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Spielzeit „Denken, Fragen, Grübeln“
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„Denken, Fragen, Grübeln“

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20:26 30.04.2020
Ein liebevoll verrückter Blick auf die Welt. Quelle: Laura Robert
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Frau Khuon, Herr Nergiz, was hat Sie bewegt, ausgerechnet jetzt ein Magazin herauszubringen? 

Mazlum Nergiz: Wir haben viel darüber nachgedacht, wie wir als Theatermacherinnen und Theatermacher weiterhin Teil des gesellschaftlichen Diskurses sein können. Wohin mit all den angefangenen Notizen, Denkübungen und Gesprächen? Wir befinden uns im ständigen Austausch mit Autorinnen und Autoren, deren Gedanken und Impulse wir versuchen mit unserer künstlerischen Arbeit am Theater zu verbinden. So kamen wir auf die Idee, unser Denken, Fragen, Grübeln und Suchen jenseits der Bühne trotzdem fortzusetzen: Entstanden ist ein Magazin, das sich von nun an alle halbe Jahre mit uns und unseren gegenwärtigen Verhältnissen auseinandersetzt – in Vertiefung, Verästelung und steter Suche.

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Mazlum Nergiz Quelle: Kerstin Schomburg

Worum wird es in der ersten Ausgabe gehen?

Nergiz: Das Magazin erscheint unter dem Titel „Intim sein“. Es geht um die Art und Weise, wie wir als Menschen mit anderen Menschen, aber auch mit anderen Lebewesen und Objekten, uns in Beziehung setzen können. Gerade jetzt, wo in den meisten Fällen der einzige Mensch, mit dem wir eine Verbindung herstellen können, man selbst ist, ist diese Frage nach Nähe und Distanz besonders relevant: Wie kann ich mit mir selbst intim sein? Wie kann ich die physische Isolation zwar nicht verlassen, mich aber mit anderen Gedanken, Büchern, Bakterien, Philosophien, Menschen verbinden? Einige Texte nehmen Bezug auf die jetzige Situation. Beispielsweise hat uns die afroamerikanische Dramatikerin Diane Exavier ihre „Notizen“ geschickt. Während sie in Isolation in New York sitzt, schreibt sie über Liebe, Sklaverei, Trauer und die notwendigen und zu verlassen-den Grenzen dessen, was eine Liebe überhaupt möglich macht.

Nora Khuon: Mich beschäftigt Donna Haraways Weg des tentakulären Denkens – des sich in viele Richtungen unhierarchisch, auf Augenhöhe gedanklichen Bewegens. Das Magazin ist gewissermaßen ein Versuch darin. Wir spinnen Verbindungen, setzen verschiedene gedankliche Ansätze nebeneinander, die sich interessanterweise ohne dass sie voneinander wussten gegenseitig weiterspinnen. Das Thema „Intim sein“ hat für mich sehr viel mit Vertrauen zu tun. Intimität stellt sich dort ein, wo Vertrauen und Liebe herrschen. Von diesem Punkt loszugehen und zu fragen, in welchen Momenten oder Beziehungen wir Intimität spüren – also auch Vertrauen – war ein Antrieb. Dabei geht es sowohl um den privaten Kosmos als auch die politische Dimension von Intimität. 

Nora Khuon Quelle: Kerstin Schomburg

Welcher der Beiträge hat Sie am meisten überrascht?

Khuon: Überrascht haben mich gewissermaßen alle, da das ja ein Themenfeld ist, bei dem man mit den wenigsten Autorinnen und Autoren tatsächlich vertraut ist. Mich hat der Beitrag von Gene Ray enorm berührt, der die Kraft der Liebe beschwört und gleichzeitig über die Ungerechtigkeiten sozialer Privilegien und die Schieflage der Welt schreibt, aber immer mit der Hoffnung auf die Möglichkeit der Veränderung. Auch die Gedichte von Marius Goldhorn haben mich erwischt, Kevin Rittbergers Versuch über die innere Einkehr und Berührung mit sich selbst brachte mich sehr ins eigene Denken, und überrascht war ich von Laura Robert, die ich bisher nur als Bühnenbildnerin kannte und die, als sie von unserem Projekt hörte, sagte, sie hätte Lust, Illustrationen zu liefern. Ich war sehr gefangen von ihrem verrückten Blick auf die Welt, der sehr liebevoll, mitunter traurig, dann wieder sehr lustig und schräg anmutet – aber immer ein Geheimnis in sich birgt. 

