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Neue Perspektiven und nachhaltige Allianzen

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16:53 08.06.2021
Anna Mülter
Dynamisch: Festivalleiterin Anna Mülter. Quelle: Katrin Ribbe
Frau Mülter, worauf haben Sie sich am meisten gefreut, als bekannt wurde, dass Sie die neue Leiterin des Festivals Theaterformen sein werden?

Ich bin in Hannover geboren, aufgewachsen, habe hier angefangen zu studieren und erinnere mich noch sehr gut an zahlreiche prägende Theatererfahrungen, die ich während der ersten Ausgaben des Festivals in der Stadt erleben durfte. Auch als ich später in Berlin gelebt habe, bin ich zu jeder Ausgabe angereist. Es war wie ein geheimer Traum von mir, irgendwann auch einmal für die Theaterformen, für eines der schönsten Theaterfestivals der Welt, zu arbeiten. Entsprechend groß ist die Freude, nun diese Möglichkeit in meiner Heimatstadt zu bekommen.

Was zeichnet für Sie die Theaterformen gegenüber anderen Festivals im deutschsprachigen Raum aus?

Ich habe bis 2012 am Berliner HAU (Hebbel am Ufer) und 2014 für eine Ausgabe von Theater der Welt gearbeitet, weshalb es vor allem der internationale Fokus des Festivals Theaterformen ist, der für mich wichtig ist. Meine beiden Vorgängerinnen, Anja Dirks und Martine Dennewald, haben grandiose Arbeit geleistet. Sie haben nicht nur zahlreiche internationale, außereuropäische Künstler*innen nach Hannover eingeladen und viele spannende Diskurse etabliert, sondern als Alleinstellungsmerkmal in den vergangenen Jahren auch eine diskriminierungskritische Leitlinie entwickelt. Hier haben Martine Dennewald und das Festivalteam Pionierarbeit geleistet, die ich unbedingt weiterführen möchte.

Martine Dennewald hat einmal beschrieben, dass sie stets einen Rechercheauftrag an sich selbst vergibt, dessen Ergebnisse sich dann im Festivaljahrgang niederschlagen. Welche kuratorische Strategie verfolgen Sie?

Leider hat Corona von mir ein anderes Kuratieren eingefordert. Meine letzte Recherchereise war im Februar 2020. So fehlten mir wichtige Impulse, die sich über das Reisen und die Besuche anderer Festivals sonst ergeben. Sie konnten für mich auch nicht durch Onlinesichtungen kompensiert werden. Deshalb habe ich für diese Ausgabe verstärkt aus meinen Aufführungssichtungen vor der Pandemie geschöpft. Es werden viele Künstler*innen zum ersten Mal bei den Theaterformen vertreten sein, wie etwa Manuela Infante, Florentina Holzinger oder Noëmi Lakmaier, deren künstlerische Arbeiten ich schon lange sehr schätze. Es wird auch ein Wiedersehen mit bekannten Handschriften wie dem Dokumentartheater von Lola Arias geben. Wichtiger als ein thematischer Schwerpunkt im Bühnenprogramm ist für mich, diverse Perspektiven zu versammeln.

Das Bühnenprogramm weist eine entscheidende Parallele zur Ausgabe von 2017 auf: Es ist ein Jahrgang der Frauen!

Nicht ganz, denn wir haben auch eine Arbeit von Michael Turinsky aus Wien im Programm. Ein Jahrgang der Künstlerinnen war (im Gegensatz zu 2017) nicht vorab geplant, es hat sich einfach ergeben. Ich verfolge in meiner Arbeit grundsätzlich eine feministische Agenda. Das bedeutet, dass ich verstärkt Produktionen von Künstlerinnen besuche und diese auch längerfristig verfolge. Während ich als Leiterin der Tanztage in Berlin aus politischen Gründen mit einer Frauenquote gearbeitet habe, ist das bei den Theaterformen nicht vorgesehen. Das Programm spiegelt einfach mir wichtige künstlerische Positionen wider.

