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Linden Verwandter will für Erhalt des Korte-Hauses kämpfen
Hannover Aus den Stadtteilen Linden Verwandter will für Erhalt des Korte-Hauses kämpfen
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02:15 14.08.2017
Von Juliane Kaune
Ein charmanter historischer Bau – der zusehends verfällt: Im Ernst-Korte-Haus sind unter anderem das Gemäuer feucht, der Putz bröckelig und die Fenster undicht. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Es ist ein großzügiges Vermächtnis des früheren Hanomag-Direktors Ernst Korte an die Stadt Hannover – und es verkommt zusehends. Das Ernst-Korte-Haus am Eingang des Von-Alten-Gartens ist dringend sanierungsbedürftig. Doch die Stadt hat kein Geld und will frühestens 2020 in die ehemalige Villa investieren, in der heute eine Seniorenbegegnungsstätte der Arbeiterwohlfahrt (AWO) untergebracht ist. „Die Stadt lässt das Haus verrotten, das ist unsäglich, das ist unerhört“, empört sich Karl-Erich Korte. Der 85-Jährige ist ein direkter Verwandter des früheren Unternehmers – und er ist fassungslos, wie die Verwaltung mit dem Erbe Ernst Kortes umgeht.

Ein Unternehmer mit sozialem Engagement

Der gebürtige Bochumer Ernst Korte, ein promovierter Jurist, wirkte 27 Jahre bei der Hanomag, 19 Jahre gehörte er dem Vorstand an. Er starb 1963 im Alter von 72 Jahren unverheiratet und kinderlos. Bereits kurz nach dem Kriegsende unterstützte er die Arbeiterwohlfahrt (AWO). So stellte er die nicht zerstörte Kantine seiner Fabrik für Weihnachtsfeiern zur Verfügung.

Die Zusammenarbeit zwischen Korte und der AWO-Vorsitzenden Margarete Hofmann verfestigte sich. Beide überlegten, wie man Kortes Wohnhaus am Von-Alten-Garten später für soziale Zwecke erhalten könnte, ohne den Wohlfahrtsverband mit Unterhaltungskosten zu belasten. Das Ergebnis ist die bis heute gültige Lösung: Sein Haus vererbte Korte der Landeshauptstadt Hannover und das Nutzungsrecht für soziale Zwecke bekam die AWO.

jk

Seit einem halben Jahrhundert ist das Ernst-Korte-Haus am Von-Alten-Garten eine Begegnungsstätte für Senioren. Doch die Stadt lässt das Erbe des Hanomag-Direktors verfallen.

Erst vor Kurzem erfuhr Karl-Erich Korte, der in Mülheim an der Ruhr lebt, von dem beklagenswerten Zustand des in den Zwanzigerjahren errichteten Hauses. Im Internet stieß er auf entsprechende Berichte des Stadt-Anzeigers. „Ich kann meine Gefühle gar nicht beschreiben, als ich diese Bilder gesehen habe“, sagt der Rechtsanwalt im Ruhestand. Er kann sich noch gut erinnern, wie er einst als junger Mann in dem repräsentativen Wohnhaus am Rande des historischen Gartens in Linden-Mitte zu Besuch war: „Wir haben dann bei Onkel Ernst Kaffee getrunken.“ Auch der große grüne Kachelofen, der dort noch heute steht, aber nicht mehr funktioniert, ist ihm im Gedächtnis geblieben.

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AWO stellt lange Mängelliste auf

Ein „echter“ Onkel war Ernst Korte zwar nicht – dessen Vater und der Vater Karl-Erich Kortes waren Cousins. Doch für den heute 85-Jährigen war der Hanomag-Direktor immer eine enge Bezugsperson. „Er war vornehm und gebildet, aber zugleich sehr menschlich und überaus sozial“, beschreibt er seinen Verwandten.

