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Wie klingt eigentlich Geistermusik?

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Oper The Turn of the Screw
The Turn of the Screw Quelle: Sandra Then

Stephan Zilias probt. Er dirigiert, korrigiert, berät sich mit seinen musikalischen Assistenten. Im Anschluss wird ausgewertet, werden Aufgaben verteilt. Wer gibt den Sängerinnen und Sängern Feedback, wo muss mit dem Regisseur noch einmal abgestimmt werden, ob alle auf der Bühne zur rechten Zeit Kontakt zum Dirigenten haben, ohne die Verbindung zur Bühnenpartnerin oder zum Bühnenpartner zu verlieren … Es sind Endproben im geschlossenen Opernhaus vor der „internen Premiere“ zu Benjamin Brittens Oper „The Turn of the Screw“. Spätabends, nach der Probe, bleibt Zeit für ein paar Fragen an den Generalmusikdirektor.

Warum die Wahl auf genau diese Oper als Ersatz für eine große Choroper fiel? Stephan Zilias freut sich. „‚The Turn of the Screw‘ liebe ich schon lange. Jetzt ist die perfekte Gelegenheit für eine Kammeroper. Wir müssen ja auf der Bühne und im Graben streng Abstände und Hygieneregeln beachten. Immo Karaman, der Regie führt, kannte das Stück schon sehr gut. Das hilft jetzt, in Corona-Zeiten künstlerisch aus der Not eine Tugend zu machen.“ Und was passiert im Orchestergraben? „Dieses Werk verlangt nur ein Streichquintett und ein Holzbläserquintett, Schlagzeug, Harfe, Klavier und Celesta. Trotzdem hat die Oper eine enorme klangliche Wirkung. Nur weil ein Orchester aus weniger Leuten besteht, ist es nicht automatisch leiser. Ich als Dirigent muss in den Proben erreichen, die Schwelle zwischen Orchestergraben und Bühnenszene zu überspringen. Alles, was im Orchester passiert, ist immer mit der Szene verknüpft. Einzelne Instrumente sind einer bestimmten Person oder Sphäre zugeordnet. Es ist meine Aufgabe, das klanglich und artikulatorisch zu verschmelzen.“ Und wie lief die Arbeit zwischen Regisseur und Dirigent? „So wie ich mir das immer wünsche. Gerade dieses Stück lässt unendlich viel Raum für Interpretation. Da war es immerhin ein Corona-Vorteil, dass ich Zeit für viele szenische Proben hatte. So konnten Immo Karaman und ich die Aufführung wirklich zusammen entwickeln.“

Die Story ist unheimlich, es gibt sogar zwei singende Geister. Wie klingt denn „Geistermusik“? „Die Partie des Peter Quint ist mit der Celesta verknüpft. Schon der Name dieses Tasteninstruments deutet auf Himmlisches, Übersinnliches, auch Verführerisches hin. Miss Jessel, der weibliche Geist, starb einst im Wasser. Wenn sie erscheint, klingt es, als würde sie tief aus dem Orchestergraben emporsteigen, es klingt – ich kann es nicht besser beschreiben – richtig modrig.“

Eine große Partie hat Britten für einen Jungen vor dem Stimmbruch komponiert. Wer wurde dafür gefunden? „Unsere beiden alternierenden Knabenso-prane sind Solisten des Knabenchores der Chorakademie Dortmund, fantastisch und unglaublich professionell. Der Miles ist eine sehr schwere Partie, oft nur von einer Harfe und einem einsamen Englischhorn begleitet. Zum Beispiel beim „Malo“-Lied, einer Art Rückschau, die den kleinen Miles mit dem Geist Quint musikalisch verbindet. Immer, wenn es um dieses Lied geht, klingt das Englischhorn. Die „Schlafzimmerszene“ begleiten nur Bassklarinette und Altflöte, da wird es Nacht, mit Schummerlicht und Kerzenflackern. Überhaupt klingen viele Stellen wie komponiertes Zwielicht. Da verliert sich die Musik scheinbar, man weiß nicht mehr, wo der Taktstrich ist, alles wabert wie aufsteigender Nebel. Extrem suggestiv.“

Und mit welchem Argument würde Stephan Zilias jemanden für „Turn of the Screw“ begeistern? „Es ist ein aufregender Opernabend, der mit wenigen Mitteln sehr große Bühnenwirkung erzielt. Die emotionale Wirkung ist garantiert so, dass jede und jeder im Publikum am Schluss einen Kloß im Hals haben wird …“

Das Gespräch
führte Regine Palmai

Weitere Informationen

THE TURN OF THE SCREW
Oper von Benjamin Britten

Musikalische Leitung: Stephan Zilias / Valtteri Rauhalammi
Inszenierung: Immo Karaman
Bühne: Thilo Ullrich
Kostüme: Fabian Posca
Licht: Susanne Reinhardt
Video: Philipp Contag-Lada
Bewegungscoach: Fabian Posca
Dramaturgie: Regine Palmai
Xchange: Nele Tippelmann

The Prologue Marco Lee / Long Long
The Governess Sarah Brady
Miles Solist des Knabenchores der Chorakademie Dortmund
Flora Weronika Rabek
Mrs. Grose Monika Walerowicz
Quint Sunnyboy Dladla
Miss Jessel Barno Ismatullaeva

Statisterie der Staatsoper Hannover,
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Streampremiere: Freitag, 23. April,
19.30 Uhr auf staatsoper-hannover.de

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