Die neue Leiterin

Anna Mülter leitet seit September 2020 das internationale Festival Theaterformen in Hannover und Braunschweig. Von 2014 bis 2020 kuratierte sie die Tanztage Berlin und war für das Tanzprogramm und die Themenfestivals der Sophiensæle mitverantwortlich. Von 2016 bis 2019 war Anna Mülter zudem Dramaturgin amTanzhaus nrw. Zuvor war sie Mitarbeiterin der künstlerischen Leitung des Festivals Theater der Welt 2014 in Mannheim und arbeitete von 2003 bis 2012 am Hebbel am Ufer Berlin.

Sie haben sich in den vergangenen Jahren einen Namen für Ihren Einsatz für mehr Barrierefreiheit in den performativen Künsten und ihren Institutionen gemacht. Gab es ein Initialereignis, das Sie dazu bewegt hat, sich diesbezüglich für einen strukturellen Wandel einzusetzen?

Die Auseinandersetzung geht zurück auf meine dramaturgische Tätigkeit am Tanzhaus nrw zum Schwerpunkt „Technische Erweiterungen des Körpers“, für den ich mich verstärkt mit Produktionen von Künstler*innen mit Behinderung beschäftigt habe. Das Festival Unlimited in London macht diesbezüglich eine wichtige Arbeit und hat mich bei Recherchereisen inspiriert. Es gab dann keinen Weg mehr zurück. Denn viele andere Produktionen wirken im Vergleich danach so unglaublich normativ. Wenn man Aufführungen besucht, bei denen Barrierefreiheit wirklich gelebt wird, realisiert man, wie auf einmal auch das Publikum entsprechend diverser wird, im Hinblick auf Körper, Wahrnehmungen und Zugänge. In Deutschland gibt es das noch viel zu selten.

Was bedeutet Barrierefreiheit ganz konkret? Und was haben Sie für die Theaterformen in diesem Jahr bereits auf den Weg gebracht?

Barrierefreiheit umfasst, Künstler*innen mit Behinderung einzuladen und auf der Bühne sichtbar zu machen, Mitarbeiter*innen mit Behinderung einzustellen und sie zielt auch darauf, Aufführungen Besucher*innen zugänglich zu machen, die davon bisher ausgeschlossen wurden. Für mich war klar, dass ich diesen strukturellen Fokus mit nach Hannover bringen möchte. Ich war deshalb frühzeitig im Gespräch mit Sonja Anders, der Intendantin des Schauspiels Hannover, und wir haben beschlossen, eine sogenannte Prozessbegleitung in Anspruch zu nehmen. Hierfür arbeiten wir mit den Expertinnen Noa Winter und Sophia Neises zusammen. Sie werden uns längerfristig begleiten, sowohl das Festival Theaterformen als auch das Schauspiel barrierefreier zu machen.
Ein erstes Ergebnis stellt das Angebot einer Audiodeskription für die Produktion The Revolt von Lola Arias dar. Das bedeutet, dass die Aufführung für blinde und sehbehinderte Menschen durch szenische Livebeschreibungen zugänglich gemacht wird. Die Gäste nehmen zudem vor der Aufführung an einer Tastführung teil, bei der sie den Bühnenraum ablaufen, Requisiten ertasten und von Schauspieler*innen Beschreibungen ihrer Kostüme erhalten können. The Revolt entsteht in Kooperation mit dem Schauspiel und wird über den Festivalzeitraum hinaus im Repertoire mit dem barrierefreien Angebot buchbar sein. Barrierefreiheit ist ein Prozess, der Zeit und Ressourcen benötigt und nun Stück für Stück nachhaltig verankert werden soll.

Nachhaltigkeit ist ein gutes Stichwort. Damit kommen wir zu dem Stadtraumprojekt, das das Bühnenprogramm mit einem Fokus auf Klimagerechtigkeit begleiten wird. Wie kam es zu der Idee und worum geht es genau?

