zu können und in die Geschichte einzutauchen, um die Figur der Isa zu entdecken und diese ganze „Herrndorf- Welt“.
Torben Kessler: Noch bevor ich von meiner Besetzung bei „Bilder deiner großen Liebe“ erfahren habe, hatte ich „Arbeit und Struktur“ als Hörbuch verfolgt. Ich war wahnsinnig fasziniert davon und fand es traurig und schön zugleich. Kurz darauf habe ich erfahren, dass ich besetzt bin und mich gefreut.

Seyneb Saleh Quelle: Kerstin Schomburg

Findest du "Arbeit und Struktur" wichtig als Zugang zu Herrndorf und zum Stück "Bilder deiner großen Liebe"?
Torben Kessler: „Arbeit und Struktur“ ist ja so etwas wie Herrndorfs veröffentlichtes Tagebuch in den Jahren seiner Krankheit. Ich musste auch an einen Ausspruch Herrndorfs denken, dass er sich verweigerte, etwas anderes zu schreiben als Fiktion. Das Autobiografische birgt für mich immer eine Art von Fiktion. Das ist auch für unsere Arbeit sehr wichtig. Wir versuchen nicht, Herrndorf und seine Biografie genauestens zu studieren und dem möglichst nahe zu kommen, sondern es geht um seine Gedanken, die in den Texten stecken. Schon beim Titel des Texts zeigt sich das: Was ist mit „Bilder deiner großen Liebe“ gemeint? Wenn man das so liest, denkt man erst einmal an eine Schnulze und dann merkt man, dass dieser Begriff viel weiter gefasst ist. Nämlich als Momente der Liebe zur Welt und zum Leben an sich. Wie ein "Zu sich kommen", wenn Isa sich in einer scheinbar harten und feindlichen Umwelt und ohne jeglichen Schutz und Support, eigentlich zuhause fühlt, einfach mit sich unter dem Sternenhimmel.  Herrndorf gibt uns die Chance ...

Wie stehst du denn zu deiner Figur der Isa, Seyneb? Ich finde sie nämlich gar nicht so einfach zu beschreiben, weil sie so vieles in sich vereint und mir auch recht unberechenbar scheint. Sie ist aus der Psychiatrie ausgebrochen, wie es scheint und macht sich einfach barfuß auf den Weg, fährt per Anhalter mit dubiosen Fremden oder sie läuft Kilometer um Kilometer ganz alleine durch Deutschland, aber wir wissen gar nicht wohin sie will ...
Seyneb Saleh: Für mich ist sie auch so vieles zugleich! Sie ist junges Mädchen und irgendwie auch alte Frau in einem. Die Figur der Isa hat etwas sehr Märchenhaftes für mich, wie eine mythische Überhöhung, die sie so viel größer macht. In gewisserweise ist sie wie das innere Kind von Wolfgang Herrndorf. Vielleicht ist sie auch sein Schutzengel oder seine Begleiterin in den letzten Monaten seines Lebens. Das macht die Figur der Isa größer für mich als „einfach“ nur ein 14 -Jähriges Mädchen. Ihre Haupteigenschaft scheint mir, dass sie so distanziert ist von der Welt und dabei trotzdem verbunden mit allem. Sie hat keine Angst vor großem Schmerz oder Verzweiflung, sie hat keine Angst vor der Dunkelheit in sich und der Dunkelheit in der Welt. Gleichzeitig geht sie immer wieder mit einer solchen Liebe und Offenheit voran. Das macht sie wahnsinnig mutig und stark.

Torben Kessler Quelle: Kerstin Schomburg

Zum Stück

In Wolfgang Herrndorfs Roman Bilder deiner großen Liebe begegnen wir Isa, einem jungen Mädchen, das sich allein aufmacht, abseits der bekannten Welt ihren Weg zu finden. Scheinbar ziellos durchstreift sie Stadt und Land. Sie begegnet etlichen Menschen – einem Schiffer, Kindern, einem Dichter, einem Vater, Maik und Tschick, den beiden Protagonisten aus Herrndorfs Erfolgsroman –, um nur einige zu nennen. Diese oft absurden, manchmal auch vertrauten Begegnungen kommen und gehen – und werfen Isa nur immer wieder auf sich selbst zurück. Eine wirkliche Verbindung entsteht nicht. Isa bleibt allein unter den Sternen, und doch verbunden mit der Welt um sich.

