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„Nur Nähe kann uns als Menschen wieder heilen“

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Turn of the Srew
„Wir haben es mit einer immens spannenden und geheimnisvollen Oper zu tun, die vordergründig alles hat, was eine klassische Schauergeschichte bieten muss …“ Regisseur Immo Karaman Quelle: Clemens Heidrich

Regine Palmai: Die Oper „The Turn of the Screw“ ist eine der meistgespielten Opern des 20. Jahrhunderts, wurde im Opernhaus in Hannover aber vor über 40 Jahren zuletzt gespielt. Warum also gerade jetzt wieder?
Immo Karaman: Wir hatten ja ursprünglich Verdis „Otello“ geplant, können aber zurzeit nicht mit großem Orchester und Chor arbeiten. Wir haben uns also auf die Suche gemacht nach einem mindestens ebenso packenden Opernstoff, aber eben mit Kammerorchester und einer überschaubaren Anzahl von Solistinnen und Solisten.

Palmai: Es gibt 13 Musikerinnen und Musiker und sechs Solistinnen und Solisten. Eine der Hauptpartien ist ein Junge von vielleicht acht Jahren. Sehr außergewöhnliche Voraussetzungen … Woraus zieht der Abend seine Energie?
Karaman: Wir haben es mit einer immens spannenden und geheimnisvollen Oper zu tun, die vordergründig alles hat, was eine klassische Schauer-geschichte bieten muss: ein altes englisches Anwesen, zwei verwaiste Kinder, eine junge, unerfahrene Gouvernante und – zwei Geister, die scheinbar Besitz von den Kindern und dem Ort ergriffen haben. „Was ist hier in diesem Haus passiert!“, will die Gouvernante in Erfahrung bringen. Ihre Nachforschungen ziehen sie in einen immer tiefer und tiefer werdenden Schlund aus Ängsten und Ahnungen.

Palmai: Und dann der seltsame Stück-Titel …
Karaman: In der Tat, und er ist schwer ins Deutsche zu übersetzen. Die Drehung der Schraube – oder eher das Anziehen der Schraube? Es ist eine Metapher für eine unaufhaltsam wachsende Spannung: eine Schraube, die so festgezogen wird, dass sie über ihre Funktion des Zusammenhaltens und der Stabilisierung hinaus sich oder das Material um sich herum zerstört. Der Komponist der Oper, Benjamin Britten, hat diese Bewegung, den „Turn“ der Schraube, in die Musik hineinkomponiert.

Palmai: Britten war ein genialer Musiker, der ein sehr breites Publikum mit seiner Musik und seinen Stoffen zu fesseln vermochte. Du als Regisseur kannst dir nicht immer die Stücke selbst aussuchen, oft führen auch ganz äußerliche Bedingungen – so auch jetzt – zu einer Titelwahl. Wie passt das diesmal, und wie bereitest du dich auf eine Inszenierung vor?
Karaman: Ich lese, ich höre, ich erlebe. Alles andere entwickelt sich aus diesem Nährboden. Insbesondere bei Benjamin Britten, mit dem ich mich über die Jahre bereits intensiv auseinandergesetzt habe und dessen Werke mir viel bedeuten, ist dieser Nährboden schon angelegt. Ich würde sogar sagen, dass meine ganz persönliche Handschrift ohne die Erfahrung mit Britten eine andere wäre. Daher ist jede Wiederbegegnung mit diesem Komponisten mit einer positiven Aufregung verbunden.

Palmai: Eine Neuinszenierung sucht ja immer die Gegenwart, die Erlebnisrealität der Ausführenden und des Publikums. Wohin führt diese Suche bei dieser Gespenstergeschichte?
Karaman: Die Erzählung von „The Turn of the Screw“ hat ja schon selbst fehlende Nähe und Distanz zwischen den Figuren zum Thema. Niemand kommt so richtig an den anderen heran, keiner offenbart sich dem anderen. Die Gefühlswelt wird unter Verschluss gehalten. Das führt zu Spekulationen, gefährlichen Verdächtigungen und Argwohn. Oder sogar zu Phantomen. Konstrukte, von Angst genährt, vergiften das Klima zwischen den Personen. Unsere Gesellschaft ist da derzeit genauso
gefährdet.

