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„So klein unter den Gauen Judas“

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09:33 20.12.2019
Ruby Commey, Stella Hilb, Nikolai Gemel, Hajo Tuschy und Michael Hanegbi. Quelle: Kerstin Schomburg

WELTMEISTER

von Nina Gühlstorff AKA:NYX und Ensemble

Regie: Nina Gühlstorff AKA:NYX

Ruby Commey, Nikolai Gemel, Michael Hanegbi, Stella Hilb, Hadas Kalderon, Hajo Tuschy

Uraufführung: Freitag, 24. Januar, 19.30 Uhr, Schauspielhaus

Es ist Mai. Der Frankfurter Flughafen liegt grau in grau, als ich aus dem Zug steige. Es gibt einen eigenen Terminal für Flüge in dieses Land, von dem ich gleichzeitig so viel und so wenig weiß. Ich kenne die Namen der Orte, die vor Bedeutung überquellen. „Doch du, Bethlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der in Israel Herrscher sein soll.“ Wie ein Kinderreim dreht sich dieser Satz in meinem Kopf, als ich nach einer Weile über dem Mittelmeer unser Ziel entdecke. „Gauen Judas“ – was hat dieses Wort dort zu suchen?
Tel Aviv ist heiß und hektisch. In der Schlange für ein Taxi in die Innenstadt suche ich nach WLAN. „Bin gut gelandet“, tippe ich in mein Telefon.
Fünf Tage liegen vor uns. Die Stadt begrüßt uns mit Katerstimmung am Tag nach dem Eurovision Song Contest. Fleißige Hände von Menschen ohne Pass räumen die letzten Reste der „größten Party Israels“ beiseite. Was wir vorhaben in der Woche hier? Mit Menschen zu sprechen.

Den Todesmarsch überlebt
Wir fahren mit unserem kleinen Mietauto aus der Stadt, die nahtlos in eine andere Stadt übergeht und dann in die nächste. Auf einer Hügelkette, hinter der ziemlich bald eine Mauer steht, treffen wir Dani und seine Familie. Sein Vater, erzählt er uns, habe den Todesmarsch aus dem KZ Ahlem überlebt, weil er sich in Langenhagen hinter einen Stromkasten geworfen habe. Die Familie, die ihm damals half, sich zu verstecken, hat Dani auf die Liste der „Righteous Among the Nations“ aufnehmen lassen. Beim Abendessen erzählt sein Sohn uns Witze über den Holocaust.
Wir fahren zu Nachum. Er sagt, er sei nie ein guter Esser gewesen. Schon damals nicht, im Ghetto von Lodz. Auch dann nicht, als er mit seiner Familie nach Auschwitz-Birkenau kam. Da habe er Glück gehabt, da er mit Bruder und Cousin direkt weiter mit dem Zug nach Westen geschickt worden sei. Weil er der Zweitkleinste war, sei er in Ahlem in die Küche gekommen. Er war nie ein guter Esser, der Kleinste schon. Darum überlebte Nachum die Küche. Der Kleinste nicht. In der Waschküche, in der er danach arbeitete, sei es warm gewesen. Beim Recycling von alten Reifen nicht. Daran seien sein Bruder und Cousin nach nur kurzer Zeit gestorben. Nachums Sohn sagt, man solle seinen Vater in ein Stadion voller junger Menschen stellen. Er müsse gar nichts sagen. Das würde reichen, um gegen das Vergessen anzugehen. Ich sehe einen alten Mann, der mit uns Deutsch spricht, der sich erinnert an Dinge, die die meisten alten Menschen, mit denen ich gesprochen habe, ihr Leben lang versucht haben zu vergessen. Ich sehe diesen Mann und verstehe noch weniger als zuvor.

Das Projekt

„Weltmeister“ ist ein Rechercheprojekt zur Erinnerungskultur 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Gemeinsam mit israelischen Schauspielerinnen und Schauspielern und Mitgliedern des Ensembles des Schauspiel Hannover begibt sich die Regisseurin Nina Gühlstorff auf eine Reise in die institutionalisierten und persönlichen Erinnerungen in der Stadt und in der Region Hannover. Entwickelt wird ein begehbarer Theaterabend, der das Publikum in bisher unbekannte Ecken des Schauspielhauses bringen wird.