„We are in this together, but we are not the same“ ist der Titel dieses Stadtlabors. Und Klimagerechtigkeit ist einfach das brennende Thema unserer Gegenwart. Es betrifft ökologische, politische und soziale Fragen gleichermaßen. Allerdings fehlen mir bei der Auseinandersetzung mit Klimagerechtigkeit in Deutschland oft bestimmte Perspektiven, insbesondere die Stimmen verschiedener marginalisierter Gruppen, deren Wissen und Erfahrungen für das Vorankommen in diesen Fragen von großer Wichtigkeit sein können. Für mich sind beispielsweise Menschen mit Behinderung Expert*innen für das beständige Sich­anpassen an verändernde Lebensumstände, und wir können viel von ihnen lernen. Auch ist eine indigene Perspektive auf die Klimakrise eine gänzlich andere als die von uns aus einer westlichen privilegierten Welt, und es ist mir wichtig, sie miteinzubeziehen. Konkret bedeutet das, dass ich vor allem behinderte und indigene Künstler*innen zu diesem Stadtlabor eingeladen habe, und dass sich das Festival mit zahlreichen Initiativen und Verbänden aus Hannover zu Umweltschutz, Antidiskriminierung oder sozialer Gerechtigkeit verbindet, um in einen gemeinsamen Austausch zu kommen.  

Und dieser Begegnungsort wird für die Dauer des Festivals auf der Raschplatzhochstraße eingerichtet. Wieso dieser Ort?  

Hannover wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als autogerechte Stadt entworfen, entsprechend umgebaut und zum Vorzeigemodell. Und heute ist diese Zukunftsvision von damals noch als gebaute Architektur, als in Beton gegossene Vision der Vergangenheit sichtbar. Wir verbinden mit unserer temporären Intervention nicht die Forderung, die Raschplatzhochstraße dauerhaft zu schließen, denn da gibt es intelligentere, langfristigere Lösungen, aber wir wollen diesen Ort, der nur für Autos geschaffen ist, für die Festivaldauer den Menschen der Stadtgesellschaft überlassen und gemeinsam an neuen Visionen und Zukunftsentwürfen arbeiten. Es soll ein temporärer Aufenthalts- und Möglichkeitsraum ohne Eintrittskosten sein, an dem sich die Menschen gern aufhalten, wo es Gastronomie, Ruhezonen, Raum für künstlerische Performances, Installationen, DJ-Abende wie auch für gemeinsame Gesprächs- und Workshopformate geben wird.

Positioniert sich das Festival an dieser Stelle auch stadtentwicklungspolitisch? Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay von den Grünen ist für seinen Einsatz für eine autofreie Innenstadt bekannt. Will das Festival diese Option im künstlerisch gestalteten Probe- beziehungsweise Modellmodus erfahrbar machen?

Wir verfolgen als Festival unsere eigene Agenda, agieren in einem anderen Feld als die Politik, mit anderen Strategien, und vor allem mit dem Fokus auf marginalisierte Perspektiven. Auch verhandeln wir nicht zuvorderst Fragen von Mobilität, sondern den größeren Komplex von Klimagerechtigkeit. Es ist die Aufgabe der Politik, konkrete Vorschläge zu entwerfen, das machen wir nicht. Unsere Aufgabe kann es aber sein, temporär einen Raum zum Experimentieren zu öffnen, in dem gemeinsam von allen interessierten und engagierten Beteiligten und Besucher*innen Visionen entwickelt werden können. Das hannoversche Theaterformen-Publikum habe ich stets als sehr offen erlebt, und ich möchte es deshalb sehr herzlich einladen, unsere theatrale Intervention auf der Hochstraße nicht nur zu besuchen und an Veranstaltungen und Workshops teilzunehmen, sondern sich auch zu einem Perspektivwechsel anregen zu lassen, an diesen so urbanen und zugleich auch enthobenen, terrassenähnlichen Ort neu auf die eigene Stadt zu blicken.

Festivalleiterin Anna Mülter legt Wert auf diese Form der gendergerechten Sprache.

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