Palmai: Das klingt ja nach einem ganz aktuellen Bezug zu den momentan absonderlichen Alltagsbedingungen …
Karaman: Schon länger schienen mir Distanz und Isolierung als Zeichen einer gesellschaftlichen Entfremdung. Die Pandemie ist da eher ein Beschleuniger. Ich habe aber die leise Hoffnung, dass wir gerade aus diesem Schock mit einem veränderten Bewusstsein heraustreten und eine Kehrtwende anstreben. Ich hoffe, dass wir alle uns nach Nähe sehnen, denn nur Nähe kann uns als Menschen wieder heilen.

Zum Regisseur

Immo Karaman Quelle: Clemens Heidrich

Immo Karaman wuchs als Sohn türkisch-deutscher Eltern im Ruhrgebiet auf. Nach einem Studium der Musikwissenschaften begann seine Theaterlaufbahn am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen. Mittlerweile hat er mehr als 40 Produktionen an vielen großen Theatern und Opernhäusern inszeniert, darunter an der Staatsoper Unter den Linden Berlin, der Oper Leipzig, am Staatstheater Nürnberg, am Theater Dortmund. Immo Karamans Inszenierungen waren bereits für den deutschen Theaterpreis DER FAUST und den Österreichischen Musiktheaterpreis nominiert und wurden mehrfach in den jährlichen Kritikerumfragen der Fachpresse als beste Regieleistung des Jahres aufgeführt.

Palmai: Wie sah das letzte Jahr für dich als Regisseur aus? Wie sehen jetzt die Proben aus?
Karaman: Ironisch gesagt: Das ist mein „Corona-Debüt“. Das heißt, strenge Regeln, Abstände und Masken bei den Proben, ständige Lüftungsunterbrechungen und zuvorderst: Distanz bei den Akteurinnen und Akteuren auf der Bühne, zumal wenn gesungen wird. Aber wir haben ein szenisches Konzept entwickelt, das den vorgeschriebenen Abstand auf der Bühne nicht zum Störfaktor, sondern zu einem unmittelbaren Bestandteil der dargestellten Welt werden lässt.  

Palmai: Was wird das Publikum (voraussichtlich) erwarten?
Karaman: Trotz aller Widrigkeiten hoffe ich doch: Musiktheater at its best. Wir haben eine der faszinierendsten Opern des 20. Jahrhunderts, einen fantastischen Cast, mit Stephan Zilias einen tollen Musikalischen Leiter und ein Konzept, das so ungewöhnlich ist, dass es mich neugierig auf der Stuhlkante sitzen lässt. Theaterarbeit bedeutet ja auch immer, sich selbst Aufgaben zu stellen, die zunächst den vielversprechendsten Startpunkt einer kreativen Reise bestimmen. Das Besondere an der Geschichte von „The Turn of the Screw“ ist, dass sich diese Reise im Kopf der Zuschauerin, des Zuschauers fortsetzt und sie, ihn so schnell nicht loslassen wird. Wo das Böse lauert, ob und in welcher Form es existiert, darauf wird jede und jeder Einzelne eine eigene Antwort haben.

Palmai: Worauf freust du dich?
Karaman: Ich bin sehr glücklich, wieder in einem Raum auf Menschen treffen zu dürfen, um mich mit ihnen über das Leben, die Kunst und eine konkrete Oper austauschen zu dürfen. Viele Produktionen in dieser Zeit wurden ja abgesagt. Für uns Menschen am Theater ist es das Lebenselixier: Sich-Nah-Sein, das Unmittelbare in der Begegnung, das Nicht-Distanzierte.

Weitere Informationen

THE TURN OF THE SCREW
Oper von Benjamin Britten
Musikalische Leitung: Stephan Zilias
Inszenierung: Immo Karaman
Mit: Solistinnen und Solisten, Niedersächsisches Staatsorchester Hannover
Der Premierentermin wird auf staatsoper-hannover.de bekannt gegeben.

Spielzeit Februar 2021 - Szene - Sprechstunde
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