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Spielzeit „Sinnlichkeit und Absurdität sind Urkräfte des Theaters“
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16:16 29.04.2019
Quelle: Katrin Ribbe

ROTKÄPPCHEN UND DER WOLF: EIN DRAMA

von Martin Mosebach

Premiere: 23. Mai, 19 Uhr, Schauspielhaus
Preview: 21. Mai, 19 Uhr, Schauspielhaus

Herr Mosebach, wie kamen Sie auf die Idee, aus diesem bekannten Volksmärchen ein sinfonisches Sprachkunstwerk zu komponieren?

In diesem Stück fließen viele Motive meines Lebens zusammen. Jugenderinnerungen an die Weihnachtsmärchen der 50er-Jahre, die im prunkvollen Wiesbadner Opernhaus mit großem Aufwand an Bühnenbild und Kostüm aufgeführt wurden, Monteverdi-Opern, Jarrys „Ubu roi“, „Faust ll.“, darin vor allem die Klassische Walpurgisnacht, aber Auslöser war ein Stück, das die argentinische Groupe Tse in den frühen 80er-Jahren in Paris produziert hat: „Les peines de cœur d’une chatte anglaise“, nach einer Satire von Balzac. Dieses Stück, gespielt von Schauspielern mit Tierköpfen nach den Karikaturen von Grandville, hat mich begeistert. Ich wollte etwas in diesem Geiste schreiben, einen romantischen Zopf aus Komik und Poesie flechten, bei dem die Poesie durch die Komik nicht denunziert wird, sondern sich vielleicht erst entfalten kann. Im Schreiben wurde das Stück dann erheblich ausufernder, als ich mir das vorgestellt hatte. In die Form dieser alten Geschichte floss viel mehr hinein, als ich zunächst für möglich gehalten habe. Das ist vielleicht auch das Geheimnis der Märchen: dass sie in ihrer Knappheit unterirdische Kavernen enthalten, die ungeahnte Weiterungen möglich machen.

Martin Mosebach Quelle: Hagen Schnauss

Wie hat das Stück seit seiner Uraufführung 1991 durch Hans Hollmann fortgelebt?
„Rotkäppchen“ gehört ohne Zweifel in die Kategorie der unaufführbaren Stücke, und das ist wohl auch der Grund gewesen, weshalb sich Anfang der 90er-Jahre Hans Hollmann des Stücks angenommen hat, der ein Spezialist für unaufführbare Stücke war. Er hat das Stück mit einem Riesenaufwand in einem alten Straßenbahndepot mit vier Bühnen, einer großen Truppe und aufwendigen Kostümen aufgeführt, das Publikum war in vielen Aufführungen angetan, die Kritik, gelinde gesagt, ratlos. Das Stück kam zu früh, so vermute ich heute. Dann hat Heinz von Cramer eine ebenfalls aufwendige Hörspielfassung davon hergestellt. Später bin ich mit Hans Hollmann und der Sängerin Andrea Reuter mit einer Lesefassung für drei Personen durch Deutschland gereist, das ging auch sehr gut, es ist eben ein Sprachstück, eine Wortoper, die auch in szenischer Reduktion ganz gut herüberkommt.

