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Linden „Dieses Linden gibt es heute nicht mehr“
Hannover Aus den Stadtteilen Linden „Dieses Linden gibt es heute nicht mehr“
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00:16 05.11.2017
Heute wohnt der Lindener Harr Weigelt in Badenstedt. Quelle: Medienwerkstatt Linden
Linden-Mitte

„Mein Zuhause war die Straße. Damals war Linden noch ganz anders“, erzählt Harri Weigelt mit klarer Stimme. Der 95-Jährige ist zu Gast in der Buchhandlung Decius in der Falkenstraße. Es ist eine ganz besondere Veranstaltung im Rahmen der Reihe zum Arbeiterleben in Linden, die die Initiative Lebensraum Linden organisiert hat. Eng gedrängt sitzen die Besucher auf Klappstühlen. Einige sind nur zehn Jahre jünger als Weigelt - und im Laufe des von Manfred Wassmann moderierten unterhaltsamen Abends wird sich noch so mancher Freund Weigelts zu Wort melden, um dessen Erzählungen mit eigenen kleinen Anekdoten zu würzen.

Harri Weigelt, Jahrgang 1922, wächst in der Kochstraße unter prekären Bedingungen auf. „Mein Vater war 1914 aus Polen geflüchtet und hatte den Status eines Staatenlosen, obwohl seine Familie aus Süddeutschland nach Polen eingewandert war und nur Deutsch sprach“, berichtet Weigelt. Es ist ihm anzusehen, dass er diese Tatsache auch heute noch als ungerecht empfindet. „Um die entsprechenden Papiere hier in Deutschland zu bekommen, mussten wir viel Geld an Polen zahlen, genauer gesagt an die Kirche.“ Als Staatenloser hatte sich auch Sohn Harri regelmäßig bei der Gestapo zu melden - ein Umstand, den Harri Weigelt mit einem gewissen Gleichmut berichtet. „Ich musste zur Hitlerjugend und habe mich dann bei der Deutschen Luftwaffe freiwillig gemeldet, damit ich Deutscher wurde. Und damit wurde dann auch meine ganze Familie deutsch.“

Wannenbad - ein seltener Luxus

Als Ältester von vier Kindern hatte Harri Weigelt auch die Verantwortung für seine Geschwister. „Deshalb war ich selten im Limmer Volksbad, denn der Weg bis dahin mit einem Kinderwagen war sehr weit“. Lieber gingen die Jungs ins Fössebad, das schon damals das Bad für alle Lindener war. Für die Körperhygiene ging die Familie einmal in der Woche zum Duschen in das Wasch- und Badehaus am Küchengarten. „Duschen kostete nur 5 Pfennig, ein Wannenbad aber 70 Pfennig, das Geld dafür hatten wir nicht“, berichtet Weigelt. „Ich weiß noch, wie ich meiner Mutter ihr erstes Bad von meinem selbst verdienten Geld geschenkt habe. Ich werde nie vergessen, wie sehr sie sich gefreut hat, so etwas Wunderbares hatte sie noch nie erlebt!“

Der Küchengarten war damals begrünt, zwei Bahnen kreuzten ihn. „Das war die Strecke zur Lindener Samt-Fabrik und zur Lindener Brauerei“, erklärt Weigelt. Vor dem inneren Auge des Zuhörers entsteht ein Linden, in dem die Kinder auf der Straße spielen, sich verbotenerweise an Pferdefuhrwerke hängen oder „Kohl klauen gehen“. Weigelt erinnert sich: „Das haben wir alle gemacht, bei Tuschke. Unsere armen Mütter, wenn wir da mit dem Kohl ankamen!“

Für die jungen Leute gab es wenig zu essen. Aber es gab das Kino: „Die Schauburg hatte über 1000 Plätze und war damit eines der größten Kinos in Deutschland. Da war ich das erste Mal mit zehn Jahren. Es gab einen Klavierspieler, der Stummfilme begleitete, und mein erster Tonfilm war ein Film über den Untergang der Titanic.“ Die 1916 eröffnete Schauburg befand sich an der Ecke Limmerstraße/Viktoriastraße (dort hat jetzt der Bildungsverein seine Seminarräume). Auch das Apollo-Kino, entstanden 1908 aus dem ehemaligen Tanzsaal Sander, wurde gern besucht. Es hatte allerdings den Ruf, nicht ganz reinlich zu sein, weshalb es unter den Lindenern allgemein nur „Flohkiste“ genannt wurde.

Sport und Betriebsrat

Harri Weigelt engagierte sich nach dem Krieg im Betriebsrat der heutigen Wabco und im Jugendsport bei TSV Victoria Linden, dem traditionellen „Rökbi“- Verein. Dort wurde er zwischen 1951–53 dreimal Deutscher Meister. Er ist Träger des Deutschen Bundesverdienstkreuzes für seine Verdienste um die Belegschaft bei Wabco und den Jugendsport. Harri Weigelt lebt heute in Badenstedt.son

„Unser Linden hörte an der Stärkestraße auf, da gab es einen kleinen Hügel, den wir im Winter zum Schlittenfahren nutzten. Und ein Karussell, das wir selbst mit Muskelkraft antrieben.“ Muskeln hatten die 13- und 14-jährigen Jungs: „Wir konnten uns immer etwas dazu verdienen, indem wir Kohlen oder Kartoffeln schleppten, oft einen Zentner“, erzählt Weigelt weiter. Daneben gab es aber auch noch andere Jobs. „Ich habe Brötchen und Milch in die Häuser geliefert und für den Lesezirkel Zeitschriften. Da war ich dann der King, wenn die anderen nicht so viel Geld in der Tasche hatten.“

Nazis übernehmen die Macht

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, erlebte der damals 11-Jährige, wie sich erst die Sozialdemokraten und die Kommunisten prügelten, um sich dann später gegen die SA zu verbünden. „Linden ging nicht so schnell zu den Nazis. Aber dann gaben sie den Leuten Arbeit, wie zum Beispiel am Maschsee, und da war es dann die bessere Partei“, erinnert sich Weigelt, der eine Ausbildung zum Dreher bei Westinghouse (heute: Wabco) gemacht hat.

„Wir haben schnell spitzgekriegt, was die Nazis wirklich vorhatten, denn es gab etliche, die bei der Hanomag arbeiteten. Und da erfuhren wir 1934/35, dass dort keine Kinderwagen, sondern Maschinengewehre hergestellt wurden.“ Die Nationalsozialisten kontrollierten schon früh die Betriebe. „Man durfte nicht mehr den Betrieb wechseln. Einer hat es versucht, dann hieß es für ihn ‚Arbeit macht frei‘. Der hat darüber, was er dort erlebt hat, nie gesprochen, war ihm strengstens verboten.“

Trotz der unheilvollen politischen Vorzeichen erlebte Harri Weigelt eine Kindheit, wie sie es heute nach seiner Einschätzung nicht mehr gibt. „Wir waren selbstständig, bis wir von den Nazis mit Gewalt übernommen wurden. Wir waren wild und frei - und so war unser Leben in Linden. Und dieses Linden gibt es heute nicht mehr.“

Info: Zu den Erinnerungen von Harri Weigelt hat die Medienwerkstatt Linden mit Manfred Wassmann von der Initiative Lebensraum Linden eine DVD erstellt, die für 8 Euro bei der Medienwerkstatt erhältlich ist, die Telefonnummer lautet (05 11) 44 05 00.

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