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Der U-Turn eines Hochseedampfers

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Sabrina Ceesay Quelle: Kerstin Schomburg

Es ist der 14.08.2020. Das Theater befindet sich in der Sommerpause. Die neue Saison liegt vor uns, wie Kleider, die extra zum Schulbeginn angeschafft worden sind: Sorgfältig ausgewählt, aber noch unberührt. Noch zwei Wochen Ruhe, dann wollen wir probieren, was es heißt, in einer Pandemie vor reduziertem Publikum zu spielen. Ob sie sich bewähren, die unter Hygieneregeln entstandenen Produktionen? In der dänischen Dünenlandschaft vi-briert mein Handy.
„Liebe Friederike, ich hoffe, dir geht’s gut und ihr hattet einen schönen Urlaub. Ich habe dir eine Mail geschrieben. Mit einer Anfrage. T.“
Ich wecke meinen E-Mail-Account aus dem Tiefschlaf und entdecke besagte Email mit dem Titel „KRISE“.
„(…) Ich möchte dir gern was erzählen. Ich hab’ ein Stück geschrieben mit dem Titel: Krise 2.0 – der Beginn einer neuen Welt. Es beschäftigt sich mit dem ‚Jetzt’. Ich frage mich, wie wahrscheinlich viele in diesen Zeiten: Mit welcher Notwendigkeit aktuell noch Theater machen? Dieses mein Stück ist eine Art Antwort. Ich komme zu dir mit einer, wenn man so will, sehr unkonventionellen Frage: Ich möchte euch, das Theater, bitten, dass ich anstelle von „Every Heart is build around a Memory“ mein neu geschriebenes Stück im Oktober 2020 ins­zeniere.“
Auf einmal bin ich hellwach. Mein Kopf rattert die Blaupause der vor mir liegenden Arbeitsschritte herunter, die nötig wären um das Anliegen in die Tat umzusetzen. Denn auch wenn sich Theater mit Zeitgeschehen auseinandersetzen möchte, im Alltag verhält es sich eher wie ein behäbiger Hochseedampfer, der, einmal in Fahrt, nur schwer und vor allen Dingen nur langsam zu manövrieren ist.
Ich lese das Stück von Theresa. Seine Poesie zieht mich in seinen Bann. Assoziativ beschreibt sie ihre und gesellschaftliche Erfahrungen der letzten Monate, fühlt systemische Zustände nach, die es schon lange gibt, die aber spätestens seit dem Frühjahr 2020 niemand mehr ignorieren kann. Mal leicht und schwebend, mal mit zu Boden drückender Eindringlichkeit, aber immer mit dem Puls des Weiterwollens nimmt mich das Stück mit auf die Reise zum Beginn einer neuen Welt, die kein Anfang und kein Ende kennt. Also: wann, wenn nicht jetzt. Einen Versuch ist es zumindest wert.
Die Kommandobrücke muss informiert werden. Ich schicke das neue Stück an meine Kolleginnen und Kollegen und sammle erste Eindrücke ein. Grundsätzlich ist man interessiert, möchte mit Theresa Henning, der Autorin, und Regisseurin näher darüber sprechen. Passt das neue Stück in die Position, die eigentlich für das andere Stück vorgesehen war? Bühne und Kostüme befinden sich bereits in Produktion. Verträge mit Verlagen sind geschlossen. Kann man diese Prozesse stoppen oder den neuen Umständen anpassen?
Zwei Wochen vergehen wie im Flug. Die neue Saison beginnt. 31.08.2020 Autorin und Intendantin treffen sich in Hannover. Ein gutes Zeichen. Wir sind im Gespräch. Langsam, ganz langsam lenkt der Hochseedampfer Schauspiel Hannover ein. Das Wendemanöver wird eingeleitet. Erste Wellen werden gekreuzt, erster Gegenwind regt sich. Das vermeintlich Unmögliche – ein bereits geplantes, angekündigtes und in den ersten Produktionsabschnitten befindliches Stück durch ein anderes zu ersetzen – soll möglich gemacht werden.