Was schenkte Ihnen diese allseits bekannte Geschichte, deren Plot sich in der Regel schnell erzählen lässt, sich bei Ihnen jedoch auf 200 Seiten ausweitet?
Zunächst ging es mir gar nicht um eine bestimmte Geschichte. Ich suchte eine Möglichkeit, meinen geheimen Traum von einem Theater der Phantasmagorie, der Entgrenzung, der Verführung, des Festes zu verwirklichen, und ich habe dann, weil ich Aufträge liebe, den Auftrag einer Freundin, mit der ich mich ausgetauscht habe, angenommen, die sagte: Schreibe ein Rotkäppchen. Zunächst war das abschreckend. Das Kindermärchen, allzu gut bekannt, geradezu verbraucht, mit dem deutschen Klischee des Waldes belastet, die biedermeierliche Süßlichkeit des kleinen niedlichen Mädchens mit dem roten Käppchen, was sollte ich daraus machen? Alles konnte ich daraus machen, stellte ich schnell fest, als ich im Mai 1986 in Rom anfing, dafür die ersten Couplets zu schreiben. Schaut man genauer hin, dann wirft schon die Grimm-Erzählung Fragen auf. Wenn es so gefährlich ist für ein junges Mädchen, in den Wald zu gehen, warum schickt es die Mutter dann ausgerechnet dorthinein? Und warum frisst der Wolf das Mädchen nicht, als er es zum ersten Mal trifft, sondern muss erst die Großmutter verschlingen und sich dann als dieselbe verkleiden, um schließlich zum Ziel zu gelangen? Ich erkannte dann, dass es reizvoller ist, diese Fragen nicht einfach zu beantworten, sondern mich von ihnen führen zu lassen, auch in den Wald hinein mit seinen Gefahren. Das Stück gibt überhaupt keine Antwort auf irgendeine Frage. Es vertraut Sinnlichkeit und Absurdität, in beidem vermute ich Urkräfte des Theaters.

Sie beschreiben die Fülle des Augenblicks, die Gleichzeitigkeit verschiedenster Ebenen, Sie nehmen eine Vergrößerung des Details vor, die derjenigen gleicht, die bewusstseinserweiternden Substanzen nachgesagt wird. Gefällt Ihnen das Rauschhafte?
Vielleicht können wir den Begriff des Rauschhaften mit dem des Sinfonischen ersetzen. Eine große Sinfonie lässt sich mit dem, was sie im Hören auslöst, auch nicht einfach in Philosophie, Erkenntnis, Botschaft übersetzen. Mir schwebte eine solche festliche Erhabenheit durch Fülle und Schönheit vor, dies aber möglich gemacht durch Komik – ein schwieriges Programm, wie ich zugebe. Zum Rausch gehört dann, dass diese Elemente im Erlebnis nicht getrennt erfahren werden können, sondern ineinanderfließen. Das hat die Sprache der allmächtigen Musik eben voraus, dass sie Zugang zur Komik hat, der ist der Musik verschlossen.

Haben Sie ein erotisches Verhältnis zur Sprache, zu ihrem Klang?
Es gibt bekanntlich viele Mittel der Verführung, aber Sprache ist nicht das unwichtigste. Zeilen zu schreiben, die sich beim Hören ins Gedächtnis einschleichen, das ist ohne Zweifel Verführung. Das gelingt am besten mit Versen, die auch haften bleiben können, wenn sie vollständigen Unsinn enthalten, wir kennen das von Werbeslogans.

Spielen Sie in Ihrem Stück mit deutschen Erinnerungsorten? Zum Beispiel dem deutschen Märchenwald, dessen Vorstellungsbild Sie demaskieren, indem Sie es mit den grausamen Vorgängen in der Natur konfrontieren?
Der Wald musste nicht demaskiert werden, er ist nur in allerneuester Zeit zum Sehnsuchtsort einer antiindustriellen Harmonie geworden. Im Märchen ist er der Raum der Gefahr und des Bösen, der wilden Tiere und Dämonen, der Ort, wohin die zähmenden Kräfte der Kultur nicht vorgedrungen sind, der Rückzugsort der in der Zivilisation überwundenen heidnischen Religion und der Räuberbanden. Es gehört tatsächlich zu Deutschland mit seinen gemessen an den anderen west- und mitteleuropäischen Ländern großen Wäldern, dass solche Orte der Anarchie mitten in der Zivilisation weiterbestanden – das sind natürlich nicht die Holzplantagen mit Waldlehrpfaden unserer Zeit.

Ihr Drama ist ein großes Spiel mit Verweisen, versteckten Zitaten. Worin besteht Ihre Lust daran?
Es war mir eine besondere Freude, dieses Versdrama mit Zitaten aus der Literatur geradezu vollzustopfen und Verse alter Gedichte, die mir nicht aus dem Kopf gehen, hineinfließen zu lassen. Literatur wird aus Literatur gemacht, sie besteht bewusst oder unbewusst aus dem, was der Schreiber aus seinen Lektüren erfahren hat. Die Literatur eines Volkes, einer Sprache ist ein großes Gebäude, an dem alle Schreibenden über die Jahrhunderte mitgebaut haben. Das wurde mir während der Entstehung von „Rotkäppchen“ besonders eindringlich bewusst.

