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17:32 05.02.2014
Rolf Wernstedt spannte als Hauptredner auf der Feier des Ortsvereins Herrenhausen-Stöcken einen Bogen von den Gründungsjahren bis zur Gegenwart der SPD.
Rolf Wernstedt spannte als Hauptredner auf der Feier des Ortsvereins Herrenhausen-Stöcken einen Bogen von den Gründungsjahren bis zur Gegenwart der SPD. Quelle: Schwarzenberger
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Herrenhausen-Stöcken

150 Jahre sind Zeit genug, um Material für dicke Bücher und lange Reden zu sammeln. Im vorigen Jahr feierte die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ihr Jubiläum mit vielen Veranstaltungen. Als Ausklang der Feiern beging der Ortsverein Herrenhausen-Stöcken der SPD am vergangenen Wochenende seine eigene Feierstunde im Gemeindehaus der Herrenhäuser Kirchengemeinde. Referenten wie SPD-Urgestein Rolf Wernstedt zogen eine Bilanz, die mit ihrer Zeitspanne von 1863 bis in die Gegenwart auch spannende sozialdemokratische Spuren in Hannovers Nordwesten aufdeckte.

Gründervater Ferdinand Lasalle hob vor 150 Jahren den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein aus der Taufe, der gemeinsam mit der 1869 gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei zum Vorläufer für die SPD geriet. Wie kritisch die Sozialdemokraten die Bedingungen in der Gründerzeit und unter den Repressionen von Reichskanzler Bismarck beobachteten, zeigt ein Blick in die 1879 gegründete Satirezeitschrift „Der Wahre Jacob“. Aus dessen erster Ausgabe lasen Dieter Albrecht und Hugo Greff vom Garbsener Förderkreis Leselust einen Leitartikel, in dem „Gründungsschwindel und Pleiten“ gegeißelt wurden und der Autor beklagte, dass die Welt „erstarrt in Eisen“ sei. In den folgenden Jahrzehnten kämpften die Genossen gegen manche Unbill - viele wanderten dafür ins Gefängnis. „Es gab ja keine Versicherung; für Frauen und Kinder wurde gesammelt“, berichtete Rolf Wernstedt.

Wernstedt ist derzeit Ortsvereinsvorsitzender in Herrenhausen-Stöcken. Fast 30 Jahre saß er im Landtag und war Kultusminister sowie bis 2003 Landtagspräsident. Eine Lokalgeschichte aus den Annalen der SPD habe es ihm besonders angetan. Die Story führt in die Zeit der Nationalsozialisten. 1933, damals gab es nur einen stadtweiten Ortsverein, zählte die hannoversche SPD mehr als 16 000 Mitglieder. Deren Namen - und an dieser Stelle zeigte Wernstedt die Kopie einer Mitgliedskarteikarte des Künstlers Kurt Schwitters - waren fein säuberlich auf Karteikarten notiert. Um die Menschen vor dem Zugriff der Nazis zu schützen, brachten Freiwillige die Karten kistenweise in die Schwarze Heide. Dort lebten seinerzeit viele Genossen. „Keiner verriet etwas“, sagte Wernstedt stolz. Zum Verhängnis wurde den Sozialdemokraten ein Luftangriff der Alliierten 1944: Luftminen, für das Stöckener Conti-Werk gedacht, deckten etliche Dächer ab - auch das Versteck der Karteikarten. Tausende flatterten durch die Nacht davon, die meisten wurden emsig eingesammelt und wieder versteckt. Rund 6000 von ihnen sind heute im SPD-Archiv noch übrig. „Es sind die einzogenen SPD-Karteikarten von vor 1933.“

Der Stöckener Friedhof ist auch so ein Erinnerungsort im Nordwesten. Dort liegen unter anderem Robert Leinert, Hannovers erster SPD-Oberbürgermeister, dort liegen die hannoverschen Opfer des reaktionären Kapp-Putsches von 1920 und auch der erste niedersächsische Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf. Das einstige SPD-Idol ist heute wegen seiner Mitwirkung bei der Enteignung von Juden umstritten. In Stöcken wurde er auf eigenen Wunsch bestattet; seine Frau Anne stammte von dort.

Nach dem Krieg, mit dem Godesberger Programm von 1959, wandelte sich die SPD von einer Arbeiter- zur Volkspartei.Die Stunde der lokal engagierten Genossen schlug 1973 mit der Gründung kleinerer Ortsvereine in den Stadtteilen. Im Nordwesten waren das Stöcken (mit Ledeburg und Marienwerder) sowie Herrenhausen (mit Leinhausen und Burg). Beide brachten je 500 bis 600 Mitglieder auf ihre Listen. Im Zuge der Achtundsechziger gab es Erschütterungen im SPD-Gefüge. „Es gab Konflikte zwischen den Jusos (dem Jugendverband der SPD, d. Red.) und den Gewerkschaftern“, erzählte Karlheinz Mönkeberg in einem Filmbeitrag des SPD-Stadtverbandes zum 150. Jahrestag. Mönkeberg gehört mit Heidi Stolzenwald und Wernstedt zu den heute noch aktiven Gründungsmitgliedern der beiden Ortsvereine. „Ich wollte, dass wir die Jugend integrieren. Die Jusos wurden aber auch bekämpft“, erzählte Stolzenwald, die bereits 1974 Stöckener Vorstandsmitglied war, dem Filmteam. Die gewerkschaftsnahen Genossen lebten damals noch die althergebrachten Traditionen und in die festen Strukturen. Dagegen lehnte sich Jugend auf.

Es ist ruhiger geworden in der SPD. Durch Überalterung und Mitgliederschwund schmolz die Zahl der Genossen im Norden zusammen; 2001 fusionierten die beiden Ortsvereine. Der zähle heute rund 200 Mitglieder, sagte Wernstedt. Den politischen Ton gibt die SPD dennoch seit Jahrzehnten im Stadtbezirk an; auch derzeit stellt sie mit Marion Diener die Bezirksbürgermeisterin.

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