Das Theater verhandelt ja in der Regel seine Themen auf der Bühne. Ist Ihr neues Magazin ein verlängerter Arm der Bühne?

Nergiz: Das Magazin versteht sich, wenn überhaupt, als Bühne des Denkens und der Literatur.  

Am Schauspiel Hannover gab es auch schon unter der vorherigen Intendanz ein großformatiges Magazin – wird es Ihr Magazin ebenfalls in gedruckter Form geben? Ist es überhaupt noch zeitgemäß, auf Papier zu drucken?

Khuon: Ja. Wir wollen unser Magazin gerne auch den Leserinnen und Lesern zugänglich machen, die nicht so onlineaffin sind. Allerdings wird die Printausgabe nicht alle Artikel und Beiträge enthalten. Einerseits, weil einige Beiträge, zum Beispiel Ijoma Mangolds Interview mit der Literaturwissenschaftlerin Barbara Vincken, Hörstücke oder Videos sind, andererseits ist das Magazin als ein wachsendes Projekt gedacht. Wir haben zwar einen Redaktionsschluss, bei dem die ersten Texte beisammen sind, es soll aber über die Monate weiterwachsen und sich anfüllen. Die Printausgabe wird daher eine Auswahl an Texten und Illustrationen beinhalten.

Haben Sie persönliche Lieblings-Kolumnistinnen oder -Kolumnisten? 

Nergiz: Mely Kiyaks „Deutschstunde“ auf „ZEIT Online“ ist definitiv meine Lieblingskolumne. Sie knüpft sich das Gesagte und Mitgeteilte bestimmter Individuen wie Politikerinnen und Politiker oder aber auch generelle Sprachtrends vor und demaskiert voller Witz, aber mit einer tiefen politischen Analyse die Rhetorik der Ideologien, die wir als normal betrachten.

Ein Literaturtipp für die Krise – was lesen Sie, wenn Sie nicht gerade fürs Theater arbeiten?

Nergiz: Alles von der kanadischen Autorin Anne Carson! Fangen Sie mit ihren Kurzgeschichten, die auf der Website vom „New Yorker“ nachzulesen sind, an und dann lesen Sie „Rot“, das jetzt endlich in deutscher Übersetzung vorliegt. Noch nie haben Sie die Antike so schwul, so traurig, bebend und ausbrechend wie ein Vulkan gelesen. Judith Schalanskys „Verzeichnis einiger Verluste“, ein Erzählband über verloren gegangene Dinge, Nationen und Menschen und die ständige Anwesenheit der Geschichte, ist mein ständiger Begleiter.

Khuon: „Fuchs 8“ von George Saunders ist für mich eines der berührendsten Bücher überhaupt. Saunders lässt uns durch die Augen eines Fuchses einen Blick auf uns und unsere Gesellschaft werfen. Irritierend, traurig und immer wieder hoffnungsvoll, durchdrungen vom Glauben daran, dass Veränderung möglich ist und der Mensch zum Guten fähig. Dann habe ich mit großer Emphase „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ von Otessa Moshfegh gelesen. Ein sprachgewaltiger Roman mit enormer Wucht, der seine Protagonistin durch eine Art postkapitalistischen Nebel samt Burnout wandeln lässt, angefüttert mit Angst, Leere und unendlicher Traurigkeit, dabei sprachlich sachlich und klar und einem großartig bösartigen Witz. 

Auf www.schauspielhannover.de
steht das Magazin zum Download bereit. 

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