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Von Töchtern und Müttern

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Proben im Homeoffice (v. o. n. u.): Sabine Trötschel, Elke Cybulski, Yara Eid und Khaouthar Slimani. Quelle: Theaterwerkstatt Hannover

Eigentlich sollte die Vorstellung im November Premiere feiern – analog auf der Bühne der Theaterwerkstatt Hannover. Doch dann kam der Lockdown. „Wir wollen das Projekt unbedingt retten. Deshalb probieren wir eine neue Form aus. Wir sind selbst gespannt, wie das funktioniert.“ Khaouthar Slimani ist die Initiatorin dieser interkulturellen Produktion. Dass die Performance nun online realisiert wird, ist eine besondere Herausforderung für die vier Frauen zwischen Mitte 30 und knapp 60. Wegen des Infektionsrisikos treffen sich die Künstlerinnen derzeit  auch nur digital. „Das ist ein spannender Prozess. Natürlich hat sich dabei auch das Konzept verändert, denn die Arbeit gestaltet sich ganz anders“, sagt die Tänzerin Yara Eid. „Wenn wir einzelne Szenen proben, sehen wir uns nicht. Man spürt also auch nicht die Energie der anderen.“ Die Performerin ist die Jüngste in dem Frauenquartett, das sich mit dem komplexen Beziehungsgeflecht zwischen Müttern und Töchtern beschäftigt. Ihre Produktion „In deinen Schuhen“ verstehen sie als Beitrag zur aktuellen Feminismus-Debatte. Es gehe aber auch darum, die eigene Beziehung zur Mutter oder zur Großmutter zu hinterfragen. Wie weit haben uns unsere Mütter geprägt, wo haben wir uns abgegrenzt, wo übernehmen wir überkommene Rollenbilder oder fallen sogar in ältere Muster zurück? Und was erwarten die Mütter heute von ihren Töchtern?
Khaouthar Slimani ist in Algerien geboren. Die Theatermacherin weiß, wie prägend Traditionen sind. „Jede Frau hat ihren eigenen Backround und ihre eigenen Erfahrungen.“ Das Großmütter-Mutter-Tochter-Verhältnis spiele dabei stets eine zentrale Rolle. „Als Frau blicke ich zurück auf jene Frauen, die noch immer meinen Verstand und meine Seele jagen. Ich war sehr jung, nicht mal ein Teenager, aber ich wurde neugierig. Ich war beeindruckt von ihrem Mut, ihrer Ausdauer und ihrer Kompetenz. Sie haben mich beeinflusst, die Person zu sein, die ich heute bin. Das werde ich ihnen nie vergessen.“

Heftige Diskussionen
Elke Cybulski, selbst Mutter einer Tochter, ist begeistert von dem Thema und von dem neuen Online-Format in Zeiten von Social Distancing. „Wir recherchieren im Homeoffice, suchen nach Beispielen aus der Literatur und schreiben eigene Texte, die wir bei unseren Online-Treffen diskutieren. Dabei versuchen wir auch, einige Szenen zu entwickeln.“ Die Schauspielerin verweist etwa auf das Buch der israelischen Soziologin Orna Donath „Regretting Mo­therhood“. Die Studie über Frauen, die ihr Muttersein bereuen oder darin nicht die erwartete Erfüllung finden, hat hierzulande heftige Diskussionen ausgelöst. Denn darin werden auch die dunklen Seiten der Mutterschaft angesprochen, die Ängste, Zweifel oder Überforderungen, bislang ein Tabuthema. „Uns inte­ressieren die alten und neuen Bilder von Mutterschaft. Nicht jede Frau möchte Kinder haben. Andere kommen mit den hohen Ansprüchen und den enormen Erwartungen nicht klar, die an sie gestellt werden. Das sind interessante Aspekte.“

Komplexe Frauenbilder
Was genau macht Frausein eigentlich aus? Warum muss eine Frau immer perfekt sein, auch im Vergleich zu anderen Frauen? Wie wird sie in den Medien dargestellt, wie stellen Frauen sich selbst dar? Wie wirken Frauen aufeinander? Autorinnen wie die britische Schriftstellerin und Aktivistin Priya Basil oder die Verfasserin des Romans „Outline“, Rachel Cusk, die sich in unterschiedlichen Zusammenhängen mit familiären Beziehungsmustern und Bildern des Mutterseins beschäftigt, melden sich auch in Diskursen wie diesen engagiert zu Wort. „Ihre Bücher geben uns viele Impulse.“
Regie führt Sabine Trötschel. „Für uns ist diese Produktion eine künstlerische Entdeckungsreise. Wir beschäftigen uns mit gegenwärtigen Fragen und tauchen zugleich in unsere eigenen Familiengeschichten ein. Die Beschäftigung ist auch deshalb so intensiv, weil wir vieles zunächst allein erarbeiten, bevor wir uns gemeinsam im Netz darüber austauschen.“ Im Netz präsentiert werden soll eine Collage aus Videosequenzen mit Szenen, Texten, Tanz und Musik (Öz Kavaller). „Wir hoffen, dass daraus eine interaktive Performance entsteht, bei der auch unser Publikum per Mausklick mitmachen kann.“

Karin Dzionara

Weitere Informationen

Aufführungstermine im Netz unter www.theaterwerkstatt-hannover.de

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