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„Tanz ist Leben, Tanz ist Bewegung"

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Quelle: Lilit Hakobyan (3)

Wir alle befinden uns auf der Suche, auch wenn wir nicht immer genau wissen, wonach. „Am Anfang jeder Neukreation steht Musik.“ Für sein Ballett „Moonlight“ wählte Juliano Nuñes, der jüngste der Choreografen des Abends, anlässlich des Jubiläumsjahres Ludwig van Beethovens das Adagio aus dessen „Hammerklaviersonate“ aus. „Ich habe mich intuitiv für diese Sonate entschieden“ erinnert er sich. „In diesem Musikstück gibt es viele verschiedene Gefühlsrichtungen, manchmal langsam und vorsichtig, manchmal extrem. Die Dynamik verändert sich auf eine ganz klare Weise. Das hat so viel Ehrlichkeit.“ Beethoven, der eine neue Ära der Tonkunst begründete, schuf diese große Sonate 1817 in sozialer Isolation, getrieben von finanzieller Not und seiner bereits fortgeschrittenen Ertaubung.
In Nuñes‘ Choreografien verlaufen Musik und Tanz parallel zueinander und ergänzen sich gegenseitig. Die Musik gibt die Struktur und das Tempo für die Bewegungsabläufe vor, sie bestimmt die Emotionen und bildet den Ausgangspunkt für alle Bewegungen. Juliano Nuñes, der selbst auf eine Karriere als professioneller Tänzer an internationalen Opernhäusern zurückblicken kann, entschied sich vor zweieinhalb Jahren, sich ganz auf das Choreografieren zu fokussieren.
„Die Kraft des Mondes ist für mich wie die der Kunst: Beide reflektieren das Licht und geben es weiter.“ Diese Dynamik spiegelt sich in der Choreografie wieder, die momentan im Ballettsaal der Staatsoper entsteht. Eine Tänzerin setzt einen Impuls, der durch die Gruppe läuft und wieder zurück zu ihr kommt. „Das Licht kommt von überall her, es geht nicht nur in eine Richtung“, beschreibt Juliano Nuñes den Kreationsprozess.
Mit Bühnen- und Kostümbildner Thomas Mika, der bereits Ballette für viele internationale Choreografen ausgestattet hat, arbeitet Nuñes für die Neukreation eng zusammen. Auch für Mika ist die Musik der Ausgangspunkt für die Konzeption seines Bühnenbildes. Über die Musik erschließt er sich die erste Beschaffenheit eines Raumes, Optik, Farben, Formen, Lichtstimmungen und Materialität. „Der moderne Tanz ermöglicht eine sehr freie Herangehensweise, da es, im Gegensatz zum klassischen Ballett, keinen vorgegebenen Handlungsstrang gibt.“ „Moonlight“ ist seine erste Zusammenarbeit mit Juliano Nuñes.
Parallel zur Neukreation erarbeiten die Tänzer Tommy Rous und Francisco Baños Diaz unter Anleitung von Urtzi Aranburu, dem choreografischen ASsistenten von Jiří Kylián, dessen Solochoreografie „Double You“. Darin wird ein Lebensweg von der Geburt bis zum Tod abgebildet. Das Solo schuf Kylián 1994 für Gary Chryst, den damaligen Tänzer des Nederlands Dans Theater III, der als er kurz davor stand, seine Karriere als Tänzer zu beenden, zeitgleich einen engen Freund verloren hatte. „Double You“ erzählt von einem Mann, der von diesen Gefühlen geprägt ist. Das Solo erzählt die Geschichte von Enttäuschung, Sehnsucht und Verzweiflung. Aber auch vom Mut und der Hoffnung, sich immer wieder auf den Weg zu machen. Wie nähert man sich als Tänzer, der das Stück einstudiert, einem Solo an, das so persönlich ist? „Ich suche meinen eigenen Bezug zur Choreografie“, sagt Tänzer Tommy Rous. „Ich muss sehr ehrlich zu mir selbst und auch zum Publikum sein.“ Ganz anders ist die Stimmung in Lukáš Timulaks Ballett. In Anlehnung an John Grays Buch „Männer sind anders, Frauen auch“ spielt Timulak in „Masculine/Feminine“ mit stereotypen Rollenbildern. „Als das Stück 2011 uraufgeführt wurde, war es beispielsweise überhaupt noch nicht gängig und gesellschaftlich akzeptiert, als Mann Frauenkleider zu tragen“, erinnert sich der Choreograf. „Heute, fast zehn Jahre später, ist das nicht mehr so, hat sich das zum Glück verändert, auch wenn immer noch ein weiter Weg vor uns liegt.“ Das Ballett wird mit lockeren Jazzklängen von Herbie Flowers und Barry Morgan begleitet. „Entweder identifiziert man sich selbst mit einem der Charaktere im Stück, oder sie erinnern einen an jemanden“, schmunzelt Tänzerin Verónica Segovia Torres. Lukáš Timulak und die Tänzerinnen und Tänzer nehmen dabei die Thematik sehr ernst, auch wenn sie sich in „Masculine/Feminine“ erlauben, ein bisschen über sich selbst zu lachen und sich mit Klischees auseinanderzusetzen, die sich hartnäckig bis in unsere heutige Zeit gehalten haben.
Ein Kennzeichen von Lukáš Timulaks Choreografien ist die langjährige Zusammenarbeit mit Grafikdesigner Peter Biľak, mit dem Timulak seit 2004 kooperiert und der „Masculine/Feminine“ ausgestattet hat. Die angedeutete Wohnzimmeratmosphäre und die zarten Kostüme erzeugen Intimität – und das Publikum hat mitunter den Eindruck, heimlicher Beobachter des Geschehens zu sein.

Marie Leese

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Rastlos
Choreografien von Juliano Nuñes,
Jiří Kylián und Lukáš Timulak
Moonlight
Choreografie Juliano Nuñes Bühne
Kostüme Thomas Mika
Double You
Choreografie Jirí Kylián Bühne Jirí Kylián
Kostüme Joke Visser Licht Kees Tjebbes
Masculine/Feminine
Choreografie Lukáš Timulak
Bühne Peter Bilak Kostüme Peter Bilak,
Lukáš Timulak, Joke Visser Licht Tom Visser
Staatsballett Hannover
Xchange Bettina Stieler
Premiere: Sonntag, 8. November, 18.30 Uhr, im Opernhaus

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