02.09.2020 „Hey, sorry, dass ich mich gestern nicht mehr gemeldet habe. Hier der Stand. Es gibt starke Stimmen für „Krise 2.0“ aus der Dramaturgie. Jetzt sollen alle nochmals lesen. Morgen früh haben wir die nächste Sitzung. Da sprechen wir noch mal und kommen hoffentlich zu einer Entscheidung. Liebst F.“
„Oha wie aufregend, krieg gleich nen Herzinfarkt. Ohne Spaß. T.“
Eine Woche später, am 09.09.2020, spreche ich mit dem Verlag des eigentlich geplanten Stückes. Auch hier stoße ich auf offene Ohren, Verständnis für die Situation, obwohl man sich ein Festhalten an „Every Heart is build around a Memory“ wünschen würde. Der Autor hatte schließlich mit der Aufführung gerechnet. Und man muss schauen, ob es vertragliche Optionen gibt. Einen Tag später ist die vertragliche Option gefunden. Fast hat der Hochseedampfer die Kurve genommen.
14.09.2020 Die nächste Hürde deutet sich an. Trifft das Stück die vorgesehene Zielgruppe? Wir entschließen uns zu einem Workshop. Der neue Text von Theresa Henning soll mit Teilen des Ensembles und vor einer kleinen Gruppe von zwölfjährigen Personen getestet werden.
17.09.2020 Mehr Optimismus. Aus „Krise 2.0“ wird „Der Beginn einer neuen Welt“.
21.09.2020 Workshoptag. In nur wenigen Stunden erarbeitet Theresa Henning mit den Ensemblemitgliedern Sa-brina Ceesay und Nils Rovira-Muñoz drei Szenen des Stückes und präsentieren die Ergebnisse den Schülerinnen und Schülern, die sich bereiterklärt haben, unser Testpublikum zu sein, und Teilen der Dramaturgie. Weitere Diskussionen zwischen Dramaturgie und der Abteilung für Künstlerische Vermittlung und Interaktion folgen. Die entscheidende Frage bleibt: Ist „Der Beginn einer neuen Welt“ für ein Publikum ab zwölf Jahren zugänglich?
Am 24.09.2020, drei Wochen vor Beginn der Proben, fällt die Entscheidung. Das Alter des Zielpublikums wird auf 14 Jahre angehoben und Theresa Hennings Stück „Der Beginn einer neuen Welt“ soll am 20.11.2020 im Ballhof Zwei zur Uraufführung kommen.
Hinter uns liegen unzählige Gespräche, E-Mails, Whatsapp-Nachrichten, Arbeitsstunden, Organisation, Hoffen, Bangen und Fragen. Schließlich wurde das Unmögliche möglich: Auch ein Hochseedampfer ist fähig, einen U-Turn zu fahren. Aber wie auf Hochseedampfern ist ein Wendemanöver keine Alltäglichkeit in einem so großen Theaterbetrieb wie dem Schauspiel Hannover. Unzählige Faktoren spielen eine Rolle und es gilt,  sich einer Menge an Ängsten und Unsicherheiten stellen. Es bedarf der Aufgeschlossenheit und Mitarbeit aller, um offen zu sein für Reaktionen auf aktuelle Ereignisse. Nicht nur in den Inszenierungen selbst, sondern auch in der Anpassung der Themen im Spielplan.
Der durchschiffte Wellengang bleibt für das Publikum weitestgehend unsichtbar. Für „Der Beginn einer neuen Welt“ war der U-Turn eines Hochseedampfers nötig.

Weitere Informationen

DER BEGINN EINER NEUEN WELT
Von Theresa Henning
Regie: Theresa Henning
Mit Sabrina Ceesay, Tabitha Frehner, Nils Rovira-Muñoz
Uraufführung: 20. November, 19.30 Uhr, Ballhof Zwei

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