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Das Sonntagstelefonat: Eine Geschichte zwischen Müttern und Töchtern

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14:11 02.12.2019
Was nie geschehen ist nach dem Roman von Nadja Spiegelman. Quelle: Kerstin Schomburg

WAS NIE GESCHEHEN IST

nach dem Roman von Nadja Spiegelman
Regie: Alice Buddeberg
Mit Anja Herden, Irene Kugler, Amelle Schwerk
Uraufführung: 11. Dezember, 19.30 Uhr, Ballhof Eins

Es ist Sonntagnachmittag, die spätherbstliche Sonne steht bereits tief und ich habe es mir mit einer Tasse Kaffee auf dem Sofa gemütlich gemacht. Die Nummer, die ich wähle, ist – neben meiner eigenen – die einzige, die ich auswendig kenne, die einzige, die ich in einem Notfall auch ohne Handy anrufen könnte, und diejenige, die ich für Ratschläge aller Art heranziehe. „Du bist eine erwachsene Frau“, denke ich mir, während ich mir die Meinung meiner Mutter zu Gehaltsverhandlungen, Beamtendeutsch oder Kindersorgen einhole, „du kannst doch nicht bei jeder Unsicherheit deine Mutter zurate ziehen.“ Doch ich bin keine Rarität. Viele meiner Freundinnen berichten Ähnliches und Google lässt mich dazu wissen, dass eine aktuelle Studie belegt, dass das Verhältnis zwischen erwachsenen Töchtern und ihren Müttern nie besser war als heute. Aha. Und früher? Was bedeutet das für das Verhältnis meiner Mutter zu ihrer Mutter? Meine Großmutter starb, als meine Mutter in ihren Zwanzigern war. Alles, was ich von ihr weiß, ist geformt von den Erinnerungen meiner Mutter. Aufs Engste verwandt und doch eine Fremde für mich.
Persönliche Geschichten
„Mama, ich möchte mit dir über dein Verhältnis zu deiner Mutter reden.“
Dies ist der Moment in dem ich meinen unvermittelten Wunsch in einen Kontext setzen sollte, und ich berichte ihr von meinen Proben zu „Was nie geschehen ist“, einer Geschichte, die über drei Generationen von Müttern und Töchtern hinweg deren Biografien entfaltet, eine ganz persönliche Familiengeschichte, die dabei gleichzeitig so stellvertretend für Mütter und Töchter, für das Leben von Frauen und den Wandel über Generationen steht, dass ich mich immer wieder in Gedanken an meine eigene Familie wiederfinde.
„Ich war sozusagen ein Einzelkind“, sagt meine Mutter, „mit fünf Erziehungsberechtigten.“ Sie war das Nesthäkchen der Familie, ihre drei älteren Brüder waren fast schon aus dem Haus, als ihre Mutter mit über 40 noch einmal schwanger wurde. Vielleicht war es die – für die damalige Zeit ungewöhnlich – späte Schwangerschaft, die Frage, ob meine Großmutter die Kraft hatte, noch einmal ein Kind großzuziehen, die bei ihr Ängste auslösten. Eine Ängstlichkeit, die sich auf meine Mutter übertrug und zu einer Art Grundstimmung ihrer Kindheit wurde und die sie wiederum, so sagt sie heute, in ihre Mutterschaft übertragen hat. „Auch auf mich?“, frage ich mich.
Nach drei Söhnen endlich ein Mädchen! Vor lauter Glück ließ mein Großvater die ganze Kneipe hochleben, für meine Großmutter bedeutete die kleine Tochter endlich eine Verbündete in einer reinen Männerfamilie. Doch das Verhältnis bleibt distanziert. Die Konventionen der Zeit, die Hierarchie, von der das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern stets geprägt war, verhindern die Nähe, nach der sich beide sehnen. Die fehlende Vertrautheit schlägt sich auch körperlich nieder, „bei uns hat man sich eher nicht in den Arm genommen, das war einfach nicht üblich“, und so wird die Mutter auch nicht zur Ansprechpartnerin für die Sorgen und Nöte der kleinen Tochter. „Erst viel später, kurz bevor meine Mutter gestorben ist, gab es Situationen, in denen wir uns ausgetauscht haben, in denen wir uns nahegekommen sind.“
Vertrautes Verhältnis
Als meine Mutter selber Mutter wurde, war meine Großmutter bereits seit mehreren Jahren tot. Zu ihrer Schwiegermutter sollte sie erst Jahre später ein vertrautes Verhältnis bekommen. Mein eigener Vater war mehr mit seiner Arbeit denn mit Familienfragen beschäftigt. Der berufsbedingte Umzug rückte auch den Freundes- und Bekanntenkreis in große Distanz. Dies war eine Zeit, in der sie sich oft einsam fühlte, überfordert mit einer Situation, in der sie sich Austausch, Ratschlag oder eine helfende Hand gewünscht hätte. Und dennoch war es nicht die Mutter, die sie vermisste. „Wir hatten sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie man das Leben gestalten möchte. Auf viele Fragen, die ich hatte, hätte sie keine Antwort gewusst.“ Aber es sind nicht immer nur die sorgenvollen Momente, in denen man sich Gemeinsamkeit wünscht. „Dass ich mein Glück nicht mit ihr teilen konnte, dass sie meine Kinder, meine Familie, die schönen Momente meines Lebens nie kennenlernen durfte, das hat mich schon geschmerzt.“ Vieles hat meine Mutter aus der eigenen Erziehung unreflektiert übernommen, manches wiederum ganz bewusst anders entschieden. „Mir war immer wichtig, dass wir ein offenes Verhältnis haben, miteinander reden können. Eine Nähe, bei der man weiß, man ist füreinander da.“
Es ist Sonntagnachmittag, ich habe es mir auf dem Sofa gemütlich gemacht und telefoniere schon seit über einer Stunde mit meiner Mutter. Für uns ist das schon ein wöchentliches Ritual, das ich fast physisch spüre, wenn die Zeit es einmal nicht zulässt und der Abstand zu groß wird. Das Rad der Generationen hat sich mittlerweile weitergedreht, meine Mutter ist nicht nur Mutter, sondern auch Großmutter und ich schicke ihr Fotos und Videos von ihrem Enkelkind, um die räumliche Distanz zu überbrücken. 55 Prozent der Töchter, so Google, besprechen persönliche Dinge regelmäßig mit ihrer Mutter – mein Blick fällt auf meinen kleinen Jungen, der mit lautstarker Begeisterung die Wege der elektrischen Eisenbahn verfolgt – aber nur 29 Prozent der Söhne.

Zum Stück

Im Ballhof laufen die Proben für „Was nie geschehen ist“, eine Uraufführung des gleichnamigen Romans von Nadja Spiegelman. Die Autorin erzählt autobiografisch das Leben ihrer Mutter und verknüpft es mit dem der Großmutter und ihrem eigenen. Drei Frauen, drei Generationen und ihre Mütterbilder im Wandel der Zeit – und drei Töchter, die im Widerstreit der Erinnerung zwischen Verletzungen und Ablehnung um Liebe und Akzeptanz ringen. Die Regisseurin Alice Buddeberg entwickelt mit den Schauspielerinnen Anja Herden, Irene Kugler und Amelle Schwerk einen Abend über Selbstentwürfe und Identitäten, Projektionsflächen und Erinnerungen und das Erzählen als versöhnende Kraft an sich.

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