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Marionettenspielerin im Verborgenen

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Alles im Blick: Nicola Pause in der Vorweihnachtszeit an ihrem festlich geschmückten Arbeitsplatz, dem Inspizientenpult im Opernhaus. Das Pult ist mit Monitoren, diversen Sprechverbindungen und optischen Signalanlagen ausgestattet. Quelle: Clemens Heidrich

Frau Pause, Ihr Berufsbild ist eher unbekannt. Was sind die Aufgaben?

Ich koordiniere den gesamten künstlerischen und technischen Ablauf einer Vorstellung und bin somit das Bindeglied zwischen Kunst und Technik. Während der Bühnenproben trage ich die Anweisungen des Regieteams in ein Inspizientenbuch ein. In der Oper ist das ein Klavierauszug –  ja, man muss Noten lesen können, sonst ist man hoffnungslos verloren – und im Ballett richtet man sich nach dem Timecode in der Musik, wenn es denn Musik gibt, oder nach Gesten, Tanzfiguren und so weiter. Eine Stoppuhr ist hier äußerst wichtig. Ich trage alle technischen Verwandlungen ein, Lichtwechsel, Musikeinsätze, Spezialeffekte wie Schüsse, Auftritte von technischen Abteilungen für Umbauten und viele mehr.
Mein Arbeitsplatz ist das Inspizientenpult. Ich sage immer: Ist die Inspizientin nicht am Platz, ist sie auf der Toilette oder es ist etwas passiert. Das Pult ist das Zentrum der Information, hier fließt alles zusammen. Wer etwas wissen möchte oder etwas braucht, kommt vorbei oder funkt mich über Walkie-Talkie an. Vom Pult aus steuere ich durch Einrufe und Klingelzeichen den kompletten Verlauf einer Vorstellung. Die Ansagen, Licht- und Handzeichen gehen an die verschiedenen Abteilungen: Bühnentechnik, Beleuchtung, Requisite, Tonabteilung, oft auch an die Darstellerinnen und Darsteller. Ich bin ein bisschen wie eine Marionettenspielerin im Verborgenen ...

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Wie wird man Inspizientin? Muss man besondere Fähigkeiten mitbringen?

Es gibt in Deutschland bislang keine eigene Ausbildung für diesen Beruf. Ich persönlich habe Musikwissenschaft, Italienisch und Philosophie studiert und war dann als Regieassistentin und später Inspizientin tätig. Zum einen braucht man bühnentechnisches Wissen und muss auch das technische Vokabular kennen. Darüber hinaus wird ein hohes Maß an künstlerischem Feingefühl vo­rausgesetzt. Organisation, schnelle Auffassungsgabe, Multitasking und Stressresistenz sollte man bereits mitbringen, so etwas kann man schlecht lernen. Man sollte kommunikativ sein und gut mit Menschen umgehen können. Seine Ohren und Augen muss man überall haben.

Welche Herausforderungen bringt die tägliche Arbeit mit sich?

Jeder Tag und jede Probe, jede Vorstellung ist anders. Es kann immer etwas passieren, sei es, einem Sänger platzt die Hose, eine Sängerin verliert ihre Perücke, ein technischer Vorgang verzögert sich durch Komplikationen oder Störungen im Computerprogramm. Man muss immer mit unvorhergesehenen Zwischenfällen rechnen. Das kann dann auch mal zu schnellen ungeplanten Einrufen über das Lautsprechersystem ins Haus führen. Dann hört man auch mal so etwas wie: „Die Maske bitte dringend zur Bühne, Dackel Piefke hat die falschen Ohren auf.“

Als Letztes haben Sie das Musical „Sweeney Todd“ betreut, das noch auf seine Premiere vor Publikum wartet. Wie verlief diese Produktion?

Ein Musical ist immer eine große He­rausforderung, da sehr viele Menschen auf der Bühne agieren und technisch viel passiert. Bei „Sweeney Todd“ habe ich alleine 121 Maschinenfahrten via Lichtzeichen oder auf Ansage zu machen, das ist schon nicht ohne. Das Stück dauert dreieinhalb Stunden, meine Konzentration muss die ganze Zeit bei 100 Prozent sein. Man darf sich da keine Fehler erlauben. Jetzt während Corona habe ich zur Abschirmung meines Platzes eine Plexiglaswand bekommen, da es mir während der Vorstellung selbst nicht möglich ist, eine Maske zu tragen. Meine Ansagen müssen immer klar und verständlich sein.

Welchen Ausgleich haben Sie zu dieser so verantwortungsvollen Arbeit an der Staatsoper?

In meinen Augen habe ich den besten Beruf der Welt. Stricken hilft mir zu entspannen, dabei aber auch fokussiert und konzentriert zu bleiben. Stricken ist ausgezeichnet gegen Stress und Gedächtnisverlust, es fördert die Vernetzung neuronaler Zellen im Gehirn. Mit einer Freundin suche ich mir jedes Jahr eine gemeinnützige Organisation aus, der wir dann unsere gestrickten Werke spenden. Letztes Jahr gingen Tücher und Mützen an den Szenia Tagestreff für Frauen und dieses Jahr stricken wir Mützen und Socken für obdachlose Frauen in Hannover, die vom Verein der Obdachlosenhilfe betreut werden.

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