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Schicksale zwischen Tragik und Groteske

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13:20 29.05.2019
Das Poppea-Ensemble chillt in Oscar’s Bar (v. l. n. r.): Ylva Stenberg (Valletto), Daniel Eggert (Seneca), Monika Walerowicz (Nerone), Josy Santos (Ottavia), Sung-Keun Park (Arnalta), Ania Vegry (Drusilla), Edward Mout (Soldat), Stella Motina (Poppea) Quelle: Thomas M. Jauk

Die Krönung der Poppea

Oper in einem Prolog und drei Akten (1642) von  Claudio Monteverdi
Text von Giovanni  Francesco Busenello

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Howard Arman Inszenierung Ingo Kerkhof Raum Dirk Becker Kostüme Stephan von Wedel Licht Susanne Reinhardt Dramaturgie Klaus Angermann
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Poppea Stella Motina Nerone Monika Walerowicz Ottavia Josy Santos Ottone Julie-Marie Sundal Seneca Daniel Eggert Drusilla/Stimme der Athene Ania Vegry Amore (Valletto) Ylva Stenberg Arnalta/Nutrice Sung-Keun Park Lucano Uwe Gottswinter Liberto Jonas Böhm Soldat Edward Mout

Einführungsmatinee 
Sonntag, 2. Juni, 11 Uhr, Laves-Foyer
Premiere 
Freitag, 7. Juni, 19.30 Uhr

Eine machtgierige verheiratete Frau, die mit dem römischen Kaiser Nero anbändelt, um selbst Kaiserin zu werden; ein Herrscher, der seine Frau in die Wüste schickt, um ungestört seine neue Liebschaft genießen zu können; zwei eifersüchtige verlassene Ehepartner, die auch vor einem Mordkomplott nicht zurückschrecken; eine Amme im reifen Alter, die gerne von den Machenschaften der hohen Herren und Damen profitiert; und schließlich ein Philosoph, der von seinen Moralpredigten gut leben kann – allerdings nur so lange, wie er seinem Kaiser nicht widerspricht. Man kann nicht behaupten, dass das Personal von Claudio Monteverdis Oper „Die Krönung der Poppea“ sonderlich sympathisch ist. Alle sind nur auf ihren Vorteil bedacht, und zur Erreichung des Ziels ist man auch bereit, andere über die Klinge springen zu lassen.

Neue Stoffe

An der Schwelle von der Renaissance zur Barockzeit schrieb Monteverdi 1642 sein letztes Opernwerk „Die Krönung der Poppea“ für das Teatro SS. Giovanni e Paolo, das als eines der ersten öffentlichen Theater von der venezianischen Patrizierfamilie Grimani in Venedig erbaut wurde und als schönster Theaterbau Venedigs galt. Die Tatsache, dass in der Republik Venedig eine Theateraufführung nicht nur dem Adel vorbehalten war, sondern sich jeder per klingender Münze Zutritt erkaufen konnte, hatte einen Wandel der Stoffwahl zur Folge. Hier ging es nicht mehr darum, dass sich der Herrscher in mythologischen und allegorischen Figuren selbstverliebt bespiegeln konnte. Das Publikum verlangte danach, Menschen aus Fleisch und Blut auf der Bühne zu sehen, und fand auch Vergnügen daran, die negativen Züge gerade der obersten Gesellschaftsschichten vor Augen geführt zu bekommen.
Die Wahl eines von Tacitus überlieferten historischen Stoffes aus der römischen Geschichte war deshalb besonders geeignet, auch weil sich die stolzen Venezianer damit einen Seitenhieb auf das feudale Rom und den Kirchenstaat gönnten. Mit äußerst kritischem Unterton und unverhohlener Lust an Grausamkeiten schildert Tacitus die Ereignisse um die schöne Poppea, die als eine frühe Femme fatale erscheint und Nero um den Finger wickelt, der seinerseits wohl auch deshalb Gefallen an dieser Frau findet, weil sich beide in Sachen Egomanie und Skrupellosigkeit kaum nachstehen. Auch Neros Lehrer Seneca erscheint wenig vorteilhaft als ein eitler Schwätzer, der sich selbst ins rechte Licht setzt – das ihm Nero allerdings ausknipst, als er zu sehr nervt.

