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Eine mutige junge Frau und ein Prinz auf Augenhöhe

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Viktoria Miknevich Quelle: Kerstin Schomburg (3)

Wie kam es zur Auswahl dieses Stoffes, warum ausgerechnet ein Märchen?
Wenn ich mich recht erinnere, kam der ursprüngliche Vorschlag, „Aschenputtel“ als Familienstück zu machen, aus der Dramaturgie des Staatstheaters Hannover und nicht von mir. Ich selbst habe, um ehrlich zu sein, den Stoff nicht unbedingt mit mir herumgetragen. Das soll aber nicht abschwächen, wie sehr ich den Stoff mag, ich bin natürlich auch mit dem Märchen aufgewachsen. Aber in diesem Fall wurde ich dazu inspiriert. Grundsätzlich genieße ich den Prozess total, sich zusammen mit den jeweiligen Dramaturginnen und Dramaturgen und den Theaterpädagoginnen und Theaterpädagogen für ein Familienstück zu entscheiden. Und ich genieße das sehr, weil häufig so unterschiedliche Fantasien aufeinanderprallen darüber, was ein Familienstück sein kann – oder was es eben nicht sein sollte. In diesem Prozess schlagen wir uns gegenseitig Stoffe vor, es werden viele Texte gelesen und anschließend auch wieder zur Seite gelegt. Gereizt hat mich, und das reizt mich grundsätzlich an vielen Märchenstoffen, dass man sich auf vermeintlich ausgetretenen Pfaden befindet und dennoch versucht, diesen Stoffen einen neuen Zauber zu geben. Wir wollen  zeigen, dass „Aschenputtel“ eben kein ausgelatschter Schuh ist sondern, dass es auch mit unserer heutigen Zeit zu tun hat, dass Märchen eben auch hochaktuell sein können. Was mich besonders reizt an dem Stoff – und das zieht sich durch viele Familienstücke, die ich gemacht habe – ist, dass eine starke Frau im Zentrum steht. Es ist mir wichtig, dass junge Frauen und natürlich auch junge Männer die Möglichkeit haben, starke, komplexe, vielschichtige Frauenfiguren auf der Bühne zu sehen. Im Abendspielplan wie im Kinder- und Jugendspielplan.

Wirkte der Stoff nicht auch herausfordernd auf dich, vor allem mit dem Blick  darauf, was man mit „Aschenputtel“ verbindet? Disney, Prinzessinnen, Bilder von Traumprinzen, schüchternen Mädchen und Happy Endings mit großer Hochzeit ... alles Bilder, die mit diesem Märchen verbunden werden, die seine Erzählkraft aber nicht ausschöpfen.
Als wir uns für den Aschenputtel-Stoff entschieden hatten, haben wir bestimmt bis zu 15 bereits existierende Fassungen gelesen. Nur um uns dann dafür zu entscheiden, eine eigene Fassung zu schreiben. Es gab aber auch eine sehr starke Sehnsucht meinerseits, die Geschichte auf eine andere Art und Weise zu erzählen als in diesen, wohlgemerkt, wunderschönen und vollkommen berechtigten filmischen Versionen. Dort werden ja doch bestimmte Klischeebilder von Prinzessinnen, von Traumprinzen, von schüchternen Mädchen mit Asche im Gesicht, von Happy Ends mit großen Hochzeiten erzählt. Und das sind auch Dinge, die ich grundsätzlich schön finde, das sind auch Filme, die ich selbst gesehen habe und teilweise immer noch schaue, aber mein Interesse geht weiter. Ich will den Kern von Aschenputtel weiterhin erzählen, aber dann diese Erwartungen, die diese berühmten, großen Filme eventuell schüren, auch wieder mit einem Augenzwinkern brechen. Und das schien mir dann mit dem Schreiben einer eigenen, auf uns zugeschnittenen Fassung am einfachsten.

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Erzählt „Aschenputtel“ neu und anders: Swaantje Lena Kleff.

