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Glocken und Kanonen

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17:10 27.09.2019
Seth Carico singt den Baron Scarpia Quelle: Fabio Stoll / Andreas J. Etter

TOSCA

von Giacomo Puccini

Inszenierung: Vasily Barkhatov
Musikalische Leitung: Kevin John Edusei
Bühne: Zinovy Margolin
Kostüme: Olga Shaishmelashvili
Licht: Alexander Sivaev
Chor: Lorenzo Da Rio
Kinderchor: Heide Müller
Dramaturgie: Regine Palmai
Musiktheatervermittlung: Eva-Maria Kösters
Floria Tosca Liene Kinča Mario Cavaradossi Rodrigo Porras Garulo Baron Scarpia Seth Carico Cesare Angelotti Yannick Spanier / Richard Walshe Ein Mesner Daniel Eggert / Frank Schneiders Spoletta Pawel Brozek / Uwe Gottswinter Sciarrone Gagik Vardanyan
Chor, Extrachor und Kinderchor der Staatsoper Hannover, Niedersächsisches Staatsorchester Hannover
 
Premiere: Sonntag, 20. Oktober, 18.30 Uhr, im Opernhaus

Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein!“ Nach dem „großen Schmerz in kleinen Seelen“ in „La Bohème“ fand Puccini, es sei an der Zeit, das Publikum aufzuschrecken und zu schockieren. Nicht weniger als „Folter und Tod, Glocken und Kanonen“ schwebten ihm vor. Und der Meister eleganter und anrührender Melodien schuf einen Thriller für die Opernbühne.
Scarpia, in hohen politischen Ämtern, hat obsessive Gefühle für eine prominente Operndiva, die mit einem Künstler liiert ist. Er lädt sie zum exklusiven Abendessen in seine Privatgemächer und lässt dabei seinen jungen Rivalen vor der Geliebten foltern, um von ihr sexuelle Hingabe zu erpressen. Scarpias gesellschaftliche Stellung macht ihn zum Herrn über Leben und Tod seiner menschlichen Beute, die er jagen, töten oder fliehen lässt.
Wie weit sind Menschen zu manipulieren, und woher kommt diese Lust am Grausamsein? Puccini interessierte die glühende Affektlava einer Künstlerin, die in die Fänge eines gnadenlosen Machtmenschen gerät. Wahlweise lässt die Oper die Emotionen hochkochen oder erstarren. Subtile und offensichtliche Verbrechen vor aller Augen und doch im Hinterzimmer, nicht im kriminellen Underdog-Milieu, sondern in den höchsten Kreisen. In der Kirche als Ort der Zuflucht und des Glaubens brechen sowohl Kunst als auch politische Macht die größten Tabus: Anzügliche Frauenporträts werden als Bildnis der Maria Magdalena verharmlost, hysterische Eifersuchtszenen brechen sich Bahn, und Scarpia, der Chef selbst, entweiht die kirchlichen Schutzräume mit Razzien und persönlichen sexuellen Obsessionen. Während das heilige „Te Deum“ erklingt, wird auf Flüchtige Jagd gemacht, in den Privatgemächern Scarpias wird erst zum Dinner gebeten – und dann gefoltert, erpresst, vergewaltigt. Puccini komponiert seine Oper ähnlich wie Alfred Hitchcock seine Filme. Scheinbar harmlose Details wie Schlüssel, Fächer, Pinsel, Messer, Tinte auf Papier, Kreuze, Blicke, Kleiderrascheln werden zu Indizien. Kunst und Macht prallen effektvoll in der Musik aufeinander. Sie erzählt alles: Gewalt, Begehren, Eifersucht, Lüge, Erpressung, Hoffnung und Sehnsucht. Tosca wird zur Mörderin, um den Geliebten zu retten – bei Puccini wird sie, in die äußerste Enge getrieben, zur wilden Tigerin.
Dass „Tosca“ zu den Top Ten des weltweiten Repertoires zählt, verdankt sie der Musik, dem Skandalstoff, aber auch berühmten Sängerinnen. Unvergleichlich Maria Callas angesichts des toten Scarpia, den sie noch eines letzten Blickes würdigt, dann aber mit tonloser Stimme das ratlos-emotionslose und fast verwunderte „Und vor dir zitterte ganz Rom …“ in den Theaterraum fallen lässt. In Hannover wird sich die lettische Sopranistin Liene Kinča mit dieser Glanzpartie ihres Fachs vorstellen.
Mit welcher Konsequenz die eben noch verzweifelt-schwache Tosca, die „vissi d’arte“, nur die Kunst (und den Künstler) im Leben liebt, zum Messer greift und den ersten Mann im Staate ermordet, geht Regisseur Vasily Barkhatov dann doch zu schnell, um glaubwürdig zu sein. Der junge russische Regisseur erobert – nach den großen Opernhäusern in Moskau und St. Petersburg – derzeit Berlin, Frankfurt, Stockholm und Wien mit seinen subtilen Inszenierungen. Er gibt der „Tosca“ in Hannover eine atmosphärische Rahmenhandlung, die die Biografien der Hauptrollen mit Lebensgeschichten versieht, die ihre drastischen Handlungen nachvollziehbar werden lassen. Doch davon soll, wie bei einem guten Krimi, eigentlich noch nichts verraten werden.
Allenfalls: Es ist atemlos, hochspannend, ergreifend, mutig – und texttreu. Barkhatov denkt sich in die Gehirne seiner Figuren und entdeckt dort schwarze, tiefe Abgründe und verletzte Seelen. Unter der musikalischen Leitung von Kevin John Edusei, dessen Dirigate für klangliche Spannung und Dramatik bekannt sind, ist die Arbeit an diesem Sex-and-Crime-Thriller mit psychologischem Tiefgang Millimeterarbeit: spannende Psychokrimi-Unterhaltung mit Glocken und Kanonen, italienische Oper mit viel „Filmmusik“.

Regine Palmai

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