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Spielzeit „Wir bauen Brücken, wo niemand sie für möglich gehalten hätte“
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„Wir bauen Brücken, wo niemand sie für möglich gehalten hätte“

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staatsoper on air
Streamings, Workshops, Live-Gesprächsrunden und vieles mehr auf staatstheater-hannover.de/online-spielplan Quelle: Staatsoper Hannover

Sind wir uns nah?“ Wenn ich diese Frage laut ausspreche, klingt sie zunächst wie Hohn, da sie ohne Nachhall im leeren Raum verschwindet: Da ist kein Gegenüber und schon gar kein Wir. Als Kunstschaffender bin ich es auch in den Ruhestunden (die manchmal auch Arbeitsstunden sind) gewohnt, die Außenwelt selbst dort zu reflektieren, wo ich sie ausblende – um in der Stille tätig zu sein. Ganz zu schweigen von der direkten Begegnung der Planung und Probenarbeit bis zum Höhepunkt, auf den alle hinarbeiten: dem Aufführungsabend, an dem sich die Türen des Theaters öffnen.

Sie öffnen sich nicht. Corona und die Folgen haben jegliche Interaktion mit der Außenwelt und mit dem Publikum stark eingeschränkt, wo nicht verunmöglicht. Da ist kein Gegenüber, das meine Frage beantworten könnte, kein Wir, durch das man eine schwer zu beantwortende Frage aushalten könnte. Als sich die künstlerisch vermittelnden Abteilungen der Staatsoper – Kolleginnen und Kollegen von Dramaturgie, Ballett, Xchange und Kommunikation – nach Wochen des neuerlichen Lockdowns und der Kurzarbeit zusammengetan haben, um über ein neues Online-Programm nachzudenken, war uns schnell klar, dass wir genau dieses Thema untersuchen werden: die (fehlende) Nähe. Und dass wir nicht in der Benennung von Missständen stecken bleiben wollen, sondern einen Recherche-Auftrag an uns selbst stellen, um spielerisch forschend, gemeinsam mit dem Publikum vor den Bildschirmen, herauszufinden, wo Momente der Nähe vielleicht längst vorhanden sind, aber unbemerkt vergehen.

Sind wir uns nah in der (Wahl-)Familie?
Die Unmöglichkeit, ein Fest wie Weihnachten im gewohnten Umfeld zu begehen, hat für viele bedeutet, sich entweder auf den innersten Kern der Familie zu konzentrieren – oder Wahlfamilien anzunehmen bzw.zu gründen. Ein Themenstrang des Online-Spielplans widmet sich darum genau dieser Frage in einem erweiterten Kontext: Was bedeutet „Familie“ heute – mit oder ohne Anführungszeichen? Und haben sich manche sozialen Strukturen vielleicht dauerhaft gelöst oder gefestigt? Welche Beziehungskonstrukte laufen unter dem Radar der Politik?

Als Menschen, die sich täglich mit Musik und Theater auseinandersetzen, wollen wir des Weiteren für und mit unseren Zuschauerinnen und Zuschauern untersuchen, wie die Kunst selbst Nähe erzeugt – thematisch, aber auch ästhetisch und didaktisch. Unsere These lautet dabei: Das Kunstwerk legt es grundsätzlich darauf an, dass ein Funke überspringt auf die Leserin, dass ein Nervenreiz erzeugt wird beim Beobachter, ein Netz gesponnen hin zum Publikum. Wir bauen Brücken, wo niemand sie für möglich gehalten hätte – auch so könnte man den Auftrag der Kulturinstitutionen formulieren und würde gleichzeitig etwas über das utopische Potenzial der Kunst aussagen wie über die Relevanz dieser Utopie.

Digitale Wärme
Um Nähe herzustellen, produziert die Staatsoper Audio- und Videopodcasts, die mal intimes Gespräch sind, mal Recherche – und immer, von Musik begleitet, Expeditionen zum gewählten Thema. Neben diesen vorab gestalteten Beiträgen laden wir zu Live-Veranstaltungen im virtuellen Raum ein: Am „digitalen Lagerfeuer“ gehen wir auf Tuchfühlung mit Ensemble-Mitgliedern und Gästen und versuchen so, Nähe herzustellen. Und auch die STIMMEN gehen im Digitalen weiter: In dieser Reihe, die sich der elementaren Kraft des Gesangs widmet, fragen wir aus verschiedenen Perspektiven, warum der Mensch singt. Eine Antwort wissen wir schon: Er singt, um Nähe herzustellen.

