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Die Sprache zum Fliegen bringen

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15:36 02.06.2021
"Was ihr wollt" von William Shakespear
"Was ihr wollt" von William Shakespear Quelle: Kerstin Schomburg

Was ihr wollt

von William Shakespeare

Regie: Ronny Jakubaschk
Mit: Sabrina Ceesay, Bernhard Conrad, Nikolai Gemel, Mathias Max Herrmann, Stella Hilb, Alrun Hofert, Cara-Maria Nagler
Live-Musik: Lutz Streun, Christoph van Hal, Jörg Kunze

Preview: 10. Juni, 20 Uhr
Premiere: 12. Juni, 20 Uhr

Die Narren halten Einzug in den Hof des Schauspielhauses und mit ihnen Shakespeares „Was ihr wollt“ – eine Komödie über Verwirrspiel, Verkleidung, Geschlechterrollen und eine Gesellschaft, so verformt, dass sie all das in Kauf nimmt, ohne auf die Idee zu kommen, nur ein einziges wahres Wort zu wechseln.

Nach Monaten der pandemiebedingten Schließung, getragen von der Euphorie der scheinbaren Sicherheit, dass wir diese Produktion schon bald zu einer „richtigen“ Premiere vor Publikum bringen können, probt das Theater den Aufstand in Illyrien. Und das Publikum  trifft auf die schiffbrüchige Viola, die sich ganz allein im fremden Land als Mann verkleidet und sich in den Dienst von Herzog Orsino stellt. Als sein Bote wird Viola (jetzt Cesario) aufgetragen, um das Herz der Gräfin Olivia zu werben, die selbst gerade Bruder und Vater verloren hat und sich so dem Drängen einer ganzen Schar heiratswilliger, nach Macht strebender Männer ausgesetzt sieht. An ihrem Hof hat sich ihr Onkel Sir Toby von Rülps eingenistet, der seinen Günstling Sir Andrew Bleichenwang als Kandidat ins Spiel schickt. Aber auch der Haushofmeister Malvolio wittert, angeregt durch die Intrige der Kammerzofe Maria, sein Glück bei Olivia. Diese will von allem Werben nichts wissen und wendet sich in ihrer Verzweiflung der als Cesario verkleideten Viola zu. Um die Verwirrung zu komplettieren, taucht außerdem der tot geglaubte Zwillingsbruder Violas Sebastian auf und sorgt mit seinem Erscheinen zunächst für Wirbel, doch sobald sich der Staub legt, kehrt vermeintliche Ruhe in Illyrien ein.
Diese wortreichen Verwirrungen auf der Probe zu entzerren und auf die Bühne zu bringen bereitet den Spielenden und dem Regieteam nicht nur durch die lange Bühnenabstinenz großen Spaß, es liegt sicherlich auch an der Spielfreude, die in Shakespeares Text seit Jahrhunderten lebt. Dass der Autor als Berufsdramatiker mit gesellschaftlichem Auftrag schrieb, ist uns heute gar nicht unbedingt bewusst. Doch entstanden seine Werke gemeinsam mit dem Schauspielensemble auf der Bühne. Er schrieb nicht nur für ein ihm vertrautes Publikum, er schrieb auch Rollen abgestimmt auf ein Ensemble und mit dem Bewusstsein der Reichweite ihrer Vorstellungen. Als Massenmedium richteten sich die Stücke an 2.000 bis 3.000 Zuschauende und diese Wirkungsweise fordern seine Stücke auch heute noch ein.

Neue Ebenen

Schon bei der ersten Leseprobe ist das hautnah zu erfahren und man kommt nicht drum herum zu glauben, dass die kollektive Entstehungsweise dieser Texte noch immer aus ihnen spricht.

So liegt es auf der Hand, dass die Inszenierung von Ronny Jakubaschk das Schauspielensemble auf zwei Ebenen in den Vordergrund stellt. Zum einen sind die szenischen Erfindungen der Antrieb, der die Sprache zum Fliegen bringt, der die Zuschauenden neu hinhören lässt und der die Aktualität des Erzählten erzeugt, zum anderen fügt sie über die Figur des Narren eine andere Ebene ein, die die Spiegelfunktion des Theaters möglich macht.

