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„Das Patriarchat in unseren Köpfen"

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17:24 26.02.2020
Sabine Orléans und Sebastian Jakob Doppelbauer als Judith und Holofernes. Quelle: Kerstin Schomburg

JUDITH

von Friedrich Hebbel

Regie: Lilja Rupprecht
Premiere: am 20. März, 19. 30 Uhr, im Schauspielhaus.

Mit Angela Braun, Sebastian Jakob Doppelbauer, Sebastian Nakajew, Sabine Orléans

Frau Orléans, Herr Doppelbauer, das Team hat sich zunächst gemeinsam in den Stoff gewühlt. Die Bewertung der Figuren Judith und Holofernes schlagen über die Rezeptionsgeschichte hinweg einen ziemlich großen Bogen, oftmals lagen die Sympathien sogar bei Holofernes. Dabei ist die biblische Judith durchaus positiv gezeichnet: Judith als Erretterin ...

Sabine Orléans: Ich glaube, in diesem Kontext ist sie wirklich eine Befreierin; eine Figur, die einen Sinn innerhalb ihrer Gemeinschaft hat und eine Tat vollbringt wie David gegen Goliath. Bei Hebbel schwingt bei mir immer Unbehagen mit. Ich finde, sein Stück hat viel mit Angst zu tun, auch mit der Angst der Männern vor Frauen. Das spürt man, wenn Judith zum Schluss diese Paralyse erlebt, eine Art Bestrafung für ihre Tat. Ich glaube, dass Hebbels Bild von Frauen nicht das beste ist. Andererseits gibt er uns auch Rätsel auf. Judith ist als Figur eine Folie, die unglaublich viele Möglichkeiten bietet, weil sie so widersprüchlich ist. Von daher ist sie natürlich auch eine tolle Frauenfigur.

Sebastian Doppelbauer: Ich weiß gar nicht, ob ich im Text – zumindest für meine Figur – Angst vor Frauen lese. Ich würde eher sagen, es ist allgemein eine Art Soziophobie, irgendwie Abscheu vor dem, was Mensch ist. Holofernes ekelt sich vor dem, was Menschsein bedeutet, und davon kann er sich nur fernhalten, indem er andere unterdrückt – was ja durchaus auch auf sexuelle Art und Weise stattfindet. Ich sehe den großen Reiz für ihn auch darin, die Gesellschaft mit ihren Normen und Wertvorstellungen als instabiles Kon­strukt zu betrachten. Die Verabredungen, wie wir miteinander umgehen, sind so fragil und aus einem egoistischen Individualgedanken so leicht zu hinterfragen. Ich kann für mich persönlich wahnsinnig viele Vorteile daraus ziehen, dass ich mich eben nicht daran halte. Für Holofernes steckt hinter menschlichem Umgang auch viel Heuchelei.

Hebbels Judith ist ja auch ein Stück über Geschlechterbilder und -rollen.

Sabine Orléans: Es gibt das patriarchale System, in dem sich Judith bewegt und eine Befreiung daraus durch ihre Tat, die einmalig ist. Sie entscheidet sich dann für den Tod, was für mich auch ein Akt der Freiheit ist. Ich meine, was soll danach kommen? Soll sie wieder zurückgehen ins Nest, ins brave Frausein? Ich glaube, die Diskussion über Geschlechterrollen ist sehr aktuell. Bilder von Frau und Mann sind gesellschaftlich tief verankert. Natürlich können Mädchen Rosa tragen, aber das heißt nicht, dass Rosa weiblich ist, genauso wenig wie Glitzersöckchen einen Jungen „schwul“ machen. Diese Zuschreibungen sind in unseren Köpfen durch das patriarchale System gegeben.

Ist die Tötung Holofernes‘ für Judith als Frau, die das Patriarchat in sich und auch weiter trägt, ein Versuch des Ausbruchs aus diesem System?

Sabine Orléans: Judith ist für mich erst einmal eine Frau, die große Kraft und Willen hat, eine Sehnsucht nach etwas; die auch eine Sexualität hat, die sie nicht ausleben kann, weil ihr Mann impotent wird, als er bemerkt, dass die Frau sexuell erregbar ist. Judiths nicht ausgelebte Kraft begegnet dann der ebenfalls großen Kraft Holofernes‘ in der Suche nach Extremen, nach Entgrenzung, in der Ausdehnung des Ichs und im Finden eines Gegenparts. In den Extremen können sie natürlich nicht existieren, aber einmal im Leben sie selbst sein.

Hebbel „bestraft" seine Judith für das Übertreten der ihr im Patriarchat zugewiesenen Grenzen.

Sabine Orléans: Ja, und das passiert heute noch. Jede und jeder wird bestraft, wenn man das System verlässt. Nicht nur Frauen, auch Männer. Wir müssen uns alle ans System anpassen.

Holofernes ist nicht ans System angepasst. Er lebt in seinem eigenen Narzissmus, in seiner Hybris und seinem Größenwahn. Ist das reizvoll?

Sebastian Doppelbauer: Auf jeden Fall. Es ist erst mal immer reizvoll, in einem verabredeten Raum solche Gedanken zu vertreten, also alles denken und sagen zu dürfen, was ich sonst nicht denke. Das ist ja das allertollste am Theater: Dass ich das Alles sein kann, sei es jetzt Holofernes oder Goebbels. Holofernes ist schon eine Überzeichnung von Hybris und Narzissmus, aber am Ende dann auch nicht wirklich – natürlich in der Art und Weise, wie er sich Dinge verfügbar macht, mit archaischer Gewalt. Es ist interessant, das zu betrachten, weil in unserer Welt heute alles abgeplüscht ist. Es scheint alles gewaltlos und glatt, aber das stimmt im Endeffekt gar nicht, die Kanäle sind nur andere. Wenn man etwas zeigt, das mit Gewalt und Macht zu tun hat, dann findet man auf interessante Art und Weise sofort etwas, mit dem man sich verbinden kann. Mich fasziniert diese Radikalität, einen Gedanken konsequent zu Ende zu denken: Ich habe meinen Tod als das absolute Ende akzeptiert, ich habe akzeptiert, dass ich aus mir selbst alles entscheiden und schöpfen kann. Es gibt niemanden sonst, der mir einen Sinn gibt. Das ist ein Gefühl, das ich durchaus nachvollziehen kann. Denn diese Sinnentleerung ist ja auch total ein Thema unserer Zeit.

Interview: Johanna Vater und Seline Seidler

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