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00:20 07.12.2014
Von Simon Benne
Die Corvinuskirche in Stöcken steht künftig unter Denkmalschutz. Quelle: Nigel Treblin
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Hannover

 Wenn’s in einer Kirche um einen Gerichtstag und um endgültige Urteile geht, sind meist die letzten Dinge im Spiel. Diesmal jedoch ging es weltlicher zu: Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hat am Donnerstag nach einer Verhandlung in der entwidmeten Corvinuskirche entschieden, dass der Bau seinen Denkmalstatus behält. Das Urteil macht der Gemeinde einen Strich durch die Rechnung, die das Gebäude möglichst rasch abreißen und durch ein kleineres Gemeindezentrum ersetzen wollte.

Beim Ortstermin ging es lebhaft zu: Richter Sören Claus wurde in Stöcken von zwei Dutzend Abrissgegnern empfangen. „Die Corvinuskirche muss Gotteshaus bleiben“ stand auf einem Transparent. „Sie ist ein Kleinod aus einer Aufbruchszeit, als viele Gemeinden begeistert Kirchen bauten und neue Formen suchten“, sagt Regine Tettenborn, Tocher des Architekten Roderich Schröder, der das Gotteshaus 1962 entwarf.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass diese Zeit lange zurückliegt und dass damals viele Kirchen gebaut wurden, die heute vor allem Kostenfaktoren sind. Längst schrumpfen die Gemeinden, die Kirche muss Gebäude abstoßen. Als 2012 jedoch die Corvinuskirche profaniert wurde, regte sich Widerstand. Das Landesamt für Denkmalpflege erklärte sie – gegen den Willen der Kirchenoberen – zum Baudenkmal, es entspann sich ein langer Rechtsstreit um diesen Status: „Es gibt kein vergleichbares Bauwerk, diese Kirche ist singulär“, erklärte Rocco Curti vom Landesamt jetzt noch einmal bei der Gerichtsverhandlung in der Kirche.

Zuvor hatten Richter Claus und die Kontrahenten das Gebäude gemeinsam in Augenschein genommen: Sie umrundeten den fünfeckigen Bau, aus dessen Dachrinne inzwischen Gestrüpp wächst, inspizierten den Turm, und als der Richter halblaut in sein Diktafon sprach, dass die Wände aus „Klinkern“ seien, erntete er sogleich empörten Widerspruch aus den Reihen der Abrissgegner: „Das sind holländische Handstrichziegel!“ In der Kirche nahmen die Kontrahenten dann brav in den Bänken Platz – Abrissgegner links, die Gegenseite rechts.

Die Denkmalschützer pochten in der Verhandlung vor allem auf den städtebaulichen und künstlerischen Wert des Sakralbaus. Die Vertreter der Kirche hingegen betonten, dass sich etliche Baudetails der Corvinuskirche beispielsweise auch in der Lindener St.-Martin-Kirche finden: „Viele Kirchen haben eine ähnliche Struktur“, erklärte Kirchenanwalt Christian von Waldthausen.

Richter Claus hob in seinem Urteil schließlich eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Hannover auf und gab den Denkmalschützern recht – allerdings mit einer für alle etwas überraschenden Begründung: Zum Denkmal werde die Corvinuskirche vor allem durch ihre geschichtliche Bedeutung. Sie sei „Stein gewordener Ausdruck“ einer Epoche – das Zeltdach entspreche der Vorstellung einer wandernden Gemeinde, und ihre fünfeckige Form ermögliche die Zuwendung der Gläubigen zueinander.

„Wir fühlen uns bestätigt“, sagt Denkmalschützer Curti. Ganz vom Tisch ist ein Abriss allerdings noch nicht: Eine Revision gegen das Urteil hat das Lüneburger Gericht zwar nicht zugelassen. Doch die Kirchen haben im Denkmalrecht eine Art Sonderstellung: Wenn das kirchliche Amt für Bau- und Kunstpflege einen Abbruch für zulässig erklärt, ist „im Benehmen“ mit dem Wissenschaftsministerium ein Abriss immer noch möglich – auch, wenn es sich um ein Denkmal handelt. Die Kirchenoberen hielten sich am Donnerstag noch bedeckt: „Wir werden prüfen, wie wir mit dem Urteil umgehen“, erklärte Kirchensprecher Johannes Neukirch.    

Streitfall Denkmalschutz

Ein Pilotprojekt: Den Streit um die Stöckener Corvinuskirche haben Kirchenobere und Denkmalschützer zum Anlass genommen, 38 nach dem Krieg in Hannover gebaute evangelische Kirchen gemeinsam zu begutachten. Die konzertierte Aktion ist bislang bundesweit einmalig: Sie zielt auch darauf ab, angesichts drohender Kirchenschließungen möglichst früh Gewissheit darüber zu schaffen, welche Gebäude besonders schützenswert sind. Die Kommission einigte sich schließlich darauf, zehn Nachkriegskirchen unter Denkmalschutz zu stellen. Über einige Gotteshäuser wurde noch nicht entschieden, doch 19 Kirchen wurde der Denkmalsstatus verwehrt – bei künftigen Debatten um Kirchenschließungen könnte sich dies als Malus erweisen. Die Corvinuskirche hatten Denkmalschützer und Kirchenvertreter angesichts des Rechtsstreits ausgespart.

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