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Nord Raritäten in den Herrenhäuser Gärten
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Raritäten in den Herrenhäuser Gärten
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17:45 16.10.2014
Christiane Hausmann betreut 24 Beete, auf denen rund 500 Arten wie das zottige Weidenröschen wachsen.
Christiane Hausmann betreut 24 Beete, auf denen rund 500 Arten wie das zottige Weidenröschen wachsen. Quelle: Sonja Weiße
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Hannover

„Ach was, das ist der Fruchtknoten?“ Neben hohen Pflanzen steht eine junge Frau und dreht langsam eine rosafarbene Blüte in der Hand. Christiane Hausmann steht neben ihr und nickt. Die Gärtnerin und Ingenieurin ist zuständig für den Zeigerpflanzengarten des Instituts für Umweltplanung der Universität Hannover und freut sich immer, wenn die Studenten den Garten zum Lernen benutzen. „Hat sich schon wieder gelohnt, hierherzukommen“, sagt die Besucherin, eine Studentin der Landschaftsarchitektur und Umweltplanung, zufrieden.

Sie und ihre Kommilitonen haben Glück mit ihrem Studienort: An anderen Universitäten lässt es sich längst nicht so anschaulich für Pflanzenprüfungen lernen, denn die Anlage in der Herrenhäuserstraße 2 ist bundesweit einmalig. Hier geht es nicht um die Schönheit der Pflanzen oder der Anlage, sondern um die Beschaffenheit des Bodens. Im Zeigerpflanzengarten wachsen 500 Pflanzenarten, die in Deutschland unter ganz bestimmten Bedingungen gedeihen. Aus deren Vorkommen kann man Rückschlüsse auf die Erde ziehen, aus der sie wachsen. Darunter sind auch viele Gewächse, die auf der Roten Liste gefährdeter Pflanzen stehen.

Der Garten ist wie eine Art gewachsene Tabelle aufgebaut, die anzeigt, ob der Boden feucht ist oder trocken, sauer oder basisch, arm oder reich an Nährstoffen. Bei der Orientierung helfen im Boden steckende Schilder mit bunten Kreisen. Blau steht für Feuchtigkeit, Rot für die Reaktionszahl und Grün für Stickstoff.

An einer Ecke des Gartens zum Beispiel wachsen wahre Überlebenskünstler. Es sind Pflanzen, die auf äußerst nährstoffarmen, sauren und trockenen Böden gedeihen. Um das zu verdeutlichen, zeigt das Schild vor ihnen drei leere Kreise. „Das sind Bedingungen wie auf der Kugelfangtrift“, erklärt Christiane Hausmann. An der Straße im Norden der Stadt sammelt sie auch manchmal Samen für den Garten. Oder Studenten bringen sie von Exkursionen mit. An der gegenüberliegenden Ecke ist die Vegetation offensichtlich wesentlich üppiger. Dort wächst zum Beispiel das zottige Weidenröschen, das es feucht und nährstoffreich liebt. Auf dem Schild davor sind alle drei Kreise ausgefüllt. Zwischen diesen beiden Extremen liegen 24 Beete mit Zwischenwerten in verschiedenen Kombinationen.

Die Studenten nutzen dieses Angebot gern

Um diese ganz unterschiedlichen Lebensräume auf kleinsten Raum nachzustellen, benutzt Christiane Hausmann verschiedene Böden und Zusätze. „Für die trockenen Beete zum Beispiel verwende ich Sand, für die sauren Böden Torf“, erklärt sie. Oder sie erhöht durch den Zusatz von Kalk den pH-Wert. Dadurch wird der Boden weniger sauer. Nur einen wirklich nährstoffarmen Boden könne sie in der Stadt nicht herstellen, erklärt Hausmann. Das sei für ihre Zwecke aber auch nicht so wichtig. Denn die Pflanzen, die dort wachsen, kommen zwar mit extrem wenig Nährstoffen aus - sie gedeihen aber auch, wenn sie mehr davon erhalten. Als Anschauungsobjekt taugen sie in jedem Fall.

Die Studenten nutzen dieses Angebot gern. „Wenn man die Pflanzen sieht, kann man viel besser lernen, sie zu bestimmen“, sagt zum Beispiel Mathias Pansegrau. Der Student der Landschaftsarchitektur und Umweltplanung trifft sich deshalb mit Kommilitonen in der Sitzecke des Gartens, um die Gewächse mit den Abbildungen im Lehrbuch abzugleichen.

Der Garten ist aber nicht nur für die Studenten des Instituts gedacht, sondern ganzjährig montags bis freitags von 8 bis 19 Uhr öffentlich zugänglich, um zu den Pflanzen zu gelangen, müssen Besucher zuerst durch das Institut gehen. Jörg Ledderbogen vom Schulbiologiezentrum empfiehlt zum Beispiel Lehrern, zur Vorbereitung auf das Abitur mit ihren Schülern den Garten zu besuchen. „Das ist ein verstecktes Juwel“, sagt er. Viele Besucher kommen auch an den Tagen der offenen Pforte. Eine Dozentin des Instituts, Roswitha Kirsch-Stracke, hatte sich dafür eingesetzt, den Garten in dieses Programm aufzunehmen, in dem Privatleute und Institutionen Besucher in ihre Gärten einladen. Denn Beachtung hat die Anlage redlich verdient: „Das ist ein botanischer Garten im Briefmarkenformat“, schwärmt Kirsch-Stracke.

Sonja Weiße

Bärbel Hilbig 16.10.2014
15.10.2014