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Nord Anwohner leiden unter beißendem Ammoniakgestank
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Anwohner leiden unter beißendem Ammoniakgestank
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00:17 14.05.2018
Den Anwohnern stinkt es: Die Firma Befesa bereitet Aluminiumschlacke auf, dabei entweicht Amoniak. Quelle: Samantha Franson
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Vinnhorst/Brink-Hafen

 Die Geruchsprobleme in Teilen von Vinnhorst, Brink-Hafen und Wiesenau reißen nicht ab. Beißender Ammoniakgeruch steigt Anliegern in die Nase, reizt Augen und Schleimhäute. Vergangenes Wochenende nahmen Anwohner  der Straße Wendehagen von Freitag bis Sonntagfrüh stechenden Gestank wechselnder Intensität wahr. „Viele Nachbarn klagen über Beschwerden. Doch von Behörden und Unternehmen erleben wir Zynismus“, schildert Heiner Hartig aus Vinnhorst. „Einen dritten hochbelasteten Sommer ertragen wir nicht mehr und die Hilflosigkeit, die wir bisher bei allen angesprochenen Stellen erleben, bringt uns allmählich zur Verzweiflung.“ 

Auch im Bezirksrat Nord haben kürzlich – wieder einmal – mehrere Nachbarn die Probleme beschrieben. „Wir halten es einfach nicht mehr aus. Wir sind gesundheitlich, psychisch und auch materiell betroffen, falls wir unsere Häuser eines Tages verkaufen wollen“, sagt Hartig. Von den Behörden fühlen sich die Betroffenen alleingelassen. „Es stinkt ohne Ende und die Experten messen, stellen aber nichts fest“, kritisiert Anwohner Jan Polke

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Besonders am Wochenende und abends stinkt es

Seit mittlerweile drei Jahren beklagen sich Anlieger über die Geruchsbelästigung. Der Gestank tritt unregelmäßig auf, oft abends oder am Wochenende. Beim Gewerbeaufsichtsamt stapeln sich die Beschwerden. Vor einem Jahr hatte sich auch der Betriebsrat des Hauptzollamts mit rund 300 Mitarbeitern an die Gewerbeaufsicht gewandt. Das Gebäude liegt im Industriegebiet Brink-Hafen wie die Befesa Salzschlacke GmbH, von der die Gerüche ausgehen. „Die machen abends ihre Schotten auf, um zu reinigen und dann stinkt es“, mutmaßt ein Anlieger.

Doch alle bisherigen Messungen haben keine Grenzwertüberschreitungen ergeben. Auf Anfrage der CDU-Fraktion informierte die Stadt, dass zwischenzeitlich auch ein unabhängiges Institut mit Kontrollen beauftragt war. Die Ergebnisse liegen der Gewerbeaufsicht vor. Danach wird die Geruchsimmissionsrichtlinie eingehalten.

Messgerät soll Aufklärung bringen

Dennoch hat die Gewerbeaufsicht inzwischen ein Messgerät angeschafft, das in der Lage ist, die Ammoniakbelastung über einen längeren Zeitraum zu dokumentieren. Dafür musste eigens ein Unikat angefertigt werden, da es diese Instrumente nicht „von der Stange“ gebe, heißt es. Das Gerät befindet sich in der Testphase. Das Gewerbeaufsicht will damit den Verlauf der Belastung und auch Spitzenwerte ermitteln. An einem anderen Standort testet die Firma, ihr Produkt mit einem Zusatzstoff zu versetzen, der Geruch bindet. In Hannover gab es Versuche, das Problem durch Schließen von Lüftungsschlitzen und Versetzen von Düsen zu verringern.

Bezirksbürgermeisterin Edeltraut Geschke (SPD) kündigte jetzt an, Gesundheitsamt, Firma, Stadtverwaltung und Gewerbeaufsicht zum Gespräch einzuladen. CDU-Fraktionschefin Angelika Jagemann beklagte, dass die Bezirksbürgermeisterin bereits Gespräche geführt hat, die Anwohner Ergebnisse jedoch nicht erfahren haben. Verwundert über die lang andauernden Probleme zeigt sich auch Marc-Oliver Schrank (Die Partei): „Selbst die Kaffeerösterei am Engelbosteler Damm hat ein Schreiben bekommen, dass sie neue Filter einsetzen muss. Warum ist das in diesem Fall so schwierig?“

Kommentar: Es ist Zeit für eine Lösung

 Seit mittlerweile drei Jahren reißen die Klagen über Ammoniakgeruch nicht ab. Die Beschwerden häufen sich sogar. Es melden sich Anwohner aus Vinnhorst-Friedenau und Langenhagen-Wiesenau, auch Mitarbeiter von Firmen und Behörden in Brink-Hafen. Sie alle berichten über Gestank, bis hin zu gereizten Schleimhäuten und tränenden Augen oder sogar Brechreiz. Es verwundert nicht, wenn viele sich inzwischen Sorgen um ihre Gesundheit machen. Alle bisherigen Messungen haben allerdings keine Überschreitung der zeitlichen Grenzwerte für Geruchsbelästigung ergeben. Der lästige gülleähnliche Gestank ist nach Angaben des Gewerbeaufsichtsamts auch nicht gesundheitsgefährdend. Allerdings besaß die zuständige Behörde selbst bisher gar kein taugliches Messgerät für längerfristige Kontrollen. Und will dem Problem mit einem neuen Gerät nun weiter auf den Grund gehen. Es wäre an der Zeit. Denn die freiwilligen Lösungsversuche der Verursacherfirma lassen auf sich warten.

Von Bärbel Hilbig