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„Jede Krise ist eine Chance“

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10:39 31.01.2020
Let them Eat Money. Welche Zukunft?! Quelle: Arno Declair

LET THEM EAT MONEY. WELCHE ZUKUNFT?!

von Andres Veiel in Zusammenarbeit mit Jutta Doberstein
Gastspiel Deutsches Theater Berlin

11. Februar, 19.30 Uhr, Schauspielhaus

anschließend Publikumsgespräch mit Andres Veiel und Michael Bohmeyer (Gründer des Vereins „Mein Grundeinkommen“)

Macht dir die Zukunft Lust oder Angst?

Beides (lacht). Die Zukunft ist nicht etwas, was kommt, sondern sie existiert eigentlich schon abgekapselt in Parallelwelten. Die Befreiung aus diesen scheinbar isolierten Gefäßen interessiert mich. Aus einem Nichtwissen oder aus einer Überforderung heraus stellen wir schnell lineare und einfache Verbindungen her. Bei „Welche Zukunft?!“ tauchen wir tiefer in die Materie ein. Das ist anstrengend, aber auch lustvoll und inspirierend.

Blickst du im Stück optimistisch, pessimistisch oder realistisch in die Zukunft?

Den Satz „Auf den Ruinen wächst das Gras besonders grün“habe ich gerade heute wieder gelesen. Es ist also immer beides. Jede Krise ist eine Chance. Ohne extreme Zäsuren wären viele Entwicklungen in der Historie nicht möglich gewesen. Wenn manches schlimmer wird, öffnet es gleichzeitig die Chance, Dinge zu verändern. Wir rasen mit manchem gegen die Wand und mit manchem durch die Wand. Und das eröffnet einen neuen Raum, den wir alle noch nicht kennen. Der aber schon da ist, und das ist das Paradoxe. Und in Zukunft schreibt dann nicht mehr ein Andres Veiel, sondern ...

... ein Algorithmus.

Genau. Es ist erst mal zwar keine schöne Vorstellung, dass sich das Subjekt auflöst in einem vermeidlichen Bewusstsein, aber das Bewusstsein besteht eigentlich nur aus Zuckungen von zwei Synapsen. Wo bleibt dann das Ich noch?

Hast du als Autor denn die Geschichte überhaupt noch in der Hand?

Da gibt es ja immer noch ein Es. Damit meine ich nicht nur die Triebe, sondern das Eigenleben der Figuren. Ich habe beim Schreiben hier ein anderes Anliegen als bei früheren Stücken. Ich habe meinen Figuren eine fiktive Lebensgeschichte verfasst, und das ist die erste Verselbstständigung: das Eigenleben der Figuren. Manchmal beschweren sich die Figuren im Traum bei mir. Sie wollen eine andere Sexualität oder eine andere Lebensgeschichte. Dann stelle ich mir Grundfragen: Was treibt den Menschen an? Sind es Anerkennungsverhältnisse? Oder ist es tatsächlich immer mehr eine Rücksichtslosigkeit? Was ist der Mensch von Natur aus? Und welche Rolle spielt dabei das Begehren? Das Stück wird von mir also nicht linear entworfen, sondern es gibt ein Eigenleben der Figuren, der Thematik und auch des Zufalls. Der Zufall spielt eine ganz große Rolle, bei der Recherche und beim Schreiben. Der Zufall des Findens und der Zufall von Fragmenten, durch die ich mich weitertreiben lasse.

Wie wichtig ist dir die Symbiose aus Autorschaft und Regie? Könntest du dir auch vorstellen, einen Stoff zu inszenieren, der nicht von dir stammt?

Das würde mich erst mal nicht interessieren. Ich erschließe mir ja eine komplette Welt. Das, was am Ende sichtbar ist, ist die Spitze des Eisberges. Ich zehre immer aus dem, was ich mir in der langen Vorbereitungsphase erschlossen habe. So fühle ich mich zu Hause. Das ist gleichzeitig ein Arbeitsprozess, in dem eine Arbeit aus der anderen hervorgeht, wachsen kann und sich die Fragen entwickeln können.

Dieses Gespräch ist ein Orginalbeitrag von Ulrich Beck aus dem Magazin des Deutschen Theaters Berlin.     

Weitere Informationen: www.welchezukunft.org

Zum Stück

Ein Stück Zukunft: Nach partizipativen Formaten, in denen Andres Veiel und Jutta Doberstein in fast zweijähriger Vorbereitungszeit Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie Bürger und Bürgerinnen zu Workshops zum Beispiel zu den Themen Arbeit, Finanzen, Umwelt zusammengebracht haben, entstand ein Theaterstück, das sich in der Zukunft mit Vergangenheit beschäftigt: In einem Untersuchungsausschuss wird im Jahr 2028 die Frage nach der Verantwortung für die Ereignisse der Jahre 2018 bis 2028 gestellt. Die EU befindet sich nach dem Austritt Italiens 2023 in einer der größten Krisen ihrer Geschichte. Anlass genug, gegenzusteuern und in der Rest-EU 2024 ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Doch ein ökonomischer Crash ist nicht mehr aufzuhalten. Ist die Ursache in einer zufälligen Verkettung bester Absichten zu finden? Andres Veiel geht es um die Konfrontation mit widersprüchlichen Entwürfen von Zukunft – abseits von Legislaturperioden oder Parteiinteressen. So werden utopische Momente genauso zur Diskussion gestellt wie dystopische. Welche Spuren verfolgen wir? Und welche hinterlassen wir?

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