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Nicht „system-“, aber „gesellschaftsrelevant“

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Michael Mühlhaus und Mohamed Achour bei den Proben für Hedwig and the Angry Inch. Quelle: Kerstin Schomburg

Das Musical „Hedwig and the Angry Inch“ basiert auf einer Off-Broadway- Show von 1998 und erzählt die Geschichte einer deutschen Dragqueen, die aus Amerika zurückkommt und in Hannover ein Konzert gibt.  Mohamed, was ist für dich das Besondere am Stück?
Zuallererst einmal ist es geile Musik und wir haben eine geile Band, um den ehemaligen Blumfeld-Bassisten und Gründer der Band Kante, Peter Thiessen. Wir spielen Glam-Rock, Punk, Grunge und noch mehr. Und ich spiele einen schwulen Mann, der in Drag ein Musiker*innenleben führt. Ich wusste vorher nichts über Drag und hab unglaublich viele neue Impulse bekommen: Wo kommt das her? Warum ist es eine Kunstform? Wo bekommt es eine subversive, em­powernde Form? Wo wurde es genutzt, um aufzubegehren? Wie wurde es genutzt, um bestimmte Begriffe umzudrehen und sich sichtbar zu machen? Die eher femininen Seiten auszuprobieren, das macht mir unheimlich Spaß. Die ganze Art der Kleidung, in hohen Schuhen laufen lernen, das Spielen mit der eigenen Persönlichkeit, das überrascht mich immer wieder.

Findest du es eigentlich ungerecht, dass Geschäfte offen sind, aber Theater nicht spielen dürfen?
Ich weiß nicht … wie geht’s dir denn?

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Ich habe mit einigen Kolleginnen und Kollegen gewitzelt, dass wir, um die Infektionszahlen zu senken, eher Primark schließen müssten als die Theater. Gleichzeitig verstehe ich, dass man jetzt keine öffentlichen Veranstaltungen anbieten kann. Die Frage, die wir uns alle stellen, ist natürlich: Was können wir als Theater der Gesellschaft gerade bieten? Hat man was zu sagen oder nicht?
Ich fand den Vorschlag von Amelie Deufl­hard von Kampnagel interessant. Sie hat gar nicht verstanden, dass die Theater so rumgejammert haben, und gesagt: „Warum könnten wir denn nicht versuchen, was wirklich Sinnvolles zu machen? Beispielsweise als Theaterschaffende ganz konkrete soziale Arbeit zu machen. Also, wir machen das Theater zu und helfen im Krankenhaus aus oder in Schulen oder in Kindergärten oder wie auch immer. Das fand ich in seiner Polemik erstaunlich gegenüber all denen, die sagen, der Mensch braucht die Kunst und so weiter. Und natürlich ist es auch witzig, wenn ich mir vorstelle, wir stünden plötzlich alle im Kindergarten. Ob damit jemandem geholfen wäre? Ich finde es total wichtig, dass wir uns jetzt die Zeit nehmen, uns zu fragen, warum macht man eigentlich Theater?

Was denkst du über den omnipräsenten Slogan „Kunst und Kultur sind systemrelevant“? Für mich assoziiert das immer einen Zweck, den Theater erfüllen muss. Aber eigentlich wehre ich mich dagegen, mit Kunst einen bestimmten Zweck zu erfüllen.  
Ich finde es gut, dass wir eine Institution sind, die staatlich gefördert wird, um verschiedene Arten von Theater zu machen. Es gibt Abende, die haben eine Message, andere nicht. Die Message wird uns dabei nicht vom Geldgeber vorgegeben. Insofern unterstützen wir nicht „das System“. Ich habe zuerst auch gedacht: Ja, Kunst ist systemrelevant. Aber die Frage ist, welches System ist gemeint? „Gesellschaftsrelevant“ finde ich viel besser! Eine Gesellschaft braucht Kunst. Wenn wir nicht überzeugt wären, dass das, was wir machen, einen Wert hat, der über konkrete Zwecke oder konkrete politische Messages hi­nausgeht, würden wir es nicht tun.

Wie würdest du denn die Frage: „Warum Theater?“ als Schauspieler beantworten?
Auf dieser Ebene ist die Frage natürlich wahnsinnig kompliziert. Die stelle ich mir jeden Tag: Warum mache ich diesen Job? Aus Eitelkeit? Für Applaus oder um  meinem narzisstischen Drang zur Selbstveräußerung nachzugeben? Mich haben immer Schauspielerinnen und Schauspieler interessiert, die auch eine politische oder gesellschaftliche Reflexionsfähigkeit besitzen. Das muss gar nicht meiner eigenen Haltung entsprechen, sondern das sind für mich einfach die spannenderen Künstlerinnen und Künstler.

Eitelkeit, Narzissmus, Applaussucht, das sind ja in erster Linie Klischees über Schauspielerinnen und Schauspieler. Wenn ich euch beim Spielen zuschaue, dann erlebe ich, wie ihr Ausdrucksweisen findet für menschliche Konflikte und Gedanken.
Ja, aber es ist unabdingbar, dass sich Schauspielerinnen und Schauspieler mit sich selbst auseinandersetzen und bis zu einem gewissen Grad Nabelschau betreiben. Dadurch können wir Konfliktsituationen oder Widerständen auf der Bühne begegnen. Das ist es, wohin es einen Künstler, eine Künstlerin treibt: an Grenzen zu gehen, Grenzen sichtbar und erfahrbar zu machen für ein Publikum. Das ist der große Unterschied von Kunst und Alltag.

Das finde ich gut beschrieben von dir: Etwas erfahrbar zu machen für Menschen, die diese Grenzbereiche nicht freiwillig ausloten würden. Wie schätzt du denn das Verhältnis von Theater und Digitalität ein?
Ich habe kaum gute Formate gesehen im ersten Lockdown. Ich habe zwar einige Aufzeichnungen geschaut, weil ich sehen will, was die Kolleginnen und Kollegen so machen. Aber ob das für das Publikum interessant ist? Ich weiß nicht, ob Theater überhaupt diesen digitalen Raum erobern kann.

Der Unterschied zeigt sich ja schon daran, dass wir nicht für den Bildschirm inszenieren, sondern für einen dreidimensionalen Bühnenraum. Das sieht auf den ersten Blick wie ein Bildschirm aus, aber ist es eben nicht.
Eine letzte Frage habe ich noch. Was wünschst du, ganz subjektiv, dem Theater für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass das Theater zu einer neuen Relevanz findet und dass es seine Produktionsprozesse entschleunigt. Dass wir mehr Zeit haben, um inhaltlich noch tiefer zu gehen. Dass wir auf die Suche gehen nach einem Theater, das uns neue Sichtweisen auf die Welt ermöglicht. Uns erfahrbar macht, was notwendig wäre, um diesen Planeten noch zu retten, und unser Zusammenleben schöner macht.

Weitere Informationen

HEDWIG AND THE ANGRY INCH
(Drag-)Musical von John Cameron Mitchell (Buch) und
Stephen Trask (Musik und Gesangstexte)
Regie: Friederike Heller
 
Mit: Mohamed Achour, Peta Devlin, Micha Fromm, Sven Missullis,
Michael Mühlhaus, Katherina Sattler
Premiere: Premierentermin im Schauspielhaus wird noch bekannt gegeben

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