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Es wird blutig!

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16:55 03.12.2020
Teamarbeit! Maskenwerkstatt, Plastikerinnen und Plastiker, Kostümabteilung und Technik arbeiten gemeinsam daran, dass die Körper-Dummies auf der Bühne wie Leichen aussehen.   Quelle: Clemens Heidrich
Frau Franzky-Fredrich, Herr Hartmann, was ist das Besondere an Ihrer Arbeit für „Sweeney Todd“, welche Herausforderungen gibt es?

Andrea Franzky Friedrich: Das Kostümbild ist zwar sehr heutig und sehr natürlich, trotzdem haben wir für fast alle Solistinnen und Solisten eine Perücke angefertigt. Die Motivation, die Perücken so herzustellen, dass sie wie Eigenhaar aussehen, war besonders groß. Zum einen, weil auf der Bühne eine Kamera eingesetzt wird und wir daher so genau wie an einem Filmset arbeiten mussten. Zum anderen, weil wir gehört haben, dass der Regisseur Theu Boermans kein großer Fan von Perücken ist. Das spornt an!

Heiko Hartmann: Es wird sehr viel Blut auf der Bühne geben, da der Hauptdarsteller als Barbier seine Kundschaft umbringt und in den Keller verschwinden lässt. Theu Boermans realisiert dies, indem er die getöteten Kundinnen und Kunden in die Unterbühne rutschen lässt. Mit Hilfe einer Kamera ist das genau zu sehen, und so haben wir die Kopfabdrücke der Darstellerinnen und Darsteller genommen und diese naturgetreu nachgebildet. Die Körper wurden von den Plastikerinnen und Plastikern gebaut, von der Kostümabteilung angezogen und von der Bühnentechnik befestigt.

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Wie lange knüpfen Sie an einer Perücke, woher kommen die Materialien dafür?

Franzky-Fredrich: Für einen großen Kopf müssen mehr Knüpfknoten gemacht werden als für einen kleinen. Die reine Knüpfzeit für eine Perücke beträgt im Durchschnitt etwa 40 Stunden. Knüpfen ist eine sehr fragile Handarbeit, man kann den Knüpfknoten mit Häkeln oder Stricken vergleichen. Eine Montur – vorher wurde ein Kopfabdruck vom Darsteller gemacht, damit die Perücke später genau passt – ist eine Art Tüllnetz, in das Haar für Haar mithilfe einer Knüpfnadel geknüpft wird. Die meisten Perücken werden aus Echthaar hergestellt, das wir über verschiedene Haarfirmen beziehen. Diese wiederum bekommen das Haar aus China oder Indien, das sie dann veredeln und so zubereiten, dass wir damit arbeiten können. Sie färben es in die gewünschten Farben. Für „Sweeney Todd“ war aber auch eine Perücke gewünscht in „the most beautiful blond ever“, also in dem schönsten Blond, das man je gesehen hat.

Von der Idee des Regieteams bis zur fertigen Produktion: Wie ist der Ablauf bei einer so aufwendigen Produktion wie „Sweeney Todd“?

Hartmann: Als Maskenwerkstatt bekommen wir von der Kostümausstatterin oder dem Kostümausstatter gezeichnete Figurinen. Diese wurden in Abstimmung mit der Regie passend zum Konzept entwickelt. Mit diesen Zeichnungen und Bildern gehen wir dann in Vorgespräche. Bei der Herstellung der Perücken können wir auch eigene Ideen vorschlagen. Die ganze Abteilung, die bei uns aus 16 Maskenbildnerinnen und Maskenbildnern und einem Auszubildenden besteht, hat bereits vor der Sommerpause mit der Produktion begonnen. Das meiste entsteht dann aber in der Probenzeit. Da können dann immer noch neue Ideen und Änderungen kommen. Dann wird mit den Kolleginnen und Kollegen alles genau besprochen: Haarfarbe, Frisur und die passende Schminke, um einen Bühnencharakter zu unterstützen.

