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Der Liebhaber
Intensive Proben: Ballettdirektor und Choreograf Marco Goecke mit Jamal Uhlmann. Quelle: Lilit Hakobyan

Improvisation ist als Methode im Tanz fest verankert. So ist es nicht verwunderlich, dass das Staatsballett improvisiert, um unter allen Umständen sowohl zu trainieren als auch zu proben. Tägliches Training ist für die Körper von Tänzerinnen und Tänzern unerlässlich, da sonst das hohe Niveau der Präzision und Virtuosität, so wie es das Publikum gewohnt ist, nicht zu halten ist. Um dieses Niveau während der Pandemie aufrechtzuerhalten, geben die Ballettmeisterin Takako Nishi (derzeit mit gebrochenem Fuß) und der Ballettmeister Ludovico Pace jeweils einer Hälfte der Compagnie weiterhin Training, sodass die einzelnen Tänzerinnen und Tänzer mit besonders großem Abstand im Ballettsaal arbeiten können. Der erste Teil des Trainings an der Ballettstange ist ohne Einschränkungen möglich, da jede und jeder ohnehin am Platz bleibt und für sich selbst übt. Für die Übungen in der Mitte des Raums und bei größeren Kombinationen mit Sprüngen verteilen sich die Mitglieder der Compagnie großzügig.
Um überhaupt im Ballettsaal arbeiten zu können, lässt sich das Staatsballett für die Uraufführung „Der Liebhaber“ freiwillig zweimal pro Woche auf das Coronavirus testen. Darüber hinaus haben sie gemeinsam vereinbart, außerhalb der Arbeit zu niemandem engeren Kontakt zu haben. Ballettmeister Ludovico Pace hat gerade eine zusätzliche Aufgabe: Die Besetzung der Ballettabende „Rastlos“ und „We’ll meet again“ wurden den Lebensverhältnissen der Tänzerinnen und Tänzer angepasst, sodass die Nähe während der Pas de deux kein Problem darstellt. Nur Paare oder Wohngemeinschaften dürfen miteinander tanzen. Das bedeutet wiederum für den Ballettmeister zahlreiche Umstudierungen, da die Besetzung ursprünglich anders geplant und teilweise schon einstudiert war. „Rastlos“, mit den drei Balletten „Moonlight“, „Double You“ und „Masculine/Feminine“, konnte zu seinem ursprünglich angesetzten Premierentermin in der Liveübertragung sowie im November im Stream gezeigt werden. Die Premiere mit Publikum im Saal steht noch aus. Der Ballettabend „We’ll meet again“ mit Stücken von Marco Goecke war schon Teil des sommerlichen Open-Air-Programms in den Herrenhäuser Gärten, soll aber noch auf der Bühne mit Zuschauerinnen und Zuschauern im großen Haus Premiere feiern.
Aktuell hält sich das Staatsballett an den derzeit geltenden Lockdown. Danach wird zumindest der Probenablauf im Ballettsaal wieder aufgenommen. Dann stehen die Kreationsproben, also die Proben, in denen die Schritte erarbeitet werden, für „Der Liebhaber“ auf dem Arbeitsplan der Compagnie. Zunächst war die Uraufführung auf den 23. Januar 2021 verschoben worden, doch nun werden die Aufführungstermine für Marco Goeckes erste abendfüllende Neukreation für Hannover erst disponiert, wenn die Staatsoper wieder planmäßig spielen und Publikum empfangen darf. Die Ausstatterin Michaela Springer hat vor langer Zeit Kostüme und Bühnenbild entworfen, die von den Werkstätten des Staatstheaters bereits angefertigt wurden. Die Handlung wird derzeit telefonisch vom Choreografen und der Dramaturgie entwickelt.