Wir konnten nun ja zum Glück als eine Produktion mit einer Besetzung von lediglich zwei Personen sehr einfach coronakonform proben, aber wie stellt sich das für euch beide während der Proben dar?
Seyneb Saleh: Bei „Bilder deiner großen Liebe“ habe ich auf den Proben komischerweise viel öfter das Bedürfnis nach Nähe zwischen unseren Figuren gehabt als bei Produktionen mit mehreren Schauspielerinnen und Schauspielern. Diesen Impuls nach Nähe hatte ich ein paar Mal beim Proben und konnte ihm dann natürlich nicht nachgeben…Ich weiß nicht genau, woran das liegt. Ob das mit dem Stoff zu tun hat? Da ist eine große Intimität und Zartheit in diesem Text.
Torben Kessler: Die große Linie, die wir verfolgen ist allerdings keine klein gedachte Zweisamkeit, sondern vielmehr verweist der Text auf etwas viel Größeres, das nicht in unser so enges Muster von "Romantik" oder "Zwischenmenschlichkeit" passt und da hilft es uns vielleicht sogar, dass wir diesem Wunsch nach Nähe nicht nachgeben können, auch wenn es sich als Einschränkung anfühlt.

„Bilder deiner großen Liebe“ läuft als „junges“ Stück und ist mit einer Empfehlung für „alle ab 14 Jahren“ eingestuft. Beschäftigt euch das bei eurem spielerischen Zugang, dass dieser Stoff als „jung“ gelesen wird?
Torben Kessler: Ich mag die Entscheidung gerne, die Kinder- und Jugendsparte nicht strikt vom Rest des Spielplans zu trennen, wie wir es am Schauspiel Hannover handhaben. Es ist inklusiv. Ich finde dieser Stoff ist eigentlich das optimale Beispiel, wie sinnvoll diese Entscheidung war.
Seyneb Saleh: Dieses Stück ist auch nicht ausschließlich für Jugendliche gedacht, es kann für mich jede Person, egal an welchem Punkt man ist im Leben, an diesen Stoff andocken. Es ist wie mit einem Märchen, man kann diesen Stoffen etwas als Kind abgewinnen und wenn man sie als Erwachsene noch einmal liest, findet man einen neuen Zugang.
„Bilder deiner großen Liebe“ ist so reich und vielschichtig, es berührt mich immer wieder auf ganz verschiedenen Ebenen und ich finde, wir holen in unserer Produktion alle Zuschauer*innen da ab, wo sie sind, um sie mitzunehmen auf unsere Reise.
Torben Kessler: „Bilder deiner großen Liebe“ könnte ja gerade für ein älteres Publikum interessant sein, weil es so rückblickend klingt, irgendwie wie ein Fotoalbum voller Erinnerungen.
Seyneb Saleh: Ich musste gerade an etwas denken, das du mal auf einer Probe gesagt hast Torben, nämlich, dass Herrndorf Bilder erschafft mit seiner Sprache, die eine ganze Welt in uns selbst eröffnen. Ich glaube, das ist unsere Arbeit auf der Bühne: diese Bilder zu finden, die das Publikum wirklich treffen und berühren; Bilder, die eine ganze Welt in ihnen eröffnen, von der sie entweder nichts wussten, oder die sie schon lange nicht mehr besucht haben…  

Interview: Melanie Hirner

Weitere Informationen

BILDER DEINER GROSSEN LIEBE
nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf  
Regie: Markus Bothe
Mit: Torben Kessler und Seyneb Saleh
Premiere: 11. März, 19.30 Uhr, online
Weitere Vorstellungstermine: 16. und 20. März, jeweils 19.30 Uhr
Karten auf www.schauspielhannover.de

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Quelle: Katrin Ribbe
Spielzeit Februar 2021 - Szene - Sprechstunde
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