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„Unsere Geschichten ergänzen sich.“

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09:44 05.06.2019
Angelika Trappe (h. l.), Gabriele Dragon (h r.), Rita Eggers und Torsten Burow. Quelle: Judith Hartstang

Mal eben die zehn wichtigsten Daten der deutschen Geschichte nennen: „Gar nicht so einfach, das blättert man nicht mal eben so hin“, sagt selbst der pensionierte Lehrer Torsten Burow. Er ist einer der rund 50 Mitspielerinnen und Mitspieler in dem Projekt „Die Geschwindigkeit des Lichts“. Für diese Produktion sammelt der Regisseur Marco Canale seit über einem Jahr Lebensgeschichten von hannoverschen Seniorinnen und Senioren. Aus ihren Biografien und Erzählungen webt der 42-jährige Argentinier ein Stück, das beim Festival Theaterformen uraufgeführt wird.
Die unbefangene Frage nach den Daten deutscher Geschichte ist nur ein Beispiel dafür, dass Canale mit einem Blick von außen an die Sache herangeht. Für die Mitwirkenden ist das eine neue, gute Erfahrung, weil sie dazu anregt, das Wissen und die eigenen Erlebnisse miteinander in Einklang zu bringen. „Da fängt man gleichzeitig ganz hinten und ganz vorne an, und dann sortiert man alles dazwischen“, sagt Burow. „Als Südamerikaner stellt Marco andere Fragen. So kitzelt er andere, neue Antworten hervor. Das mitzumachen ist schön.“
Diese Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte kann heilsam sein. So empfindet es Gabriele Dragon, die ebenfalls mitwirkt. Im Zuge der Arbeiten am Stück hat sie sich intensiv mit den Erlebnissen und der Rolle ihres Vaters als deutscher Soldat im Zweiten Weltkrieg beschäftigt – auch mit ihrem Verhältnis zu ihm. Das aufzuarbeiten sei teilweise richtig hart und schwer gewesen, sagt sie. „Ich habe mich gefragt: Was war das für ein Mann? Habe ich den eigentlich gekannt?“
Allein darüber zu reden sei für sie eine Wohltat und eine Erleichterung gewesen, berichtet Gabriele Dragon: „In dem Moment, als ich angefangen habe zu erzählen, hatte das etwas Therapeutisches.“ Dank Canale habe sie es geschafft, ihren Frieden zu machen mit ihrem Vater. „Und das ist für mich das Größte! Das ist ein total gutes Gefühl.“
Auch die Rentnerin Angelika Trappe hat Canale ihre Geschichte erzählt – schon vor Monaten. Er besuchte sie zu Hause und zeichnete alles auf. Sie berichtet: „Wir haben an dem einen Abend so viel angeschaut – Bücher, Fotoalben, Liederbücher.“ Außerdem gab ihr der Regisseur eine Aufgabe: „Ich sollte ihm deutsche Schlager, Rock- und Pop-Songs schicken.“ Denn auch Musik soll eine Rolle spielen.
So hat Canale aus dem Erfahrungsschatz einer Generation Baustein um Baustein für „Die Geschwindigkeit des Lichts“ gesammelt. „Genau das ist das Spannende. Nämlich, dass das Stück aus unseren Biografien entwickelt wird“, sagt Torsten Burow. Und aus den Biografien der Elterngeneration, die oftmals über das Erlebte schwieg. „Unsere Väter haben im Krieg ähnliche und verschiedene Erfahrungen gemacht. Im Stück ergänzt sich alles zu einer Art deutschen Biografie“, ergänzt Burow. Das eigene Leben als Teil der Geschichte zu sehen beeindruckt auch Angelika Trappe: „Es ist ja nichts ausgedacht. Dass Marco das hinbekommt, finde ich, ist eine ungeheure Leistung!“
Zu den Proben gehört auch, dass immer wieder Neues ausprobiert, Vorhandenes umsortiert und manches auch verworfen wird. Ist das nicht anstrengend für die Mitwirkenden – schließlich sind es ihre Geschichten? „Das könnte tatsächlich zu Unmut führen“, sagt Rita Eggers, „aber das passiert nicht.“ Sie erklärt dies damit, dass alle im Team Canales aufrichtiges Interesse spüren. „Er ist behutsam und respektvoll. So wie hier hab’ ich das selten erlebt“, sagt Rita Eggers. Die Musiklehrerin reist regelmäßig aus Göttingen an, sie singt in der hannoverschen Kantorei Sankt Georg, die ebenfalls am Stück beteiligt ist.
Auch wenn „Die Geschwindigkeit des Lichts“ Bezug nimmt auf die teils traumatische Vergangenheit, ist das Stück in der Gegenwart verankert. Die Schauplätze bewegen sich zwischen der kriegszerbombten Aegidienkirche, der Straßenbahn und privaten Wohnzimmern. Die Teilnehmenden empfinden das als wohltuend. „Durch die Verortung in der heutigen Zeit bekommt das Stück etwas Leichtes und ist nicht so getragen und schwer“, so Rita Eggers.
Die deutsche Geschichte, persönliche Traumata und Schuld, das Verhältnis zu den Eltern, Glück, Musik, Liebe und Emotionen – in Marco Canales Stück kommt all dies zusammen. Angelika Trappe bringt es auf den Punkt: „Es geht ums Leben – nicht um mehr und nicht um weniger!“ Und wer um die 60, 70 ist und aus Hannover kommt, hat einiges erlebt. 

Judith Hartstang

Premiere am 22. Juni, 10 Uhr. www.theaterformen.de.

Was die Menschen bewegt

Die Vernetzung mit Hannover ist eine Spezialität des Festivals Theaterformen 2019: 150 regionale Mitwirkende sind in der Hälfte der insgesamt 14 Stücke involviert. Die internationalen Regisseurinnen und Regisseure machen mit den Mitwirkenden ungewöhnliche Seiten der Stadt sichtbar: Laila Soliman aus Kairo und Ruud Gielens aus Antwerpen haben mit einer in Niedersachsen ansässigen Gruppe sudanesischer Frauen, die sich gegen weibliche Genitalverstümmelung einsetzen, das dokumentarische Theaterstück „My Body Belongs to Me“ (Bild) entwickelt. Semion Aleksandrovskiy aus Sankt Petersburg weckt mit den Stimmen lokaler Künstlerinnen und ihrer Väter in „Kurzzeit“ Erinnerungen an die Kindheit. Selina Thompson und Scottee aus Großbritannien erforschen mit hannoverschen Expertinnen und Experten das deutsche Adoptionssystem, und 600 „HIGHWAYMEN“ aus New York interessieren sich für Sammlerinnen und Sammler, mit denen sie „The Collectors“ entwickeln. Im Auftrag des Schweizer Künstlers Mats Staub unterhalten sich Menschen aus Hannover über „Death and Birth in My Life“. Und Amrita Hepi aus Sydney sammelt für ihre Choreografie „A Call to Dance“ all das, was die Menschen in dieser Stadt bewegt.

Das komplette  Festivalprogramm unter www.theaterformen.de

Das Schauspiel-Ensemble lädt vom 7. bis 15. Juni zu BURN in Cumberland ein. Es gibt eine Vielzahl einmaliger Stücke und Projekte. Ein Überblick.

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