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Nord Farbanschlag jetzt auch in der Nordstadt
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Farbanschlag jetzt auch in der Nordstadt
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21:53 18.06.2013
Von Tobias Morchner
„Die Nordstadt soll dreckig bleiben“: Unbekannte haben das erst im vergangenen Jahr bezogene Mehrparteienhaus in der Warstraße mit Farbe beschmiert. Quelle: Dillenberg
Nordstadt

 Außerdem beklebten sie die Fassade des Gebäudes mit Aufklebern, auf denen zu lesen war: „Die Nordstadt soll dreckig bleiben.“ Die Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung. Der Farbanschlag hat die betroffenen Wohnungseigentümer in Angst versetzt. „Unser Wohn- und Lebensgefühl ist nachhaltig beeinträchtigt“, sagt ein 56-Jähriger. Insbesondere die Familien mit Kindern seien betroffen. Es ist bereits das zweite Mal, dass das Gebäude in der Warstraße Ziel von Gentrifizierungsgegnern geworden ist. „Die Aktion ist einfach nur hinterhältig und feige“, erklärt der Eigentümer.

Ende des vergangenen Jahres war das Gebäude in der Warstraße, in dem elf Parteien wohnen, bezogen worden. Die Firma Gundlach hatte das Mehrfamilienhaus auf dem Gelände einer ehemaligen Tankstelle errichtet. „Hier ist also zusätzlicher Wohnraum entstanden, wir haben hier niemanden verdrängt“, sagt der 56-Jährige. In den Wohnungen würden, mit einer Ausnahme, ausschließlich die Eigentümer selbst leben. „Das bedeutet: Es gibt hier auch keine horrenden Mietsteigerungen“, sagt der Betroffene.

Auch Frank Scharnowski von der Baufirma Gundlach kann nicht nachvollziehen, warum sich die Aktivisten ausgerechnet das Gebäude in der Warstraße für ihren Protest ausgesucht haben. „Dieses Projekt ist vollkommen ungeeignet als Gentrifizierungsbeispiel“, sagt er. Die Wohnungen seien behindertengerecht gebaut worden, sie seien in ökologischer Bauweise entstanden, und „wir haben damit keine Sylt-Preise erzielt“, erklärt der Unternehmenssprecher. Gundlach hofft jetzt, dass die Polizei den zweiten Anschlag innerhalb weniger Monate zum Anlass nimmt, rund um das Objekt regelmäßiger Streife zu fahren.

Der Protest gegen die Veränderungen in einem Stadtteil hatte sich bislang auf Linden konzentriert. Die Auseinandersetzungen dort waren zum Teil heftig geführt worden. So waren einer Eisdiele in der Stephanusstraße die Fensterscheiben mit Steinen eingeworfen worden. Das Gebäude der ehemaligen Polizeiinspektion West in der Gartenallee, das private Investoren aus dem Stadtteil erworben haben, ist mehrfach besetzt worden, weil dort, nach Ansicht der Demonstranten, ein autonomes Jugendzentrum entstehen soll. Die Filiale des Denn’s Supermarktes in der Limmerstraße wurde in der Vergangenheit mehrfach mit Farbe beschmiert.

Die betroffenen Nordstädter hoffen jetzt, dass der Gentrifizierungsprotest in ihrem Viertel nicht weiter eskaliert. „Wer gibt den Leuten eigentlich das Recht, sich hinzustellen und zu selektieren, wer hier wohnen darf und wer nicht – das ist keine Art und Weise, wie man das Problem in den Griff bekommen kann“, sagt einer der Eigentümer in der Warstraße.

Daten zur Gentrifizierung sind umstritten

Stimmt es, dass der Migrantenanteil in Linden-Nord in vier Jahren um 7 Prozent gesunken ist, während er in der Gesamtstadt gestiegen ist? Diese Daten hatte beim HAZ-Forum zum Thema Gentrifizierung der Grünen-Bezirkspolitiker und Hausbesetzer Steffen Mallast verbreitet. Sie galten ihm als Beleg für Verdrängungsmechanismen, die durch steigende Mieten Migranten und Menschen mit geringerem Einkommen aus dem Stadtteil vertrieben. Jetzt haben alteingesessene Lindener um den Stadtteilchronisten Klaus Öllerer nachgeforscht. „Diese Information hält einem Faktencheck nicht stand“, sagt Öllerer.

Tatsächlich hätten zwar in vier Jahren sogar 7,5 Prozent der Migranten durch Wegzug den Stadtteil verlassen, korrigiert Öllerer auf Grundlage einer städtischen Erhebung von 2011. Doch seien im gleichen Zeitraum zwischen 2007 und 2011 auch viele Menschen ohne Migrationshintergrund aus dem Stadtteil weggezogen. Gesunken sei also die Gesamtbevölkerungszahl, kaum dagegen der Anteil an Migranten. Nach Öllerers Rechnung ist der Migrantenanteil in Linden-Nord nur um 1,6 Prozent gesunken und daher bei Weitem nicht so drastisch, wie der 24-jährige Aktivist Mallast anführte.

Mallast gibt Öllerer zwar bei diesen Zahlen recht, bleibt aber dabei, dass sich das Verhältnis von Migranten und Nicht-Migranten im Stadtteil spürbar verändere. Im Saldo hätten laut Statistik 358 Menschen mit Migrationshintergrund den Stadtteil verlassen. „Der Austausch ist alarmierend“, sagt er. Auch bleibe er im Grundsatz bei seiner Aussage, dass der Migrantenanteil in Linden-Nord sinke, während er in der Gesamtstadt steige. Er sehe in den präsentierten Zahlen „Zeichen für eine beginnende Gentrifizierung“.

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