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Ein Abgleich mit der Wirklichkeit

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Say their Names
Die Abteilung für Visuelles Marketing um Leiter Achim Körtje (links) gestaltet das Foyer des Schauspielhauses mit der Installation "Say their Names" Quelle: Schauspielhaus Hannover

In wenigen Tagen jährt sich der brutale rechtsterroristische Anschlag, der am 19. Februar 2020 zehn Menschen in Hanau das Leben kostete. Eine Tat, die bundesweit für Trauer und Entsetzen sorgte, die Menschen auf die Straße trieb für Solidaritätsbekundungen und Mahnwachen – und die doch wenige Wochen später dem medialen Großereignis des Jahres den Platz räumen musste. Die Corona-Pandemie hatte mittlerweile auch Deutschland und Europa erreicht und verdrängte schnell die unfassbare Tat aus dem öffentlichen Interesse, der Radius der Menschen verkleinerte sich, die eigenen alltäglichen Problembewältigungsstrategien rückten in den Vordergrund. Gerade für viele Deutsche mit migrantischem Erbe eine schwer hinnehmbare Tatsache. „Back to business“, wenn so offenbar wird, dass Rassismus, Ausgrenzung oder Antisemitismus ein breites gesellschaftliches Problem darstellen, ein Problem, über das wir sprechen müssen, das wir in das öffentliche Bewusstsein rücken müssen? Unmöglich!

Ein Spalt tat sich auf in der Gesellschaft zwischen denen, die sich betroffen, existenziell bedroht und unsicher fühlten, und denen, für die Hanau nur eine weitere unfassbare Tat eines Einzeltäters war, die darin aber kein zusammenhängendes, tiefer liegendes Problem erkennen konnten, das die gesamte deutsche Gesellschaft betrifft. Erst als am 25. Mai die brutale Ermordung des US-Amerikaners George Floyd durch einen Polizisten weltweit Proteste auslösten, geriet auch in Deutschland das Thema von rechter Gewalt und gesamtgesellschaftlichem Rassismus noch mal konkreter in den Fokus.

Theater ist per se politisch
Nun sind die Themen Rassismus und rechte Gewalt, Ausgrenzung und Antisemitismus, Homophobie und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit auch für die Auseinandersetzung auf der Bühne nicht neu. Die Spielpläne offenbaren Theater als Räume der konkreten Auseinandersetzung mit politischen Inhalten. Gut so! Denn Theater ist per se stets politisch: Der Prozess des Geschichtenerzählens und -zeigens wird in einem Abgleich mit der Wirklichkeit unmittelbar politisch, und umso mehr wird das unpolitische, also das Fehlen einer Haltung zur Gegenwart (ob gewollt oder ungewollt), auf dem Theater sofort sichtbar und vergrößert. Aber auch der Ort „Theater“ lädt sich durch Begegnung und gemeinsames Erlebnis zum politischen Ort auf. Ein Schauspiel lässt sich in seinen Grundsätzen nicht für die Nachwelt produzieren und sein Im-Moment-Sein setzt das theatrale Ereignis in den Bezug zur Gegenwart, und damit in Bezug zum politischen Zeitraum, in dem es stattfindet. Als solches verhält sich das Theater auch als Kommentar zum aktuellen gesellschaftspolitischen Geschehen, geht in den Dialog mit den Zuschauerinnen und Zuschauern, die ja auch immer Bürgerinnen und Bürger und damit Akteurinnen und Akteure dieser politischen Außenwelt sind. Und daher ist es naheliegend, die Stoffe, die die gesellschaftliche Debatte prägen, auch in den theatralen Diskurs einfließen zu lassen.

Doch so ein Staatstheater ist immer auch ein großer Betrieb mit langen Vorläufen, ein wahres Schiff, wenig wendig, wenn es um tagespolitische Ereignisse geht. Zudem ist das Theater kein journalistischer, sondern ein künstlerischer Betrieb mit den entsprechenden Ausdrucksmitteln, -möglichkeiten und Ansprüchen. Wie also umgehen mit den aktuellen Erschütterungen? Und das auch noch während eines durch eine Pandemie sehr eingeschränkten, ja zeitweisen ruhenden Spielbetriebs.