Die Stadt fasziniert mich. Es ist warm, aber noch ahnt man nur die Hitze, die in den kommenden Monaten herrschen wird. Das Wasser ist erfrischend und doch immer getrübt von den Geschichten derer, die am anderen Ufer Rettung suchen. „Wäre gerne mit dir hier“, tippe ich am nächsten Hotspot in mein Handy.
In aller Frühe fahren wir nach Untergaliläa. Ich kenne die Namen der Städte auf dem Weg seit frühester Kindheit. Wieder denke ich an die „Gaue Judas“, gebetsmühlenartig drehen sich die Worte in meinem Kopf. Daphna sitzt in ihrem gut klimatisierten Büro am Ende eines langen Ganges der regionalen Gartenbauschule. Sie spricht über ihre Schülerinnen und Schüler und den Austausch, der seit Mitte der 80er-Jahre mit der Region Hannover besteht. Der persönliche Kontakt sei wichtig. Die Vorurteile würden von den jungen Leuten am besten via WhatsApp abgebaut. Die gemeinsamen Rituale würden bei der Erinnerung helfen. Ich bin beeindruckt von ihr und ihrer Selbstverständlichkeit. Auf dem Weg zurück an einer Tankstelle essen wir den besten Hummus meines Lebens. Im Neonlicht, am Tisch mit Plastiktischdecke, der Raum angefüllt mit Musik aus schlechten Boxen, frage ich mich, wie viele Eindrücke ich auf dieser Reise noch aufnehmen kann. Schon jetzt fällt es mir schwer, alles zu erinnern. Es ist erst Tag drei.
Eine Million Kinder
Zahlen flirren durch meinen Kopf. Eine Million Kinder. Was heißt das? Eine Million Kinder? Wer kann sich das vorstellen? Die Schülerinnen und Schüler, die das Pflichtprogramm ihres Tagesausfluges hinter sich gebracht haben, machen Selfies auf den Stufen des Museums. Ich suche nach WLAN. Es gibt keins.
Mit einem Minibus erreichen wir vor der Mittagshitze die Hauptstadt. Wir wagen einen kurzen Abstecher in das Innere der Stadtmauern. Schon wieder sprudelt es gut trainierte Bibelzitate in meinem Kopf. Hier sieht alles aus wie in meiner Kinderbibel, nur mit mehr Plastik, denke ich und trinke den Rest von meinem frisch gepressten Orangensaft.
Der Weg führt durch einen trockenen Nadelwald. Schon von Weitem sieht man die scheinbar endlose Schlange von Bussen, die Touristen und Touristinnen aus aller Welt an den Ort des Gedenkens gebracht haben. Routinierte Guides führen eng zusammengedrängte, sonnenverbrannte Amerikanerinnen und Amerikaner in den Bauch des beeindruckenden Museumsgebäudes. Getrieben schiebe ich mich durch die Menschenmassen, vorbei an Schtetl-Fotografien und Güterwagons, den Widerständigen des Warschauer Ghettos und der Halle mit den Namen aller Opfer. Irgendwo gibt es eine Tür. Ruhe. Platz. Nur drei andere sind in der Sonderausstellung „Film und Fotografie in der NS-Zeit“. Sie flüstern sich etwas zu. Ich bin nicht die einzige Deutsche, die hierher geflohen ist.
Im Minibus bin ich froh, in die Stadt am Meer zurückkehren zu können, die sich mit vereinten Kräften auf die „Tel Aviv Pride“ vorbereitet. „Die größte Party in Israel“. Alleine, in der queeren Bar in einer Seitenstraße, mache ich ein Selfie von meinem sonnenverbrannten Gesicht und tippe „Nur noch einmal schlafen. Ich freu mich auf zu Hause.“ in mein Handy.

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