Der Regisseur beschreibt: „Der Narr ist eine Figur, die Shakespeare in sein Stück geschrieben hat, die ein bisschen außerhalb der Gesellschaft steht und die Macken und Fehlstellen der Protagonistinnen und Protagonisten spiegelt und ihnen durch seine Sprache, durch seine Art und Weise die Chance gibt, ihr Verhalten zu verändern, und darin scheitert er. Das haben wir zum Anlass genommen, die Geschichte ein wenig anders aufzustellen. Das heißt, dass wir diese Narrenfigur genommen haben und sie auf die sieben Spielerinnen und Spieler aufgeteilt haben. Alle tragen ein verspiegeltes Ganzkörperkostüm und steigen mit einem närrischen Blick in die jeweiligen Figuren ein. Sie vergrößern mit ihrem närrisch-distanzierten Blick die Macken und Fehler dieser Figuren“, erläutert er. „ Damit zeigen sie die Welt von Illyrien als eine von Narzissten, Egoisten, Unsympathen, die eigentlich nur daran interessiert sind, sich selbst zu optimieren und in den Vordergrund zu spielen. Dabei sind die Narren eine kleine utopische Gemeinschaft. Sie sind eine Theatercompagnie, die mit großer Empathie, Gemeinsamkeit und viel Witz diese Geschichte von Figuren zu erzählt, die dazu in krassem Gegensatz stehen. Und deshalb gibt es eine Probenatmosphäre, die ziemlich genau das ist, was wir mit den Narren erzählen wollen. Es ist sehr rücksichtsvoll, sehr zugewandt, sehr lustvoll, die Möglichkeit, diesen Sommer hier auf dieser Bühne zu stehen, am Ende einer Saison, die kaum Möglichkeiten geboten hat, dem Publikum live zu begegnen, was das Medium Theater ja ausmacht und von allen anderen unterscheidet. Und das Stück ist natürlich dafür sehr geeignet“, freut sich Regisseur Ronny Jakubaschk.

In der Narrenwelt

„Wir haben viele musikalische Nummern, wo das Ensemble miteinander mehrstimmig musiziert. Bei den Liedern, die Jörg Kunze komponiert hat, folgt ein Ohrwurm auf den anderen und das begleitet die Spielenden nach der Probe bis in die Nacht hinein. Dadurch, dass wir diese Narrenwelt haben, gibt es immer wieder Proben, in denen das ganze Ensemble anwesend ist und nach einem Weg sucht, gemeinsam auf der Bühne zu sein, einander Fokus zu geben, sich gegenseitig zu applaudieren. Es gibt eine sehr vitale, fast sportliche Probenatmosphäre, da jede und jeder Spielende mehrere Aufgaben übernimmt. Dieses Narrenensemble übernimmt etwas, das in Shakespeares Stück schon angelegt ist: das Verkleiden, das In-eine-Rolle-Schlüpfen, mit Identitäten und Geschlechterklischees zu spielen. Das wird durch unsere Setzung noch weitergetrieben. Wir haben eben nicht nur eine Narrenfigur, sondern sieben Närrinnen und Narren, die manchmal mit einer Stimme sprechen, manchmal mit sieben, manchmal für sich sprechen und manchmal für die Gruppe sprechen.“

So erscheint Shakespeares Arbeitsweise gewissermaßen auf der Hofbühne des Schauspielhauses. Viele Parallelen lassen sich auch heute noch finden zu den elisabethanischen Ensembles, der größte Unterschied mag in der nicht nur geschlechtlichen Unterschiedlichkeit innerhalb der heutigen Ensembles liegen. Und grade deshalb bieten die „Gegenbesetzungen“ die Möglichkeit zum Reflektieren des vermeintlich Normalen über eine Distanz zur (körperlichen) Realität der darstellenden Person. Wenn klar ist, dass die Person auf der Bühne nicht für sich selber spricht, sondern sich vor den Augen der Zuschauenden in ein „Als ob“ begibt, kann man sich im Publikum in dem Zwischenraum von Darstellung und Figur verorten und sich so den närrischen Spiegel vorhalten lassen.

Friederike Schubert
Weitere Termine am 13, 16., 17., 18., 19., 20., 22., 23., 24., 25., 27., 29. und 30. Juni sowie am 1. und 2. Juli jeweils um 20 Uhr.