Über die Liebe und das Altern
Oft schlummert die Idee für ein neues Ballett schon länger in einem Choreografen. Irgendwann, wenn der Gedanke lang genug gereift ist und sich bereits eine Beziehung zu dem Stoff entwickelt hat, wird daraus ein Stück. So war es auch bei „Der Liebhaber“: Marco Goecke musste sich nicht neu in das Thema einlesen. Schon in seiner Jugend hat ihn der gleichnamige Roman von Marguerite Duras fasziniert. Wenn ihn ein literarisches Thema für ein Ballett reizt, dann hat das auch mit der Faszination durch die Autorin oder den Autor zu tun. Als begleitende Dramaturgin musste ich mich beeilen, um den inhaltlichen Vorsprung, den Marco Goecke hatte, aufzuholen. Der Choreograf erwies sich nämlich als ein echter Duras-Fan und Experte. „Als ich vor ein paar Jahren in Paris war, habe ich Kontakt zu Duras’ Freundin aufgenommen. Sie konnte mir natürlich einiges von Marguerite Duras erzählen“, berichtet Marco Goecke. Bei dieser Vorlage ist die Verschmelzung von autobiografischem Material und literarischem Kunstwerk besonders gegeben, denn Duras’ Biografie weist deutliche Überschneidungen auf.
Ich habe Marco Goecke schon in früheren Arbeiten als einen literarischen Choreografen wahrgenommen, obwohl er nie eine Eins-zu-eins-Übertragung einer Vorlage geschaffen hat. Die Art und Weise, wie er in Texte eintaucht, ist sehr intensiv. Häufig kennt er Sätze und Passagen auswendig, die er über Wochen immer wieder zitiert. Dieses Material trägt er mit sich umher, bis daraus ein eigenes Destillat der Vorlage entsteht, das die für ihn wichtigen Inhalte enthält.
Das Ballett gibt einzelne Szenen und Bilder des Romans wieder. Bei einer Überquerung des Mekong begegnet die 15-jährige Ich-Erzählerin einem zwölf Jahre älteren Chinesen. Sie ist Schülerin eines französischen Gymnasiums und gegenüber der einheimischen Bevölkerung privilegiert. Er ist ein wohlhabender Geschäftsmann aus einer traditionellen chinesischen Familie. Schon ihr erster Blickkontakt führt die beiden in eine tiefe und leidenschaftliche Beziehung. Das Verhältnis zu dem älteren Mann bedeutet jedoch keine Unterwerfung, es ist eher die junge Frau, die die Zügel in der Hand hat. Beide gehen ein großes Risiko ein. Der Liebhaber bedeutet für die Erzählerin das Ende der Kindheit, sexuelles Erwachen, Loslösung vom Elternhaus. Für ihn ist sie Fixstern, doch sein ihn dominierender Vater lehnt die Beziehung ab. Auch die schwierigen Familienverhältnisse der jungen Französin – eine labile Mutter, ein alle dominierender, älterer Bruder sowie ein jüngerer Bruder, der sehr geliebt wird, aber früh stirbt – werden als Episode in das Ballett einfließen.
Letztlich überdauert diese Liebe doch ein ganzes Leben. Längst nach Frankreich zurückgekehrt, erhält die Erzählerin als ältere Frau einen Anruf, der die Vergangenheit wachruft: „Und dann sagte er es. Er sagte ihr, dass es wie früher sei, dass er sie immer noch liebe, dass er nie aufhören werde, sie zu lieben, dass er sie lieben werde bis zu seinem Tod.“ So erweist sich der Roman und auch das Ballett als ein Rückblick auf ein Leben und das eigene Altern.

Esther Dreesen-Schaback

Weitere Informationen

DER LIEBHABER
Ballett von Marco Goecke frei nach Marguerite Duras
Musik von Claude Debussy, Maurice Ravel, Gabriel Fauré u.a.
Uraufführung
Musikalische Leitung: Valtteri Rauhalammi
Choreografie: Marco Goecke
Bühne, Kostüme: Michaela Springer
Licht: Udo Haberland
Dramaturgie: Esther Dreesen-Schaback
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover,
Staatsballett Hannover
Premiere: Der Premierentermin wird auf
staatsoper-hannover.de bekannt gegeben.

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