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„Wir wollen etwas bewegen“

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12:39 02.06.2020
Intendantin Sonja Anders (links) und Dramaturgin Nora Khuon. Quelle: Moritz Küstner
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Frau Anders, Frau Khuon, wie verändert Corona aktuell Ihre Arbeit – können Sie überhaupt normal proben?

Sonja Anders: Nun, es ist derzeit schon vieles anders als sonst. Wir haben ein Hygiene- und Sicherheitskonzept erarbeitet, um den Probenbetrieb aufnehmen zu können. Dementsprechend proben wir gerade mit Abstand und Vorsicht. Die Premieren nach dem Sommer werden also unter andere Umständen entstehen, aber von einem großen Maß an Miteinander und einer neuen Intensität begleitet. Wir genießen die Arbeit gerade sehr.

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Hatte die Corona-Pandemie Einfluss auf Ihre Planung für 2020/21?

Nora Khuon: Bedingt, denn die kommende Spielzeit war in weiten Teilen bereits fertig geplant. Wir stellen aber fest, dass viele Themen, die wir uns vorgenommen haben, auch im Diskurs während der Corona-Pandemie aktuell sind – und sicher auch bleiben werden. Die Krise und ihre Extremerfahrung wirken wie ein Vergrößerungsglas, das viele Bruchstellen offenlegt, die es auch schon vor Corona gab.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte erwarten das Publikum in der kommenden Saison?

Anders: In der letzten Spielzeit standen Pluralismus, Gleichheit und Freude thematisch im Zentrum unseres Spielplans, daran knüpfen wir in der kommenden Saison an. Es geht um unsere Demokratie und ihre Gefährdungen durch Populismus, Nationalismus, Angst und Ausgrenzung. Mit Schillers „Don Karlos“ stellen wir zur Eröffnung der Spielzeit die Frage nach Macht und Verantwortung im Angesicht bevorstehender gesellschaftlicher Umwälzungen. Und mit Arthur Millers Roman „Fokus“ beleuchten wir Alltagsrassismen und Zivilcourage. Das Motiv der Bewegung als Moment der persönlichen und gesellschaftlichen Veränderung interessiert mich gerade besonders. 

Demokratie und Bewegung – spiegelt sich das auch in den neuen Ensemble-Fotos, die in der Spielplanübersicht zur kommenden Saison zu finden sind?

Anders: Ja, wir möchten unser Ensemble in Bewegung zeigen – aber auch als Gruppen in gemeinschaftlicher Aktion. Die Fotos, die Katrin Ribbe im Stadtraum von Hannover gemacht hat, erzählen mir: Wir sind hier angekommen – und wir wollen etwas bewegen. 

Wie sicher sind Sie, dass die Theater im September wieder richtig spielen dürfen?

Khuon: Wir hoffen es und planen alles dafür – auch wenn im Augenblick niemand sagen kann, ob alles so wie geplant stattfinden wird. In jedem Fall ist mit erheblichen Auflagen zu rechnen, unter anderem mit einer starken Einschränkung der Sitzplatzkapazität.

Können Sie in dieser Lage überhaupt ein Abonnement anbieten?

Anders: Wir haben uns entschieden, unser Festplatz-Abonnement nächste Spielzeit auf ein Gutscheinsystem umzustellen: So können die Vorstellungen unabhängig von Sitzplätzen und Terminserien besucht werden – und das mit einem Vorkaufsrecht. Das gibt sowohl unserem Publikum als auch uns am Theater die Möglichkeit, kurzfristig auf alle Entwicklungen zu reagieren. Dieser Schritt ist uns sehr schwergefallen und wir hoffen, dass uns unsere Abonnentinnen und Abonnenten auch in dieser schweren Zeit erhalten bleiben.

Was ist mit den zuletzt ausgefallenen Inszenierungen – holen Sie die jetzt alle in der nächsten Saison nach?

Anders: Tatsächlich sagen wir keine Premiere ab, sondern verschieben insgesamt sechs Produktionen in die nächste, teilweise in die übernächste Spielzeit. 

Wie geht es weiter im Jungen Schauspiel? 

Khuon: Es ist sicher kein Zufall, dass wir einen der wichtigsten Texte unserer Demokratie unter die Lupe nehmen: das Grundgesetz. Das wird ein musikalischer Abend im Ballhof Eins. Und im Schauspielhaus wird mit „Dance Nation“ im Oktober ein neues Stück für alle Generationen zu sehen sein, das sich damit auseinandersetzt, ob uns Leistungsdruck und Karrierismus beherrschen oder ob es einen Weg jenseits des Ich-bin-die-Beste-Prinzips gibt: Ein Appell an Gemeinschaft und Verbindung.

Was passiert auf der Cumberlandschen Bühne – geht es mit den „Universen“ weiter?

Khuon: Die „Universen“ waren von Anfang an langfristig angelegt, auch wenn wir von der kommenden Spielzeit an mit Mirko Borscht einen neuen Künstlerischen Leiter haben. Die „Universen“ bleiben ein partizipatives Angebot an alle aus Hannover und der Region. Es wird wieder Workshops, Ateliers und Residenzen geben mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Sparten. Ich bin sehr gespannt!

Was sind Ihre ganz persönlichen Hoffnungen für die kommende Saison?

Anders: Meine Hoffnung ist, dass die Sehnsucht nach Theater wächst und die Menschen bald wieder so begeistert in die Theater gehen wie zuvor. Wir müssen uns alle dafür einsetzen, dass die Kultur nach der Corona-Zeit nicht aufs politische Abstellgleis gerät. Auch Kultur ist systemrelevant, sie macht unser gesellschaftliches Miteinander erst lebenswert. Sie schafft Raum für Begegnungen, stärkt unsere demokratische offene Gesellschaft, sorgt für positive gemeinsame Dynamiken – für Bewegung …

Interview: Nils Wendtland

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