Dieser Gesinnung entsprach es, dass Korte, der kinderlos blieb, nach seinem Tod im Jahr 1963 seine Villa der Stadt Hannover vermachte – mit der Auflage, dass die AWO das Gebäude für 99 Jahre unentgeltlich für die Seniorenarbeit nutzen kann. Doch nach dem 50-jährigen Jubiläum der Einrichtung im Sommer 2016 stellte die AWO eine Mängelliste zusammen, die wenig Hoffnung macht, dass das Haus noch weitere 49 Jahre durchhält. Das rief auch den Bezirksrat auf den Plan. Auf Betreiben von Bezirksbürgermeister Rainer-Jörg Grube verabschiedete das Gremium einstimmig einen interfraktionellen Antrag und beauftragte die Stadt mit einem umfassenden und zügigen Sanierungsplan.

Vier Monate später stellte die Verwaltung klar, dass daraus nichts wird – obwohl „der bauliche Zustand des Gebäudes“ bekannt sei. Laut AWO-Liste ist das Dach undicht und der Sanitärbereich sanierungsbedürftig, die Elektroanlagen sind veraltet und die Bodenbeläge teilweise abgängig. Die Farbe an Fassade und Fenstern bröckelt, der Keller ist feucht und der Garten verwildert. Zudem fehlt der Senioreneinrichtung ein barrierefreier Zugang.

Sanierung erst frühestens 2020

Daran wird sich vorerst auch grundlegend nichts ändern. Erst nach 2020 könnte die Sanierung des Korte-Hauses überhaupt auf die Prioritätenliste der Stadt rutschten, bestätigt Sprecherin Konstanze Kalmus auf Anfrage des Stadt-Anzeigers. Immerhin sei die Instandsetzung im Rahmen der Bauunterhaltung kontinuierlich erledigt worden.

Für Karl-Erich Korte ist das nicht hinnehmbar. „Das ist doch das Gleiche, als würde man die Sanierung auf den St-Nimmerleins-Tag verschieben“, sagt er. „Und es ist ein schlechtes Beispiel für alle, die überlegen, der Stadt Hannover auch etwas Wertvolles zu schenken.“ Der 85-Jährige hat sich vorgenommen, für das Erbe seines „Onkels“ zu kämpfen. An Bezirksbürgermeister Grube hat er bereits einen Brief geschrieben. Nun will er sich auch an die Stadtspitze wenden und Oberbürgermeister Stefan Schostok von dem „verheerenden Verfall“ der Villa in Kenntnis setzen. „Ich will unbedingt Druck machen“, bekräftigt der Jurist. „Doch ich habe leider nichts weiter in der Hand als meine guten Argumente.“

Erbe verpflichtet

Mit Geschenken sollte man pfleglich umgehen. Zumal, wenn es sich um ein solch wertvolles Präsent handelt wie das des früheren Hanomag-Direktors Ernst Korte an die Stadt. Doch die tut das genaue Gegenteil: Sie lässt das Haus, das ihr der sozial engagierte Unternehmer in gutem Glauben vermacht hat, immer weiter verfallen. Sicher, dem letzten Willen Kortes wird entsprochen. Wie er es sich gewünscht hatte, werden in seinem ehemaligen Wohnhaus heute Senioren betreut. Doch Korte wäre gewiss entsetzt darüber, dass sich die betagten Menschen in einer Einrichtung treffen, in der der Sanierungsstau an allen Ecken und Enden unübersehbar ist – und die noch nicht einmal einen barrierefreien Zugang hat.

Die Stadt hat schon vor Jahren versäumt, nachhaltig in das ihr anvertraute Erbe Kortes zu investieren, um dieses zukunftssicher zu machen. Das ist ein unverantwortlicher Umgang mit dem Nachlass des Direktors. Und es rächt sich jetzt: Die im Laufe der Zeit entstandenen Schäden sind gewachsen, eine Sanierung wird immer teurer, die von der Stadt veranlassten Instandhaltungen sind nicht mehr als Flickwerk. Öffentlicher Druck für das Korte-Haus hat bisher nichts genützt. Auch der Bezirksrat konnte nichts ausrichten. Derzeit werde das Geld dringender für Kitas und Schulen gebraucht, heißt es aus dem Rathaus. Ein direkter Verwandter Kortes lässt sich davon nicht beeindrucken. Er will einen neuen Vorstoß unternehmen, um die Stadt zum Handeln zu bewegen. Seine Möglichkeiten dürften leider begrenzt sein.

Ein Kommentar von Juliane Kaune

Juliane Kaune 04.08.2017
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