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Ein Wort und seine Aura: O wie OPPOSITION

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Ijoma Mangold Quelle: Kerstin Schomburg

Es gibt aus der Zeit, als die CSU noch unumschränkt in Bayern herrschte, eine herrliche Nummer von Gerhard Polt, in der er in seiner Bühnenfigur als eingefleischter CSUler erklärt: „Wir brauchen keine Opposition, wir sind schon Demokraten.“
Wo man die letzte Wahrheit für sich beansprucht, sind alle abweichenden Meinungen Häresien. Aber Demokratien glauben nicht an letzte Wahrheiten, sondern setzen stattdessen auf Pluralismus: Wenn es ohnehin keine letzte Wahrheit gibt (zumindest keine, die wir Sterblichen verlässlich wissen könnten), ist es fruchtbarer, die Menge an Lageeinschätzungen und Meinungen möglichst hoch zu halten.
Gerade weil die Mehrheit notorisch von ihren hehren Absichten und ihrem guten Willen geradezu treuherzig überzeugt ist, hat der moderne Verfassungsstaat die Opposition stark gemacht, die das anders sieht. Sie soll dafür sorgen, dass die Regierenden mit ihrer Selbstbeschreibung nicht allzu widerstandslos durchkommen. Gleichzeitig ist die Opposition im parlamentarischen System die Regierung im Wartestand. Sie soll Alternativen aufzeigen, aber am besten solche, die sich nicht nur im Wolkenkuckucksheim, sondern auch auf der Regierungsbank nach dem Machtwechsel umsetzen lassen.
Das ist zumindest die prosaische Minimaldefinition von Opposition. Aber das Wort hat eine Aura, die darüber weit hinausgeht. Zu den Konnotationen, die wir mit dem Begriff Opposition verbinden, gehört die Vorstellung von Unkorrumpierbarkeit durch die Macht, von Dissidenz, von Widerstandsgeist, von Mut und aufrechtem Protest – und von einer gewissen Ohnmacht, die sich als moralischer Vorzug deuten lässt. Wenn sich in einem Land die Kräfte der Opposition zusammenziehen, dann steht es schlecht um die Privilegien der Bonzen.
Wenn die Unzufriedenheit groß ist und sich aufs Große und Ganze bezieht, dann wird Opposition zur Systemgegnerschaft. Die APO, die Außerparlamentarische Opposition der 68er, sah sich keinesfalls als Regierung im Wartestand, sie träumte eher von einem Ende des „Schweinesystems“. Auch die neuen Formen rechtspopulistischer Opposition unter dem Zeichen von Pegida verstehen sich als grundsätzliche Systemgegnerschaft. Wo sich oppositionelle Strömungen bilden, weht nicht immer die reine Luft der Freiheit und der Liberalität.
Zu den geschichtlichen Sternstunden gehört die oppositionelle Bewegung der DDR, der es gelungen war, das alte System zu stürzen – dabei wollten zumindest Teile der Bürgerrechtsbewegung nur den Sozialismus reformieren. Der Sieg der Opposition kann also durchaus in den Katzenjammer führen, wenn man etwas losgetreten hat, das sich verselbstständigt und zu ganz anderen Ergebnissen führt, als die ursprüngliche Opposition sie sich auf die Fahnen geschrieben hat. Aus „Wir sind das Volk“ wurde „Wir sind ein Volk“.
Waren es die Bürgerrechtsbewegungen, die Honecker und Co. in die Knie zwangen, oder war es schlicht der Druck der Straße, der Umstand, dass so viele Bürger der DDR das Land über Ungarn verließen? Darüber ist auch in diesem Jahr wieder eine Diskussion entstanden, die im Kern um die Frage kreist, wie die Rolle der oppositionellen Bewegungen in der DDR einzuschätzen sei.
Keiner ist für diese Fragen kompetenter als Ingo Schulze, der große Schriftsteller des Mauerfalls, der Wendejahre und des gewaltigen Transformationsprozesses, der mit dem Untergang des Arbeiter- und Bauernstaates einherging. Er war selbst Teil der Bürgerrechtsbewegung, engagiert im Neuen Forum und durchaus enttäuscht von der Art und Weise, wie der ursprüngliche demokratie-utopische Impuls der Freiheitsbewegung sinngemäß gesprochen durch den Beitritt der DDR nach Artikel 23 GG verpuffte. Schulze blieb stets ein scharfzüngiger Kritiker auch des real existierenden Kapitalismus. Mit ihm wollen wir über den zentralen Demokratiebegriff der Opposition nachdenken.

Ijoma Mangold

Weitere Informationen

ABC der Demokratie
– Die Termine

O – OPPOSITION
19. November 2020
Ijoma Mangold im Gespräch mit dem Autor Ingo Schulze

P – PARLAMENT
14. Januar 2021
Ijoma Mangold im Gespräch mit dem Rechtswissenschaftler
Christoph Möllers

Q – QUEER
18. März 2021
Ijoma Mangold im Gespräch mit der Autorin Enis Maci

R – RASSISMUS
6. Mai 2021
Ijoma Mangold im Gespräch mit der Autorin Jackie Thomae

Aufgrund Covid-19 mussten die Veranstaltungen zu „L – Liebe“ mit Barbara Vinken, „M – Macht“ mit Herfried Münkler und „N – Nation“ mit Ivan Krastev verschoben werden. Ersatztermine werden geprüft.

Spielzeit November 2020 - Schauspiel - Theater-Ticker
Spielzeit November 2020 - Ballhof Zwei - Der U-Turn eines Hochseedampfers