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Spielzeit „Es gibt unterschiedliche Gefühle von Kindheit“
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„Es gibt unterschiedliche Gefühle von Kindheit“

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Quelle: Katrin Ribbe (2)

Herr Landerer, in „The Return“ geht es um das komplizierte Thema Familie. Was interessiert Sie daran?
Vor zehn Jahren habe ich schon einmal ein Stück zu diesem Thema gemacht, und ich hatte gleich das Gefühl, da gibt es unendlich viel zu erzählen. Heute stellen sich andere Fragen als damals. Was bedeutet Familie jetzt für mich, was hat sich in meiner Familie verändert, und wie habe ich mich selbst verändert? Was bedeutet Familie für die eigene Identität, welche Prägungen gibt es? Das gilt nicht nur für die Generation der Eltern, sondern auch für die Großeltern. Man kennt inzwischen Untersuchungen, die belegen, dass bestimmte Charakteristika eine Generation überspringen.

Woran denken Sie konkret?
Gerade in unserer Generation, deren Großeltern noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, hat man als Kind oft noch das Gefühl von Schuld und Schwere gespürt. Das finde ich auch deshalb so spannend, weil ich den Eindruck habe, dass es bei den Großeltern, den Eltern und bei uns vollkommen unterschiedliche Gefühle von Kindheit und Freiheit gibt: Krieg, Frieden, Armut, Wiederaufbau, Wohlstand, Überfluss. Das sind Erfahrungen, die sich innerhalb von 70 oder 80 Jahren in Deutschland extrem verändert haben. Anderseits beobachte ich, dass wir bestimmte Dinge in uns tragen, die wir nicht erklären können, sie werden über Generationen hinweg weitergegeben. George Bernard Shaw hat das einmal so formuliert: „Wenn Sie das Familienskelett nicht loswerden können, können Sie es auch zum Tanzen bringen.“

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Sind Sie selbst ein Familienmensch?
Ja. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Familie und zu meiner älteren Schwester. Das heißt aber nicht, dass ich meine Familie ständig um mich haben muss. Die Familie ist die erste soziale Konstruktion, die man erlebt. Wenn sie gesund ist, prägt sie das ganze Leben. Doch wenn sie nicht gesund ist, gilt das leider auch.
Sie arbeiten mit dem Ensemble Of Curious Nature. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?
Im Rahmen des Tanzprojekts „Tanzraum Nord“ gibt es zwei Kern-Company-Orte, Bremen und Hannover. In beiden Städten gibt es jeweils fünf fest angestellte Tänzerinnen und Tänzer. In zwei der insgesamt acht Produktionen, die bis 2021 mit diesem Ensemble geplant sind, werden alle gemeinsam auf der Bühne stehen. Das ist eine interessante Erfahrung.

Wie viele Tänzerinnen und Tänzer sind bei „The Return“ beteiligt?
Unser Ensemble besteht aktuell aus drei Tänzerinnen und drei Tänzern. Wir haben bei dieser Produktion auch einen Auszubildenden im Team.

Wie laufen die Proben unter Corona-Bedingungen?
Es ist natürlich eine Extremsituation, ganz klar. Jeder und jede Einzelne trägt im Moment die Verantwortung für das gesamte Ensemble. Das bedeutet, an Wochenenden auf das Feiern zu verzichten, eventuell sogar auch auf Besuche der Familie oder des Partners, der Partnerin. Wir proben unter den geltenden Hygienevorschriften, wie gesagt, das sind extreme Bedingungen. Aber das Ensemble ist stark sensibilisiert, man nimmt wahr, dass es gelingen kann. Daraus entwickelt sich eine Gruppenenergie, die sehr konzentriert ist. Und vielleicht auch familiärer als sonst.  

„The Return“ ist eine Koproduktion mit dem Schauspiel Hannover. Soll die Zusammenarbeit verstärkt werden?
Es ist bereits die dritte Kooperation mit dem Schauspiel Hannover, aber die erste unter der Intendanz von Sonja Anders. Es geht dabei um Synergien, und es ist sehr schön zu spüren, dass Sonja Anders hier sehr offen ist. Insofern hoffen wir, dass diese Zusammenarbeit weitergeführt wird.

Sie proben regelmäßig auf dem Faust-Gelände in Linden. In der Vergangenheit sind Sie oft in der Eisfabrik aufgetreten. Wo werden Sie in Zukunft in Hannover Ihre Arbeiten zeigen?
Wir sind immer Gäste, egal, wo wir hinkommen. Nach 14 Jahren in Hannover denkt man manchmal, hört dieses Gefühl eigentlich irgendwann einmal auf? Wir mieten uns ein. Wir haben keinen Ort, den wir gestalten können. Wir müssen immer fragen: Wann geht es, wann dürfen wir kommen? Es ist zwar sehr schön, dass wir eine gute und stabile Förderung bekommen. Aber wann ist es an der Zeit, dass man uns ein Zuhause gibt? Dabei geht es nicht nur um uns, um Lan-derer & Company. Es wäre ein Statement für den Tanz in dieser Stadt. Die Bühnen in der Eisfabrik sind zu klein, sie lassen nur kleinere Formate zu. Der Tanz braucht den Raum. Denn das ist das Entscheidende: der Körper im Raum. Wenn der Raum zu klein ist, dann ist der Körper in seiner Entfaltungsmöglichkeit eingeschränkt – und in der Kreativität.

Interview: Karin Dzionara

Zum Stück

Felix Landerer

Die Familie ist eine Schicksalsgemeinschaft, die wir nicht wählen können. Sie schafft eigene Rituale und Muster. Sie ist der ideale Nährboden für Erkenntnisse, Konflikte und Lebenslügen. Und was passiert, wenn die Familie nach langer Zeit wieder aufeinandertrifft? Welche Erinnerungen steigen auf? Gibt es eine Chance, Gewohnheiten aufzubrechen? „The Return“ von Landerer & Company dreht sich um ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht.
Premiere ist am 12. November, 19.30 Uhr, im Ballhof Eins.

Spielzeit November 2020 - Schauspiel - Theater-Ticker