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Das unentdeckte Land

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14:22 01.05.2020
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Die Zeit ist aus den Fugen – nicht nur an den Theatern und Konzerthäusern geht seit dem Corona-Shutdown gar nichts mehr. Gar nichts? Das stimmt so nicht, denn es tut sich doch eine Menge. Während die Vorhänge geschlossen und die Zuschauersäle leer bleiben, rüsten sich viele Theater in atemberaubender Geschwindigkeit für ein digitales Programm. Anfänglich etwas stolpernd, suchend und in manchen Fällen vielleicht auch ein wenig aktionistisch, haben inzwischen fast alle großen Bühnen im deutschsprachigen Raum eine beachtliche Bandbreite an Onlineangeboten auf die Beine gestellt. Von Theater-Karaoke, Twitter-Konzerten, Video-Trash und Podcast-Formaten bis hin zu Streamings kompletter Theateraufzeichnungen. Noch nie gab es ein größeres Onlineangebot an Kultur! Auch Staatsoper und Schauspiel Hannover bündeln derzeit ihre digitalen Aktivitäten unter dem Label „On Air“.

Das, was noch vor wenigen Wochen undenkbar schien, ist plötzlich da: die digitale Bühne. Seit dem Aufkommen des Internets war die Frage der Digitalisierung von Kunst hart umkämpft. Zwar wurden auch die Theater in den letzten Jahren immer aktiver und kreativer auf ihren Homepages und den Kanälen der sozialen Medien, dies waren aber in erster Linie Kommunikations- und Vermittlungsangebote, keine künstlerischen Formate. Die Kunst selbst sollte davon unberührt bleiben. Viele Künstlerinnen und Künstler fürchteten, ihre Kunstform würde im digitalen Mainstream untergehen und ihren Zauber verlieren. Zudem gab es etliche rechtliche Hürden, Lizenzfragen, Unsicherheiten und Berührungsängste. Theater und Digitales – das war lange unvereinbar (abgesehen von einzelnen theatralen Experimenten). Jetzt sind die Homepages über Nacht zur Bühne geworden. 

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Die Qualität nimmt zu

Dabei ist längst nicht alles, was derzeit über die Router in die heimischen Wohnzimmer streamt, ein Hochglanzprodukt. Vieles ist noch improvisiert, schnell gestrickt oder aus dem Archiv gefischt. Aber die Qualität nimmt stetig zu. Es werden zahlreiche Ideen entwickelt, ausprobiert, verworfen und neu aufgesetzt – die Theater betreten digitales Neuland und werden dabei immer mutiger. Die hohen Klickzahlen geben ihnen dabei Rückenwind.

Die im Homeoffice produzierten Audio-Podcasts, Hörspiele und Lesungen haben sicher nicht die Qualität einer Radioproduktion des Öffentlich-Rechtlichen. Auch die Streams von mitgeschnittenen Theaterproben können und wollen gar nicht mit Netflix und Co. konkurrieren. Es sind nicht die bekannten Formate, mit denen sich das Theater gerade digital hervortut, sondern die neuen: Man denke an die virtuelle „Aida“-Chorproduktion der Staatsoper. An das interaktive Storytelling-Projekt #cliffhanger des Schauspiel Hannover, bei dem sich auch das Publikum beteiligen kann. Theatrale Video-Workshops und Mitmachformate. Oder die Webserie „zeitfüreinander“, die zehn Schauspielerinnen und Schauspieler aus Berlin, Düsseldorf, Hannover, München und Nürnberg zusammen bringt – entstanden als Koproduktion von fünf Theatern. 

Man darf gespannt sein, welches Theater die erste komplett im Homeoffice geprobte Onlineinszenierung zur Aufführung bringen wird – auch am Schauspiel Hannover gibt es Ideen dazu. 

Digitales Vakuum?

Natürlich kommen da auch kulturpessimistische Stimmen auf. Die HAZ stellte provokant die „To stream or not to stream“-Frage. In der „taz“ schrieb Uwe Mattheis: „Beobachtet eigentlich jemand, was aus der ganzen schönen Kunst wird, wenn sie in die Körperlosigkeit des digitalen Vakuums entweicht?“ Kunst könnte, so die Befürchtung, zur Ware degradiert werden, sie reihe sich ein in den Strom des allgemein belanglosen Getwitters und Geblökes. Und was wäre, entsetzliche Vorstellung, wenn sich die Menschen zu sehr daran gewöhnen und sich irgendwann gar nicht mehr von ihren Sofas wegbewegen? 

On Air

Unter dem Titel Schauspiel Hannover On Air ist ein Spielplan mit digitalen Angeboten des Schauspiel Hannover abrufbar. Für die jeweils kommenden sieben Tage werden hier immer freitags alle Termine sowie die Veröffentlichung von neuen Podcast- und Video-Formaten angekündigt: www.schauspielhannover.de.

