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Linden Jazz up Deisterkiez
Hannover Aus den Stadtteilen Linden Jazz up Deisterkiez
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00:15 02.04.2016
Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Etwas unscheinbar, neben einer Dönerbude, vor der Suppenküche und gegenüber der Ersatzdrogen-Ausgabestelle, liegt an der Deisterstraße der Kulturpalast. Seit nunmehr 12 Jahren gibt es die Bar, die längst zu den wichtigsten kleinen Bühnen der City of Music Hannover zählt, inzwischen. Im Lindener Kulturpalast treffen Nachtschwärmer auf Nachwuchs-Rocker, Indie-Popper und Jazz-Mucker. Umgeben vom rauen Charme des (noch) unsanierten Stückchen Lindens, ist der Musikclub so etwas wie das Wohnzimmer der jungen Muckerszene. Das zeigt sich besonders bei den regelmäßigen „Sessions“.

Zum Beginn der „Jazz-Session“ legt Michael Münstedt seit 12 Jahren dieselbe Platte auf. Den Soundtrack des Films „Jazz seen“. Die Dokumentation erzählt das Leben des berühmten Jazz-Fotografen William Claxton. So wie der mit seinen eindrucksvollen Bildern vielen Menschen den Jazz näher gebracht hat, will DJ Mija den Besuchern im Kulturpalast die Vielfalt und Energie des Jazz mit seinen Platten überbringen. „Die Musiker schätzen es, dass in den Pausen die passende Musik aufgelegt wird“, erklärt Münstedt - nach eigener Recherche der einzige Jazz-DJ in Norddeutschland, das Besondere am Kulturpalast. Im großen Jazz Club gäbe es das nicht, schickt er beiläufig einen kleinen Seitenhieb hoch zum Lindener Berg. Wenn es später wird bei der „Jazz-Session“, kommen von dort manchmal die Musiker nach ihren Konzerten vorbei. Die längste „Jazz-Session“ im Kulturpalast ging bis um 8 Uhr am nächsten Morgen, erinnert sich Münstedt an eine legendäre Nacht.

Als neulich die Tochter des berühmten Free-Jazzers Gunter Hampel, Cavana Lee Hampel, im Kulturpalast auftrat, suchte Münstedt in der Pause extra eine Scheibe einer mit ihr befreundeten Sängerin aus seinem gut sortierten Plattenkoffer. Die Künstlerin würdigte seine Aufmerksamkeit mit einem anerkennenden Blick Richtung DJ-Pult. Genau wie die afrikanischen Flüchtlinge, die Münstedt kürzlich mit einer Auswahl früher, obskurer ägyptischer Jazz-Nummern zum Tanzen brachte. DJ Mija, der beinahe seit der Eröffnung des Kulturpalasts Plattenteller und Theke im Griff hat (an manchen Tagen beides gleichzeitig), steht für die Authentizität, die den Kulturpalast auszeichnet.

„Die ursprüngliche Idee war, hier Hamburger Musiker und Bands auftreten zu lassen“, erinnert sich Kulturpalast-Chefin Simone Beer an die Anfangstage auf der damals noch ziemlich trostlosen Deisterstraße. Als Hamburgerin fühlte sie sich hier an das berüchtigte Künstlerquartier „Karolinenviertel“ erinnert. Skurrile und alteingesessene Läden, wie der türkische Secondhand-Shop mit dem bezeichnenden Namen „Alles“, verleihen der Deisterstraße in ihren Augen bis heute einen besonderen Charme. „Zur selben Zeit, als wir den leer stehenden Laden besichtigt haben, hatten auch die späteren Feinkost-Lampe-Macher einen Blick auf das Lokal geworfen“, erzählt Beer, die den Kulturpalast gemeinsam mit Freunden als Verein gegründet hat.

Dass etwa zur gleichen Zeit auch die beiden vergleichbaren Alternativ-Bars Feinkost Lampe und das inzwischen geschlossene Wohnraumatelier entstanden, war vermutlich kein Zufall. 2003 initiierte das Quartiersmanagement Linden-Süd diverse Projekte zur Aufwertung und Revitalisierung der Deisterstraße. Dazu zählte auch die Zwischennutzung leer stehender Ladenzeilen durch Künstler und Designer. Bald traten im Kulturpalast Indie-Bands aus der ganzen Welt in dem ehemaligen türkischen Café auf; einer der ersten war 2005 der kurz darauf verstorbene Punk-Sänger Nikki Sudden. Mit der Indie-Pop-Welle wurde der Kulturpalast kurz darauf zum bevorzugten Konzertort für zahlreiche kleine Veranstalter. Bands wie Der Tante Renate, Ich kann fliegen oder Herrenmagazin machten im Kulturpalast Station, bevor sie die größeren Bühnen eroberten.

In den vergangenen Jahren schätzen besonders die Studenten der Musikhochschule den Laden, in dem viele ihre Bands und Projekte erstmals der Öffentlichkeit präsentieren. „Wer Jazz studiert, braucht Leute, mit denen er spielen kann. Die Sessions im Kulturpalast sind ein guter Ort zum Netzwerken“, erklärt Clara Däubler. Die Kontrabassistin ist eine der Mitorganisatorinnen der „Session“, die inzwischen mehrmals im Monat stattfindet.

Zum zwölften Geburtstag gedenkt der Kulturpalast dem König des Rock ’n’ Roll. Am Sonnabend, 8. April, gibt der hannoversche Elvis-Imitator Tode Banjanski alias C.C. Rider ein Konzert. Die Show beginnt um 20 Uhr, der Eintritt ist frei. Im Anschluss gibt es Musik vom Plattenteller, natürlich von DJ Mija.

Von Mario Moers

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