SWEENEY TODD

Ein Musical-Thriller von Stephen Sondheim
In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln und deutschen Dialogen

Musikalische Leitung: James Hendry
Inszenierung: Theu Boermans
Mit: Solistinnen und Solisten, Chor der Staatsoper Hannover, Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Premiere: Die Premiere kann aufgrund des verlängerten Lockdowns nicht wie geplant Anfang Dezember stattfinden.

Ein neuer Termin wird auf staatsoper-hannover.de veröffentlicht.

Sind Sie auch in die Vorstellungen am Abend involviert?

Franzky-Fredrich: Wenn sich der Vorhang hebt, ist für uns natürlich nicht Feierabend. Der Chor, in reduzierter Corona-Stärke, wird mehrere Umzüge haben, bei denen Kostüm und Perücke gewechselt werden. Musicals haben meistens von der einen auf die andere Szene einen kompletten Orts- und Outfit-Wechsel. Quickchange nennt man das. Auch die Sängerinnen und Sänger bekommen andere Perücken. Bei „Sweeney“ wird es besonders interessant mit all den Blutszenen.

Apropos Blut, was hat es mit Kunstblut eigentlich auf sich?

Hartmann: Man glaubt es kaum, aber Kunstblut kann man selbst gut aus Orangensaft, Rote-Bete-Saft und Verdickungsmittel herstellen. Kakaopulver geht auch. Da bei uns Blut häufig auch aufs Kostüm kommt, ist es sehr wichtig, dass die rote Farbe auswaschbar ist.

Welche Klischees gibt es gegenüber dem Beruf der Maskenbildnerin/des Maskenbildners?

Franzky-Fredrich: Meine Lieblingsfrage ist immer: „Und was macht ihr eigentlich tagsüber?“ Im sogenannten Tagesdienst und vor den Vorstellungen stellen wir meistens alles selbst her, was am Abend für die Vorstellung benötigt wird. Wir haben ein viel umfangreicheres, fachspezifischeres Aufgabenfeld als beispielsweise die Visagistinnen und Visagisten. Wir können schön schminken und am Eigenhaar frisieren. Aber bei uns werden auch Glatzen geklebt. In „Hänsel und Gretel“ verwandelt sich der Sänger in eine Hexe und in „La Juive“ werden die aufwendigsten Rokoko-Frisuren mit Schiffen frisiert.

Was sind für Sie die schönsten Momente im Beruf?

Hartmann: Wenn unsere Arbeit auf die Bühne kommt und wir bei Proben oder Vorstellungen gleich sehen können, was wir vollbracht haben, und nicht wie beim Film, wo erst nach Monaten das fertig zusammengeschnittene Produkt zu sehen ist. Und wenn sich das Publikum, wie hoffentlich bei „Sweeney Todd“, der Theater-Illusion hingibt und sich auch ein bisschen gruselt, macht das natürlich auch Spaß!

Die Maskenwerkstatt der Staatsoper bildet auch aus. Für die kommende Spielzeit 2021/22 ist noch bis Ende des Jahres eine Stelle als Maskenbildnerin/Maskenbildner ausgeschrieben. Informationen auf staatstheater-hannover.de/ausbildung.

Grusel-Effekte

Mehr als 15 Echthaarperücken, 32 Halbmasken und sieben Körper-Dummies sind in der Maskenwerkstatt in den vergangenen Wochen in Handarbeit entstanden. Blutig und auch ein bisschen gruselig muss es sein für das groteske Thriller-Spektakel vom New Yorker Broadway, in dem Sweeney Todd nach 15 Jahren unrechtmäßiger Verbannung einen Rachefeldzug in London startet. Unterstützt wird er dabei von Pastetenbäckerin Mrs. Lovett, die für die Überreste von Sweeneys Opfern eine ganz eigene Verwendung findet …

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