Im Juni 2020 wurde  im Schauspiel Hannover eine AG gegründet, die sich mit dieser Frage auseinandersetzt. Sie besteht aus Schauspielerinnen und Schauspieler, der Agentin für Diversität, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Öffentlichkeitsarbeit, Grafik und Dramaturgie. Ziel ist es, auch über die großen Produktionen hinaus mit kleinen Aktionen den Fokus auf das zu legen, was wir in der Gesellschaft verhandelt wissen wollen. Wichtig ist dabei, dass es nicht der übergeordnete Blick von Intendantin und Dramaturgie sind, der die Aktionen lenkt, sondern dass die Beteiligung und das Interesse aus dem ganzen Haus heraus gebildet werden. So übernehmen beispielsweise Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Schauspiels Patenschaften zu einzelnen Gedenktagen, wobei die Interessenlage der Gruppe vielfältig ist. Nicht zuletzt, weil hier (mitunter sehr unterschiedliche) Erfahrungsrealitäten und Betroffenheiten zusammenkommen. Die Vielfalt der zutage tretenden Stimmen und Perspektiven lässt uns erkennen, bisweilen auf schmerzhafte Weise, dass es viele weißen Flecken in der Wahrnehmung der nicht betroffenen Mehrheitsgesellschaft gibt: Unausgesprochen und ungesehen leben Menschen unter uns, für die sich jede radikale „Einzeltat“ einreiht in ein Kontinuum an rassistischen, (hetero)sexistischen, behindertenfeindlichen Bedrohungen und Verletzungen: von handgreiflichen Angriffen über institutionellen Übergriffen bis hin zu verbalen Mikroaggressionen im Alltag. Wer nicht betroffen ist, nimmt bedauerlicherweise vieles nicht wahr. Genau diesen unsichtbaren Realitäten Betroffener und den gesellschaftlichen Strukturen und Dynamiken, die diese Erfahrungen hervorbringen, geben wir Raum. Und so ist auch das, was in den Fokus gerückt wird, vom Blickwinkel der einzelnen Agierenden geprägt, sei es zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen, dem Christopher Street Day oder dem Jahrestag des Anschlags in Hanau, zu dem die Vorbereitungen gerade in vollem Gange sind.

Die Namen im Foyer
Seit dem 15. Januar 2021 stehen im Foyer die Namen der Menschen, die in Deutschland seit 1990 durch rechte Gewalt zu Tode gekommen sind. Es sind viele Namen, ihr Sichtbar-Machen schockiert, versetzt in Unruhe und verweist auf die vielen Attentate, die in den letzten Jahrzehnten unschuldige Menschen das Leben gekostet haben, verweist gleichzeitig auf die vielen „Einzeltäter“, die eine plurale und offene Gesellschaft bekämpfen. Wer das Foyer des Schauspielhauses betritt, kann die Namen der Opfer nun lesen, einen Moment innehalten und sich bewusst werden, dass diese offene Gesellschaft immer wieder auf dem Spiel steht.
Sicherlich fühlt sich ein Großteil unseres Theaterpublikums einem bürgerlichen Spektrum zugehörig, mit dem Selbstverständnis, eine offene und liberale Weltanschauung zu vertreten. Und dennoch geht es bei diesen Aktionen nicht nur um ein „preaching to the choir“, also einen Bekehrungsversuch derer, die bereits zum Kreis der Gleichgesinnten gehören. Denn eine offene und demokratische Gemeinschaft braucht eine mutige Zivilgesellschaft, die die Probleme in ihrer Mitte erkennt und benennt. Die extremen Ausschläge von Gewalt und Ausgrenzung wachsen auf dem gleichen gesellschaftlichen Nährboden, auf dem auch alltägliche Mikroaggressionen stattfinden. Zeit also, diesen Nährboden gründlich auszutrocknen! Doch wie schwer grundlegende Selbsthinterfragung fällt, wie schwer es ist, tradierte und erlernte Strukturen zu durchschauen, zu durchbrechen und dort Position zu beziehen, wo unsere Stimme nottut, ist spätestens durch die Debatte um den strukturellen- und Alltagsrassismus deutlich geworden. Und darum ist es notwendig, gemeinsam hinzusehen. Immer und immer wieder.

Leyla Ercan und Johanna Vater

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