Wie sehen Sie das Verhältnis von Sprache und Gedächtnis?
Die Sprache ist geradezu der Inbegriff des Gedächtnisses. Sie ist uralt, die deutsche Sprache hat ihre Wurzeln im Sanskrit und transportiert Erfahrungen und die Weltsicht von Völkern, die sonst längst vergessen sind. Wörter sind keine Zahlen, wenn ihre Bedeutung noch so eindeutig scheint, so enthalten sie in ihrem Klang unendlich viel Unwägbares und nicht Sistierbares. Diese immer, meist unbewusst, mitgehörte Bedeutungsvielfalt, den ererbten Assoziationsraum, der jedes Wort umgibt, spürbar zu machen, das ist vielleicht die eigentliche Berechtigung und Aufgabe der Poesie; das Vorhandensein einer eigenen Poesie macht eine Sprache erst zu einer wirklichen Sprache.

Sie sind ein Autor, der in verschiedensten Formaten schreibt: Romane, Essays, Reportagen, Hörspiele, Opern-Libretti, Drehbücher, Dramen. Wieso wählten Sie in diesem Fall das Schauspiel und für diese Sprachoper nicht das Musiktheater oder das Hörspiel?
Jeder, der Libretti auch längerer Opern durchblättert, sieht überrascht, wie vergleichsweise kurz sie sind. Das Schreiben eines Librettos ist eine dienende Tätigkeit, sie steht im Dienst der Musik. Als das Stück fertig war, habe ich in der Frankfurter Schirn eine Gesamtlesung veranstaltet, sie hat fünf Stunden gedauert, ich habe währenddessen zwei Flaschen Wein getrunken. Um es aufzuführen, muss kräftig gekürzt werden, ich bin auf die Fassung von Hannover deshalb sehr gespannt.

Sie formulierten Ihre Freude über den Plan des Schauspiel Hannover, Ihr „Rotkäppchen“ auf die Bühne zu bringen, und schrieben über den Regisseur Tom Kühnel, Sie könnten sich niemanden Besseren vorstellen. Woher rührt dieses schöne Lob?
Ich habe die Arbeit von Tom Kühnel, der damals mit Schuster zusammenwirkte, leider nur während seiner Frankfurter Zeit verfolgen können, die damals leider viel zu schnell zu Ende ging. Eines seiner Großprojekte war der wagnersche „Ring des Nibelungen“ in gesprochener Form, Suse Wächter hatte mit ihren großartigen Puppen daran einen wichtigen Anteil, eine der schönsten Aufführungen, die ich je erlebt habe, von der Megalomanie erfüllt, die ich mir für „Rotkäppchen“ wünsche.

 Interview: Judith Gerstenberg

Das Abschieds-Projekt

Bevor sich das Schauspiel-Ensemble ab Sommer in alle Himmelsrichtungen verstreut, kommt es noch einmal vollständig zusammen, um ein gerüchteumwobenes Kleinod der deutschen Dramenliteratur auf die Bühne zu bringen: Als sich das künstlerische Team fragte, wie es die zehnjährige gemeinsame Zeit unter der Intendanz von Lars-Ole Walburg am Schauspiel Hannover beenden will, wünschte es sich eine Feier des Erzählens, der Sprache, des Klangs, etwas Sorgloses, ein Satyrspiel. Es war klar, dass es dafür eines artistischen Bravourstückes bedarf. Die Wahl fiel auf das in jeder Hinsicht bemerkenswerte Drama „Rotkäppchen und der Wolf“ von Martin Mosebach. Der Autor, der 1951 in Frankfurt geboren wurde, schreibt Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays und Libretti und erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen, unter anderem 2007 den höchsten deutschen Literaturpreis, den Büchner-Preis.