"Theater für Kinder und Jugendliche mag ich dann, wenn es unmittelbar an deren eigene Erlebniswelten andockt."
Swaantje Lena Kleff

Wie war denn die Schreibarbeit an der Fassung für dich?
Das Fassungsschreiben ist eine große Hassliebe in meinem Leben. (lächelt) Einerseits liebe ich es, Fassungen zu schreiben, insbesondere für das Familienstück, weil ich ja nur Szenen schreibe, die ich später auch gerne inszenieren möchte. Andererseits ist das auch genau der Grund, warum ich das Fassungsschreiben hasse. Das soll heißen: Es dauert manchmal ganz schön lange, bis ich dann eine Szene geschrieben habe, die mir auch wirklich gefällt. Bis ich die richtigen Worte gefunden habe, sitze ich manchmal auch einen halben Tag vor einer leeren Seite und überlege, wie ich den Einstieg in die Szene finde, und kann da auch keine Platzhalter lassen, sondern muss genau das richtige Wort, den richtigen Satz finden, bis ich weiterschreiben kann. [Rollt die Augen] Ich mache mir es damit auch wirklich nicht einfach. Ich skizziere Szenen zuerst an, ich überlege mir dabei, welche Figuren ich stärken möchte und welche Figuren die Randfiguren sind. So gibt es zum Beispiel  in unserem „Aschenputtel“ nicht nur eine Hauptfigur, das war mir sehr wichtig, sondern es geht auch um die Figur des Prinzen. Ich würde fast behaupten, dass unser Prinz genauso wichtig ist in unserer Version der Geschichte, wie Aschenputtel selbst. Normalerweise wird der Prinz ja oft sehr eindimensional dargestellt. Er spaziert meist lediglich etwas eitel und oft nicht sehr helle durch die Geschichte, aber auf diese Weise wollte ich das Märchen nicht erzählen. Ich wollte einen Prinzen erzählen, der ähnliche Probleme wie Aschenputtel hat, obwohl er aus einer anderen Welt kommt als sie. Er hat, genau wie sie sein Päckchen zu tragen und in der Begegnung mit Aschenputtel wächst er, er verändert sich und wird schließlich erwachsen. Das unterscheidet unsere Fassung von anderen Versionen der Geschichte, insbesondere von den Verfilmungen. Aschenputtel ist zwar im Zentrum, aber ihr zur Seite steht ein Prinz, der diese zentrale Rolle in der Geschichte mit ihr teilt und ihr auf Augenhöhe begegnet.

Hast du ein besonderes Anliegen, wenn du Familienstücke inszenierst, etwas, das du vielleicht anders in „Erwachsenenstücken“... machen würdest?
Mein grundlegendes Anliegen, wenn ich Theater mache, ist, mein Publikum abzuholen. Das ist natürlich etwas anderes, wenn ich Theater für Erwachsene mache, als wenn ich Theater für Kinder-und Jugendliche mache. Theater für Kinder und Jugendliche mag ich dann, wenn es unmittelbar an deren eigene Erlebniswelten andockt. Und, na klar, Theater hat immer etwas mit unserer gegenwärtigen Realität zu tun, aber im Fall von Familienstücken mag ich es sehr, wenn dieser Kommentar auf unsere Realität im Gewand einer Parabel oder eines Gleichnisses oder eben eines Märchens erzählt wird.
Kinder und Jugendliche sind im besten Sinne ein wunderbar anspruchsvolles Publikum und deshalb ist die grundsätzliche Herangehensweise an ein Familienstück nicht sehr anders als jene an ein Stück für den Abendspielplan. Ich finde es fatal, dass manche Menschen glauben, wenn man „nur“ Kinder und Jugendliche als Publikum hat, man ästhetisch die Dinge reduzieren sollte, oder inhaltlich nicht allzu komplexe Sachverhalte verhandeln muss. Das stimmt so einfach nicht, denn wie gesagt, Kinder sind ein wunderbar anspruchsvolles Publikum. Du kannst Kindern nicht einfach nur ein paar Pappkartons auf die Bühne stellen und annehmen, dass sie das vom ästhetischen Gesichtspunkt her zufriedenstellt. Und auch auf inhaltlicher Ebene möchte ich kein Theater machen, das unterkomplex ist. Kinder werden oft unterschätzt in dieser Hinsicht,  und das möchte ich mit meinen Stücken auf keinen Fall tun.