Eine neue Dimension

Es gibt wenig Grund, in diesem digitalen Boom eine reale Bedrohung für die Kunst oder die Künstlerinnen und Künstler zu sehen. Niemand kann oder möchte das Theater durch einen Stream ersetzen – weder die Ensembles noch das Publikum. Wir alle freuen uns gemeinsam auf den Tag, an dem wir wieder proben und spielen können, an dem wir die Unmittelbarkeit der Begegnung und das kollektive Live-Erlebnis im gedimmten Zuschauersaal erleben dürfen. Die Sehnsucht ist groß – und der Hunger nach analogem Theater wächst! Theater beruht letztlich immer auf Nähe und sozialer Interaktion, auf Sehen und Gesehenwerden – daraus schöpft es seine Themen und Energien, das wird so bleiben. Und trotzdem lässt sich nicht leugnen, dass nun etwas hinzugekommen ist, eine Dimension, die wir noch nicht richtig greifen können. 

Der durch die Corona-Krise in Gang gesetzte künstlerische und technische Entwicklungsprozess steht noch am Anfang, aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass das Theater nach Corona nicht mehr dasselbe sein wird – wie auch unsere Gesellschaft gerade einen tief greifenden Einbruch erlebt, der vieles verändern und auf den Kopf stellen wird. Die Herausforderung besteht darin, die Zukunft zu gestalten und Perspektiven zu entwickeln. Das Theater ist zwar eine jahrtausendealte Kunstform, aber zugleich eine der agilsten und vitalsten überhaupt, da sie immer im Hier und Jetzt entsteht. 

Corona mag uns zu äußerem Stillstand verdonnern, aber im Theater brodelt es weiter. Und das ist gut so! Es gibt wahre Schätze und Unikate in den digitalen Theaterwelten zu finden. Folgen Sie dem Theater in das unentdeckte Land!

Nils Wendtland

Schlafen, Netflix, schlafen, oder?

Auch das Ensemble des Schauspiel Hannover arbeitet im Homeoffice und produzierte mit der Serie #wieesgewesenwäre auf Social Media schon einmal ein paar Einblicke. 

Fabian Felix Dott (links) und Alban Mondschein

Fabian Felix Dott klebte sich am Tag der Vorstellung von „The Männy“ Champignons ins Gesicht, weil er für die „Mensch-Tier-Verknotung“ im Ballhof natürlich nicht in die Maske konnte. Und Alban Mondschein sang mit seinem Kollegen am Tag der Vorstellung von „Werther“ ein Lied für Lotte im Wald. Wie der Alltag von Fabian Felix Dott und Alban Mondschein ansonsten aussieht, hat die spielzeit per SMS gefragt. 

Wie ist deine Körpertemperatur?

Fabian Felix Dott: „afebril.“
Alban Mondschein: „oft zu niedrig, meistens genau richtig“

Und wie ist deine emotionale Temperatur?

Alban Mondschein: „love hurts in coronatimes“
Fabian Felix Dott: „Bei gutem Wetter stark erhöht, ansonsten wie im Winterschlaf“

Für jeden Theatermitarbeiter ist es ein ganz besonderer Moment, wenn im Sommer die sechswöchigen Ferien anfangen – hast du jetzt auch so ein Gefühl?

Alban Mondschein: „ist zumindest ähnlich. ich vermisse alle. das ist im sommer dann auch immer so“

Wie sieht ein normaler Tag in deinem Leben als Schauspieler aus?

Fabian Felix Dott: „Aufstehen, Kaffee, Proben von 10 bis 14 Uhr. Mittagessen, ausruhen, Text lernen. Und je nach Tag abends von 18 bis 22 Uhr Probe oder Vorstellung. Sport und soziale Kontakte exklusive.“

Und ein Tag in Quarantäne?

Fabian Felix Dott: „Aufstehen, Kaffee, Lesen, Sport, Telefonieren, Essen, Spazierengehen. ODER: schlafen, Netflix, schlafen.“

Tiefkühlpizza oder experimentelles Fünf-Sterne-Kochvideo nachkochen?

Alban Mondschein: „kartoffelecken. ich schwöre!!!“

Wie viel Toilettenpapier hast du noch zu Hause?

Alban Mondschein: „genug.“

Aus welcher Produktion seid ihr rausgerissen worden und wie war eure erste Reaktion?

Fabian Felix Dott: „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch von Dostojewski. Nach der letzten gemeinsamen Probe saßen wir noch lange bei Pizza und Wein zusammen. Keiner wollte so richtig nach Hause gehen. Fühlte sich an wie das letzte Abendmahl."

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