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Kunst und Empowerment

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14:56 02.06.2020
Ungewöhnlicher Aufnahmeort: die Ensemblemitglieder Nina van Essen und Germán Olvera singen in der Unterbühne – normalerweise nur der Technik vorbehalten – ihren Beitrag für den virtuellen CSD ein. Quelle: Clemens Heidrich
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In vielen Ländern der Welt wird Sommer für Sommer der „(Gay) Pride“ gefeiert und damit an die Rechte sexueller Minderheiten erinnert. Im deutschsprachigen Raum verweist die Veranstaltung unter dem Namen Christopher Street Day (CSD) noch heute auf jene Straße im New Yorker Greenwich Village, in der es im Juni 1969 nach Razzien und willkürlicher Polizeigewalt zu Ausschreitungen kam. Seitdem erinnert der Jahrestag an diese Proteste. Auch hierzulande wird für die Sichtbarkeit von Minderheiten gekämpft – und diese Sichtbarkeit gefeiert.

Der Christopher Street Day Hannover kann in diesem Jahr nicht wie geplant gefeiert werden. Die Staatsoper bietet dem CSD-Team daher Obdach und streamt die Ersatzveranstaltung am Pfingstsonntag, 31. Mai, aus ihren Räumen. Das Theater war immer schon ein Ort, an dem für die Rechte von Minderheiten und für die Gleichheit aller Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft gestritten wurde. 

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Nicht zuletzt hat das Theater als Bildungsinstitution auch den Auftrag, sich für die Rechte von vermeintlichen Außenseiterinnen und Außenseitern und für die Verwirklichung jener Empathie in den Herzen und Köpfen der Bürgerinnen und Bürger einzusetzen. Sie stellt nicht selten die Entrechteten, die Outlaws, die für die eigene Freiheit Kämpfenden in den Fokus – und in den Kegel ihrer fliegenden Scheinwerfer. Eine der bekanntesten Opernfiguren ist Giuseppe Verdis „Traviata“, wörtlich die „vom Weg Abgekommene“. Verdis Musik erzählt jedoch etwas anderes: Er stellt Violetta uns in den Weg, mitten auf die Kreuzung und gibt ihr alle Aufmerksamkeit – und alles Recht, zu sprechen, alles Recht, da zu sein.

Zur Emanzipation ihrer tragischen Heldinnen und Helden hat die Oper an vielen Stellen beigetragen. (Wenn man auch nicht verschweigen darf, dass die Gattung dort höchst problematisch ist, wo sie männliche Fantasien aus der Welt der patriarchalen Ordnungen nur bestätigt.) Doch im Sinne der Katharsis, der läuternden Aufrüttelung, gehen diese Geschichten oft schlecht aus – nicht wenige Figuren sterben einen jämmerlichen oder brutalen Bühnentod. Sie gehen als Opfer in die Geschichte ein. Doch die Kunst ist auch ein Akt des Empowerments, der Befreiung und der gesellschaftlichen Veränderung. Denn was in der künstlerischen Form gebannt werden kann, das kann auch in der Gesellschaft neu gedacht werden. „Carmen ist schon tausende Male gestorben, aber sie lebt weiter“, meinte kürzlich Hausregisseurin Barbora Horáková, die diese Figur im Oktober auf die Bühne der Staatsoper bringen wird.

Dass wir heute in Freiheit – und mit Unterstützung der staatlichen Kulturinstitutionen – die sexuelle Freiheit feiern dürfen, dazu hat die Kunst also in ihren stärksten Momenten immer beitragen wollen. Nur logisch, dass CSD und Staatstheater endlich zueinanderfinden und auch auf der künstlerischen Ebene des Theaters für lesbisches, schwules, bisexuelles, trans*, inter* und queeres Leben ihre Stimmen im Chor erheben. Denn die Christopher Street ist überall. Und dieses Jahr geht sie durch unsere Wohnzimmer – und zuvor durch die Foyers der Staatsoper.

Martin Mutschler

Interview

In Krisen neue Wege gehen

Die spielzeit sprach mit Corinna Weiler vom Verein Andersraum über den CSD im Opernhaus.

Corinna Weiler

Frau Weiler, wer sind die Leute hinter dem CSD?

Der Andersraum e. V. ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Hannovers Nordstadt. Das Projektspektrum umfasst das Queere Zentrum, das Queere Jugendzentrum und eben den Christopher Street Day. Der Andersraum lebt vom Engagement zahlreicher Ehrenamtlicher.

Worum geht es Ihnen?

Wichtige Anliegen sind beispielsweise ein besserer Schutz für queere Geflüchtete, mehr Selbstbestimmung und Abbau rechtlicher Hürden für trans* Menschen und eine Reform von Artikel 3 GG. Der CSD ist darüber hinaus aber auch ein Tag, an dem queere Menschen und ihre Verbündeten besonders sichtbar sind. Es ist ein schönes Gefühl, wenigstens einmal pro Jahr im öffentlichen Raum einigermaßen sicher und nicht in der Minderheit zu sein.  

Was ist anders in diesem Jahr?

Der CSD ist Hannovers größte Demonstration für Demokratie und Menschenrechte. Zu Demonstration und Straßenfest kommen jährlich rund 25.000 Besucherinnen und Besucher. Das geht unter Corona-Bedingungen natürlich nicht. Gesundheit hat die oberste Priorität. Queere Bewegungen waren aber schon immer gut darin, in Krisen neue Wege zu finden, füreinander da zu sein. Deshalb sagen wir nicht einfach ab. An unserer Seite ist das Staatstheater Hannover, wofür wir sehr dankbar sind. Gemeinsam werden wir einen digitalen CSD durchführen. 

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