Was bedeutet es, unter den aktuellen Bedingungen zu proben, wo wir alle den coronabedingten Schutzmaßnahmen Rechnung tragen müssen?
Das Gute ist, dass wir die Fassung schon unter Berücksichtigung der Corona-bedingten Schutzmaßahmen geschrieben haben und diese dabei im Hinterkopf hatten. Ich habe von daher Szenen konzipiert, die sich auf Abstand spielen lassen. Das erleichtert natürlich das Ganze enorm. Ich möchte auch gar nicht sagen, dass jetzt Corona kontinuierlich wie ein Damoklesschwert bei uns über den Proben hängt. So wie wir unsere Geschichte erzählen, dass Aschenputtel aus einer sehr bodenständigen Welt kommt und der Prinz aus einer höfischen Welt, brauchen wir das auch in gewisser Weise gar nicht so stark, dass die beiden aufeinander zugehen, oder einander anfassen. Wir können ihnen dabei zusehen, wie sie sich langsam annähern und deshalb können wir recht einfach mit räumlicher Distanz spielen, ohne dass es statisch wirkt oder stark auffällt. Heute zum Beispiel haben wir eine Szene geprobt: Aschenputtel und der Prinz müssen unter einem Baum Schutz suchen, weil es stürmt und regnet. Beide unterhalten sich dabei über die Privilegien des Prinzen und darüber, was es bedeutet, dass man nur über seinen Status oder über das Äußere definiert wird. Und eigentlich war von mir in der Fassung angemerkt, dass Aschenputtel und der Prinz sich an dieser Stelle zu einem Kuss nähern, obwohl ich bereits während des Schreibens dieses Satzes wusste, dass dieser Kuss nicht möglich sein wird.
Als wir das heute geprobt haben, haben wir gemerkt, dass es vollkommen ausreicht, wenn sich lediglich die Fingerspitzen der beiden einander annähern. Das war bereits wunderbar sinnlich und schön, auch ohne dass sich die Körper tatsächlich berührt haben. Das war wahnsinnig berührend, auch ohne Berührung. [lächelt]

Du kommst ja aus Hannover, wie ist denn eigentlich deine Verbindung zum Schauspiel Hannover?
Ich bin hier geboren und aufgewachsen und habe hier mein Abitur gemacht. Mit 18 habe ich ein FSJ Kultur am Schauspiel Hannover absolviert, damals noch unter dem Intendanten Wilfried Schulz. Zu meinen Aufgaben zählten beispielsweise Führungen durch das Schauspielhaus, ich habe aber auch ein Praktikum in der Requisite, eine Regiehospitanz sowie eine Kostümassistenz absolviert. Meine allerersten Berührungen mit dem Theater haben also hier am Schauspiel Hannover als Zuschauerin und Jahrespraktikantin begonnen. Ich glaube, meine Mutter hat auch noch irgendwo einen Zeitungsartikel aus der HAZ, in der das FSJ Kultur vorgestellt wurde. Ich war damals der zweite Jahrgang, der das machen konnte, das war damals etwas ganz Neues. Das klingt vielleicht etwas kitschig, aber dass ich jetzt in Hannover „nach Hause“ kommen darf, an den Ort, wo für mich alles angefangen hat, das bedeutet mir sehr viel!

Interview: Melanie Hirner,
Dramaturgin der Produktion

Weitere Informationen

ASCHENPUTTEL
nach dem Märchen der Gebrüder Grimm
Regie: Swaantje Lena Kleff
mit Fabian Felix Dott, Philippe Goos, Miriam Maertens,
Viktoria Miknevich, Nora Quest
Premiere: 14. November, 15 Uhr, Schauspielhaus
Für Kinder und Familien ab sechs Jahren

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