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Spielzeit Die berühmteste Femme fatale der Operngeschichte
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Die berühmteste Femme fatale der Operngeschichte

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„Carmen ist die tiefste, ehrlichste, dramatischste und leidenschaftlichste Figur. Ich fühle sie sehr. Ich muss nichts erfinden, ich bekomme einfach all diese Gefühle aus meiner Seele und lebe sie immer und immer wieder.“ Ruzana Grigorian singt die Carmen. Quelle: Clemens Heidrich
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Georges Bizets „Carmen“ ist eine Oper, die aus vielen Gründen geliebt wird: Da sind die unsterblichen, sich hartnäckig im Gehörgang festsetzenden Melodien. Da ist die Lebendigkeit, mit der Spanien in der Gluthitze des Sommers hervorgerufen wird. Da ist die geheimnisvolle Titelfigur, die ihre Vorstellungen von Liebe auf eine Weise lebt, die noch heute aneckt. Und da ist die tragische Geschichte, wie diese Carmen daran gehindert wird, ihre Freiheit zu leben – und schließlich einen der brutalsten Bühnentode überhaupt stirbt. Brutal warum? Weil sie, von Don José aus Eifersucht erstochen, einfach zusammenbricht – und nicht noch zur finalen Sterbearie ausholt wie andere tödlich getroffene Opernheldinnen. Mythen ranken sich um diese Figur; ihr Tod aber könnte nicht realistischer sein.
Die Staatsoper Hannover hat nun eine ganz eigene Bearbeitung des Werks in Auftrag gegeben. Die gestraffte Handlung legt den Fokus auf die grundverschiedenen Denk- und Gefühlswelten der beiden Hauptfiguren und spitzt die Wirkung des Werks auf anderthalb Stunden dramatisch zu. Die kammermusikalische Bearbeitung von Komponist Marius Felix Lange wiederum lässt Bizets Partitur in neuem Licht erstrahlen. Behutsame Modernisierungen tragen also dazu bei, einen frischen Blick auf das Repertoirestück zu gewinnen – ein in der Oper nach wie vor seltenes Vorgehen, das der Pandemie geschuldet sein mag, jedoch auch eine Neubewertung des Klassikers ermöglicht.

Toxisches Begehren
Natürlich nimmt auch diese „Carmen“ die zentralen Figuren der Oper in den Blick und erzählt von der hochmodernen Frage, ob wir in der Lage sind, unser eigenes Begehren unter Kontrolle zu halten. Der Kernkonflikt der Oper kommt schließlich nur zustande, weil Don José als Mann ‚gelernt‘ hat, ein Anrecht auf die Liebe einer ganz bestimmten Frau zu haben – und mit Carmen gerade diejenige erwählt, die am wenigsten zu ihm passt. Das macht die Oper auch in der Figur der Micaëla deutlich, die als etwas biederes Mädchen vom Lande die passendere Alternative ist: Sie liebt José nicht nur, nein, die beiden sind wie füreinander gemacht. Aber José möchte lieber Carmen, die ihm wild, exotisch, unverständlich bleibt und dadurch umso faszinierender für ihn ist.
Doch für Carmen ist die Liebe ein „rebellischer Vogel“, wie sie in der berühmten Habanera singt: Ein Vogel, der heute hier ist, morgen da und der im Käfig eingehen würde. José steigert sich immer weiter in die Kränkung unerfüllter Liebe hinein. „Ich bin es satt, dir zu drohen“, ruft er ihr, nun ja, als Drohung zu, bevor er sie tötet. Vor Gericht würde so ein Mann vielleicht später zu seiner Verteidigung sagen: „Ich habe sie gewarnt, aber sie wollte nicht hören.“ Die toxische Männlichkeit, von der so viel die Rede ist – in Don José ist ein überdeutliches Beispiel verewigt.

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Der Preis der Freiheit
Aber auch die Figur der Carmen ist das erste Paradebeispiel einer „Femme fatale“ in der Operngeschichte: Hier werden männliche Ängste auf eine Frau projiziert, die sich nicht binden will und daher kurzerhand zum Dämon erklärt wird. Dabei ist Carmen auch anders lesbar: als Frau, die ihre Emotionalität lebt, die mit sich im Reinen ist, die sich aber auch nicht um andere schert – schon gar nicht um die Männer, die verliebt hinter ihr hertrotten. In der Oper zahlt Carmen für ihre Freiheitsliebe einen hohen Preis; sie wird zum Freiwild, da sie Rollenbilder weit hinter sich lässt, die im Übrigen noch heute weitgehend zementiert sind. Wie in vielen Opern richtet sich auch hier die Anklage des Komponisten an die Gesellschaft, in der er lebt: Wer nicht ins System passt, ist selbst schuld, wenn er unter die Räder kommt.

Hausregisseurin Barbora Horáková und ihr Team gehen den brisanten Fragen mit Sinnlichkeit und Genauigkeit auf den Grund: Die Mythen, die sich hinter Carmens Freiheit verbergen, werden hier zu mitreißenden Bildwelten und Choreografien gefügt. Doch diese Lesart kann nur erfolgreich sein, wenn das Temperament, das Bizet in seine Partitur eingeschrieben hat, auch in der musikalischen Darbietung ihren Ausdruck findet. Dafür sorgen bereits bekannte Sängerinnen und Sänger der Staatsoper, die von neuen Ensemblemitgliedern wie Ruzana Grigorian und Rodrigo Porras Garulo unterstützt werden. Am Pult des Niedersächsischen Staatsorchesters gibt der neue Generalmusikdirektor Stephan Zilias seinen Opern-Einstand im Amt.

Martin Mutschler

Zur Person

Die junge russische Mezzosopranistin Ruzana Grigorian studierte Gesang am Mozarteum in Salzburg. Seit der Spielzeit 2017/18 war sie Mitglied des internationalen Opernstudios der Staatsoper Hamburg, wo sie u. a. als Magdalena in „Rigoletto“, Zaide in „Il Turco in Italia“, als 2. Dame in „Die Zauberflöte“, als Flora in „La Traviata“ sowie als Siebel in „Faust“ auf der Bühne zu erleben war. Im November 2018 gewann sie den ersten Preis beim internationalen Nuovo Canto Gesangswettbewerb in Mailand. Seit Beginn dieser Saison ist sie Ensemblemitglied der Staatsoper Hannover.

Weitere Informationen

CARMEN
Oper von Georges Bizet /
Marius Felix Lange
In französischer Sprache mit deutschen
Übertiteln und Texten von Martin Mutschler
Musikalische Leitung: Stephan Zilias
Inszenierung: Barbora Horáková
Bühne: Thilo Ullrich
Kostüme: Eva-Maria Van Acker
Choreografie: James Rosental
Licht: Sascha Zauner
Video: Sergio Verde
Dramaturgie: Martin Mutschler
Carmen Evgenia Asanova / Ruzana Grigorian Don José Amadi Lagha / Rodrigo Porras Garulo Micaëla Sarah Brady / Hailey Clark
Escamillo Daniel Miroslaw / Germán Olvera
Frasquita Mercedes Arcuri / Tahnee Niboro Mercédès Nina Van Essen / Weronika Rabek Dancaïro Uwe Gottswinter / Darwin Prakash Remendado Pawel Brozek / Sunnyboy Dladla Zuniga Pavel Chervinsky / Yannick Spanier
Moralès James Newby / Gagik Vardanyan
Chor der Staatsoper Hannover
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover
Premiere: Sonnabend, 24. Oktober,
19.30 Uhr, im Opernhaus
B-Premiere: Donnerstag, 29. Oktober,
19.30 Uhr, im Opernhaus