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Von der Aktualität überrannt

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Caroline Junghanns, Nicolas Matthews und Mathias Max Herrmann Quelle: Kerstin Schomburg
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Ich fahre mit dem Fahrrad durch den Park…“ – in harmloser Alltagskulisse beginnt der Song „Was ist schon legal“ – doch in den folgenden Strophen schleicht sich das parallele Weltgeschehen ins Bewusstsein der Hörerinnen und Hörer. Demonstrierende Schülerinnen und Schüler, die für die Erhaltung der Umwelt auf die Straße gehen, ziehen vorbei; ein Flieger hebt vom Münchner Flughafen ab, um abgewiesene Asylsuchende nach Afghanistan zu bringen und auf Lampedusa erhält ein Schiff keine Landegenehmigung, bis die Kapitänin weltbekannt wird für ihre Entscheidung, trotzdem anzulegen. Wie Legalität in diesem Licht beinahe relativ erscheint ist Thema des Songs, der im Rahmen der Inszenierung „Grundgesetz – In Concert“ entstanden ist.

Als Anfang 2020 das Produktionsteam die Vorbereitung für die Inszenierung beginnt, liegt Veränderung in der Luft: Black Lives Matter, Fridays for Future, #Mee Too: Menschen gehen auf die Straße für Forderungen, die laut Grundgesetz längst Wirklichkeit sein müssten: Gleichberechtigung, Umweltschutz, keine Diskriminierung. Der Theaterabend will sich mit diesen Fragen von Wirklichkeit und Utopie des deutschen Grundgesetzes auseinandersetzen. Aber: Paragraphen bestimmen zwar die politische Bühne, strahlen aber nicht sonderlich viel Dramatik für eine Theaterbühne aus. Wie den spröden Gesetzestext zugänglich machen?

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Poptheoretiker Jens Balzer schreibt über die Kraft der Popmusik, dass sie uns Räume, Momente und Möglichkeiten schenken könne, in denen Menschen, die vielleicht ganz anders sind als wir, uns nicht als Gegnerinnen und Gegner, sondern als Freundinnen und Freunde begegnen. Aus diesem Gedanken entsteht die Idee, die Bühne zur Tanzfläche zu machen und die Demokratie im Rahmen eines Konzerts zu feiern. Und so schreiben die Musiker Albrecht Schrader (der unter anderem das „Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld“ leitete) und Paul Pötsch (bekannt  auch  als Frontmann der Band „Trümmer“) in Zusammenarbeit mit Regisseurin Friederike Schubert 13 Popsongs, die persönliche Berührungspunkte mit dem Grundgesetz suchen.

Aber als das Jahr 2020 seinen Lauf nimmt, überrollen die Ereignisse auch die Arbeit an der Inszenierung. Ähnlich wie sich im Song „Was ist schon legal“ ins Bewusstsein schleicht, wie banaler Alltag und große moralische Fragen nebeneinanderstehen, werden die entstanden Songs nun fast täglich mit neuer Aktualität überzogen. Auf dem Weg zur Theaterprobe laufen die Nachrichten vom sogenannten Sturm auf den Reichstag, von der Aufhebung der Autonomie der Budapester Universität für Theater- und Filmkunst, von autokratischem Streben von Washington bis Istanbul.

Die Textzeilen aus dem Grundgesetz, die in den Songs eine Rolle spielen, verändern ihre Wirkung: Wenn am Abend zuvor ein Lager für Asylsuchende in Moria abgebrannt ist, entsteht aus der Zeile „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“ eine ganz neue Drastik. Der Gestus der Zeile „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten […]“ wird ein anderer angesichts der Fake News, Verschwörungstheorien und Demonstrierenden, die mit dem Grundgesetz in der Hand gemeinsam mit Menschen offen rechtsnationaler Gesinnung auf die Straße gehen. Die Zeile „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ wirkt im Angesicht aktueller Nachrichten wie eine leergelaufene Phrase.

Zugleich rückt im Schatten dieser Ereignisse die Kraft des Grundgesetzes in den Fokus. „Artikel 1 entstand nicht deshalb, weil man einen poetischen Textanfang benötigte. Er entstand auf den Trümmern der Menschlichkeit.“, schreibt die Autorin Mely Kiyak und bezieht sich auf die Entstehung des Grundgesetzes im Angesicht der Erfahrung des Holocausts. Es wird deutlich, wie vielleicht nie zuvor: Wir können verdammt nochmal froh sein über dieses Geschenk, dass uns vor 71 Jahren gemacht wurde. Wir sollten seine Ideen nicht nur feiern, sondern teilen und verteidigen. Es steht zwar alles schon da. Aber umsetzen müssen wir es schon selbst, auf großer wie auf kleiner Bühne. Denn die Menschlichkeit ist dieser Tage an allen Ecken in Gefahr.

Anne Rietschel

Weitere Informationen

GRUNDGESETZ – IN CONCERT
Von Friederike Schubert,
Albrecht Schrader, Paul Pötsch
und Anne Rietschel
Uraufführung
 
Premiere: 3. Oktober, 19.30 Uhr,  Ballhof Eins

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