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Linden Als Linden noch Zentrum der Weltmusik war
Hannover Aus den Stadtteilen Linden Als Linden noch Zentrum der Weltmusik war
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02:15 14.11.2015
Von Simon Benne
Hugo Strötbaum, Martin C. Wolfstein und Werner Heine haben die Geschichte der Lindener Firma Favorite erfoscht.
Hugo Strötbaum, Martin C. Wolfstein und Werner Heine haben die Geschichte der Lindener Firma Favorite erfoscht.  Quelle: Michael Thomas
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Linden
Schelllack (788 kB)

Es knistert leise aus dem Trichter. Ein Knacken und Rauschen umgibt das Grammofon - und dann wehen Klänge aus einer sehr fernen Vergangenheit durch den Raum. Ein schmissiger hannoverscher Marsch scheppert von der eiernden Schellackplatte. Vor mehr als 100 Jahren hat die Plattenfirma Favorite-Records das Stück aufgenommen. Eine eher untypische Produktion: „Favorite war eigentlich auf das spezialisiert, was man heute Weltmusik nennen würde“, sagt der Historiker Werner Heine.

Gemeinsam mit dem niederländischen Experten für Orientmusik Hugo Strötbaum und dem Lindener Galeristen Martin C. Wolfstein hat Heine jetzt im Historischen Museum einen Vortrag über die Plattenfirma gehalten - und ein vergessenes Stück hannoverscher Musikgeschichte wiederentdeckt.

Ein gebürtiger Ungar namens Alexander Morris Newman hatte Favorite um 1904 in Berlin gegründet. Das Presswerk richtete er in Linden ein, in einer alten Tapetenfabrik zwischen der Leine und der heutigen Berdingstraße. Mit Wachsplatten zogen Aufnahmetechniker von hier aus in die Welt hinaus: Mit dem Orientexpress fuhren sie nach Istanbul, sie reisten nach Kairo und Kalkutta, nach Südamerika und Siam, um Kontakte mit einheimischen Musikern zu knüpfen - und von überall brachten Sie Musik mit: „Die Aufnahmen machten sie ohne Mikrofon, nur mit Trichter und Membran“, sagt Strötbaum. Ihre Wachsplatten schickten die Pioniere nach Linden, wo die Schellackplatten gepresst wurden. Bayerische Landler, jiddische Lieder aus Wien, brasilianische Sambarhythmen und vor allem Musik aus dem Orient, „reproduced in Linden“, versandte Favorite an potente Käufer in der Türkei oder Palästina, nach Spanien oder in die Vereinigten Staaten.

Exotische Musik war en vogue bei den besseren Kreisen Europas, und mittels moderner Technik holten sich auch betuchte Orientalen gern den Sound der weiten Welt ins Haus - oder eben jene Musik, die sie auch an der nächsten Ecke live hätten hören können. Mehr als 20 000 Titel hatte die Firma bald im Repertoire, darunter Hunderte Platten auf Türkisch und Arabisch: „Favorite wurde zu einem Global Player der Plattenindustrie“, sagt Wolfstein. Doch dann schluckte der Schallplattenmagnat Carl Lindström 1913 die Firma, Favorite verschwand allmählich vom Markt.

Bis heute sind viele Fragen um den fast vergessenen Betrieb ungeklärt: Wie viele Angestellte arbeiteten in Linden? Wie viele Titel produzierte die Firma genau? Und warum wurde ausgerechnet Linden zum frühen Zentrum der Weltmusik? „Der Favorite-Direktor Otto Birckhahn hatte zuvor bei der Deutschen Grammophon in Hannover gearbeitet - womöglich gab das den Ausschlag für die Wahl des Standorts“, sagt Wolfstein. Auf der Internetseite www.favorite-record.com trägt der Lindener Informationen über die Firma zusammen. „Hannover trägt jetzt ja den Unesco-Titel ,City of Music‘“, sagt Heine. „Da würde es sich für die Stadt lohnen, dieses Kapitel einmal näher zu erforschen.“

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