Ich merke es an mir selbst: Ein Morgen, an dem ich aufstehe und laut in meine Lieblingslieder einstimme, die aus dem Radio erklingen, kann mir nicht mehr genommen werden, egal wie der Rest des Tags wird. Daran, dass ich singe, merke ich, dass ich verbunden bin – zunächst einmal mir selbst nahegekommen, und so bereit für die Kontaktaufnahme mit der Welt. Ich wünsche mir mehr solcher Tage. Und bin überzeugt, dass die Kunst dazu beiträgt, solche, wenn auch nur kleinen, Weichen stellen zu können. Der Titel des digitalen Spielplans ist dann nur noch eine rhetorische Frage: Ja doch, wir sind uns nah. Denn wo wir es nicht sind, suchen wir bereits nach Wegen der Verständigung.

Martin Mutschler 

Neue Nähe: Zum digitalen Angebot von Xchange, der Abteilung für Opern-, Tanz- und Musikvermittlung.

Durch die Arbeit der Abteilung Xchange kommen sich Menschen nah. Für verschiedene Gruppen soll die Distanz zur Staatsoper überbrückt werden, zu den unterschiedlichen Berufen, den Inhalten, die dort verhandelt werden – und natürlich zur Musik, zur Bewegung, zum Tanz. In den Clubs stehen Menschen, die sich nicht kannten, eines Tages gemeinsam auf der Bühne. Dabei spielt neben körperlicher Nähe bei der gemeinsamen Arbeit auch Nähe in Form vertrauensvoller Beziehungen eine große Rolle. Die Teilnehmenden zeigen ja etwas von sich beim gemeinsamen Musizieren, beim gemeinsamen Geschichtenerfinden, bei der gemeinsamen Bewegung.
Die Staatsoper muss mit vielen Menschen der Stadtgesellschaft im Dialog stehen. Welche Themen drängen, welche strukturellen Ausschlüsse gibt es, mit wem kann kollaboriert werden? Eine gute Kulturvermittlung muss sich den vielfältigen Communities der Stadt nähern.

Mit Corona wird die Nähe jedoch plötzlich zu Bedrohung. Es ist nicht daran zu denken, mit 25 Kindern oder Jugendlichen auf einer kleinen Probebühne zu schwitzen, Schulklassen zu besuchen. Oder ein Fest zu organisieren, bei dem Kinder und alte Menschen miteinander singen und tanzen. Führungen ohne Abstand! Die Open Stage! Doch wie werden die Menschen jetzt erreicht? Welche „neuen Nähen“ lassen sich schaffen im digitalen Raum? Im Zentrum der Arbeit der Opern-, Tanz- und Musikvermittlerinnen steht jetzt eher die Suche nach einer neuen ästhetischen Praxis, es geht weniger um fertige Produkte oder deren Präsentation. Sie nähern sich ihrem Beruf gemeinsam mit den Teilnehmenden neu an.

Die Clubs erarbeiten jetzt hybride und digitale Vorstellungen. Der Dialog mit der Stadtgesellschaft wird in Form von Podcasts gesucht. Ein sehr persönliches, interaktives Format für Familien mit Musikerinnen und Musikern aus dem Staatsorchester ist geplant, und in Tanzworkshops kommen Menschen miteinander in Bewegung, die sich an ganz verschiedenen Orten befinden (wer weiß, ob sie den Weg zu einem analogen Workshop im Theater gefunden hätten!).

Es ist also eine große Chance, die Fragen nach Partizipation und Interaktion jetzt neu zu stellen. Dabei ergeben sich auch neue Möglichkeiten der Beteiligung. Ja, es entstehen tatsächlich neue Formen der Nähe. Man kann sogar sagen: Es entstehen mit der Nutzung digitaler Praktiken neue Qualitäten, die sich an dem Maß der Nähe, die sie herstellen, messen lassen müssen.

Natürlich wird im Auge behalten, dass  mit dem Eintritt in digitale Welten auch neue Ausschlüsse in Kauf genommen werden müssen – an Lösungen wird gearbeitet. Und das Kernanliegen von Xchange liegt weiterhin bei analogen Zusammenkünften vor Ort – im gemeinsamen Erleben und Gestalten von Kultur. Das lässt sich nicht ersetzen. Und natürlich lassen sich Bewegung und Klang, lässt sich Musik viel besser dort erleben, wo sie physisch erfahrbar ist. Es sollen gewiss nicht alle Angebote in digitale oder virtuelle Formate umgewandelt werden. Sondern sie sollen erweitert und ergänzt werden.

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