Ironisches Intrigenspiel

Aus der Überlieferung historischer Ereignisse schuf der Jurist und Librettist Giovanni Francesco Busenello für Monteverdi ein ironisches Intrigenspiel, das sowohl gesellschaftskritisch als auch psychologisch zu verstehen ist. Ins Zentrum rückt das zeitgenössische Individuum in seiner ganzen Widersprüchlichkeit, das sich im Spannungsfeld von Moral, Vernunft, Leidenschaft und Machtgier befindet und darin umso orientierungsloser ist, als die traditionellen Koordinatensysteme außer Kraft gesetzt sind. Die Zeit Monteverdis und Busenellos war geprägt von turbulenten politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen: Es war eine Zeit der Glaubenskämpfe und Kriege – allen voran der Dreißigjährige Krieg –, in deren Gefolge sich eine umfassende machtpolitische Neugestaltung Europas mit neuen Nationalstaaten herausbildete. Neben die geschwächte politische Macht trat vor allem in Oberitalien die wirtschaftliche und finanzielle Macht des Bürgertums. Wissenschaft und Kunst wurden von der Idee einer humanistischen Erneuerung des gesellschaftlichen Lebens geprägt, wobei man sich vor allem auf Philosophie und Kunst der Antike berief. In den Naturwissenschaften entwarfen Forscher wie Kopernikus, Kepler und Galilei neue Weltbilder, die in Konflikt mit kirchlichen Dogmen gerieten. Und auch für die Musik bedeutete die Zeit um 1600 einen Umbruch, bei dem der polyphone Vokalstil der niederländischen Schule durch eine ausdrucksbetonte, auf den Textinhalt hin konzipierte und vom Sologesang dominierte Musik abgelöst wurde.

Philosophisches Vakuum

Als eine der bedeutendsten Opernschöpfungen des 17. Jahrhunderts thematisiert „Die Krönung der Poppea“ ein philosophisches Vakuum. Was geradezu wie eine Vorwegnahme psychologischer Erkenntnisse der neueren Zeit wirkt, die Abkehr von allegorischen Bedeutungen und moralischen Belehrungen sowie die Hinwendung zum Einzelschicksal und zum individuellen Handeln in all seiner Triebhaftigkeit, findet seine Entsprechung in der ausdifferenzierten musikalischen Gestaltung: Sie vollzieht das Innenleben der Personen in seinen feinsten Schwankungen und Ambivalenzen – zwischen Tragik und Groteske – seismografisch nach.
Dem kommt eine Form entgegen, die die spätere Trennung von kontemplativer Arie und die Handlung vorantreibendem Rezitativ in der Nummernoper noch nicht kennt. Rezitativische Passagen und ariose Formen gehen ständig geschmeidig ineinander über, vermischen sich und sind letztlich nicht voneinander zu trennen. Nur szenisch gegliedert durch instrumentale „Interpunktionen“ stellt die Oper mit ihrer durchkomponierten Großform ein Gesamtkunstwerk dar, in dem Musik und Sprache eine Einheit bilden. Die vokale Gestik, die in den Instrumenten eine Überhöhung und dramatische Zuspitzung, nicht jedoch eine Kommentierung oder Illustration erfährt, bestimmt die Charakterisierung der Figuren –  und prägt einen dramatischen Gesangsstil, der ihre Widersprüche artikuliert.
Wie später Mozart in „Così fan tutte“ wirft Monteverdi einen „realistischen“ Blick in die menschlichen Abgründe, die von moralischen Prinzipien, religiösen Weltbildern und gesellschaftlichen Konventionen nur notdürftig verdeckt sind.

 Klaus Angermann

Die künstlerischen Leiter

Monteverdis „Die Krönung der Poppea“ wird inszeniert von Ingo Kerkhof, der in den vergangenen 13 Jahren häufig an der Staatsoper Hannover gearbeitet hat und hier zuletzt mit seiner eindrucksvollen Inszenierung von Richard Strauss’ „Salome“ einen großen Erfolg feierte.

Für die musikalische Leitung konnte ein ausgewiesener Spezialist für Alte Musik gewonnen werden: Howard Arman, der derzeitige Leiter des Chors des Bayerischen Rundfunks, der bereits 2014 an der Staatsoper Hannover die Neuproduktion von Jean-Philippe Rameaus „Castor und Pollux“ leitete.

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