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Nord Hinter der Scheibe hockt der Hauswart
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Hinter der Scheibe hockt der Hauswart
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12:53 14.03.2015
Früher durfte das Grün aber nicht einmal betreten werden, erzählt Inge Holzhausen. Quelle: Moers
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Vahrenheide

In Vahrenheide gibt es für junge Eltern viele Angebote. Den großen Spielpark Holzwiesen etwa oder den benachbarten Stadtteilbauernhof. Hier trifft man sich und trinkt vielleicht einen Milchkaffee, während die Kinder spielen. Doch wie war das vor 50 Jahren? In der zweiten Auflage des Vahrenheider Erzählcafés erinnerten sich damalige Mütter und Kinder. Das Leben in der Neubausiedlung erscheint ihnen im Rückblick als ein zu enges Korsett, geschnürt aus kleinbürgerlichen Regeln und gegenseitiger Kontrolle. Als Zeitzeugin erzählte in diesem Monat die 78-jährige Inge Holzhausen vom langen Kampf der Mieter und Mütter für ein familienfreundlicheres Vahrenheide.

„Bei uns im Block, da durfte man ja im Grunde nichts“, erinnert sich Jens Holzhausen an seine Kindheit. Der 54-Jährige und sein Sohn hören interessiert zu, was seine Mutter vorn im Saal des Kulturtreffs über die Sechzigerjahre in Vahrenheide berichtet. „Wir kamen aus Hainholz, waren Luft und freie Flächen gewohnt. Hier war das plötzlich ganz anders. Vor dem Haus war die Straße und hinter dem Haus ein Stück Rasen, das man nicht betreten durfte“, erzählt Inge Holzhausen.

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Am schlimmsten sind ihr die Hauswarte in Erinnerung. Ein Raunen geht durch den Raum, als sie von denen erzählt. Es gab damals einen in jedem Block. „Die Hauswarte, das waren Menschen, die lebten hinter ihren Fensterscheiben“, ärgert sich Holzhausen bis heute. Einmal hatte es Jens gewagt, den Rasen hinter ihrem Haus zu betreten. Weil er sich beim Spielen blutige Knie geholt hatte, hockte er sich auf das Grün, um auf die Mutter zu warten. Da kam gleich der Hauswart rausgelaufen und schimpfte beide aus. „Wir haben uns ja damals erst nicht getraut. Wir hatten Angst, dass es gleich eine Abmahnung gibt“, erinnert sie sich an die einengende Atmosphäre. Einmal nahm sie allen Mut zusammen und fragte bei der Stadt, warum sich denn Kinder nicht mit Decken auf die Wiese setzen dürften. „Aber Frau Holzhausen, das geht doch nicht, die Decke kann die Rasenfläche beschädigen“, erklärte man ihr in ernstem Ton.

Auch ein anderer Zuhörer erinnert sich, aus welchem Holz die Hauswarte geschnitzt waren. „Einmal kam ich in Uniform von der Grundausbildung nach Hause. Da stand er vor mir stramm und grüßte mich überfreundlich“, erinnert er sich. Heute können sie darüber alle herzlich lachen. Damals litten gerade die jungen Mütter unter der starken Kontrolle.

Inge Holzhausen zog 1961 mit ihrem Mann in die Leipziger Straße. Die Zeilenbauten und Reihenhäuser in Vahrenheide-West waren gerade bezugsfertig. Die Stadt hatte sie Ende der Fünfzigerjahre bauen lassen. Bis dahin lebten noch immer viele Hannoveraner und Flüchtlinge behelfsmäßig in Gartenlauben. Auch Familie Holzhausen war froh, in die neue Siedlung ziehen zu können. Die kleine Wohnung teilten sie mit den Großeltern. Vermutlich gab es an Sonntagen auch häufig den Mandelkuchen, den Holzhausen heute für die Besucher im Kulturtreff gebacken hat.

„Wo trafen sich die Mütter denn damals?“, will eine jüngere Zuhörerin wissen. Außer den tristen quadratischen Sandkästen und einigen Spielplätzen gab es nicht viel. Als „quadratisch, praktisch, hässlich“ beschreibt eine Besucherin die Siedlung in ihrer ursprünglichen Form. Der Moderator des Erzählcafés, Peter Witte, erklärt, warum bis heute auf vielen Rasenflächen in Vahrenheide keine Kinder spielen dürfen. „Im sozialen Wohnungsbau waren diese Flächen als Ruhezonen vorgesehen“, sagt Witte.

Eine spannende Wendung nahm die Diskussion im Erzählcafé mit dem Einwurf einer Zuhörerin, die selbst in Vahrenheide groß geworden ist. „Die Welt, von der hier die Rede ist, erkenne ich so nicht wieder“, sagt Susanne Franke. Für sie sei der Stadtteil als Kind ein Abenteuerspielplatz gewesen. „Wir haben zwischen den Büschen und Häusern getobt wie eine Räuberbande“, erinnert sie sich. Sie habe hier, anders als es Holzhausen beschreibt, ein enges Miteinander der Menschen erlebt. „Vielleicht lag das aber auch daran, dass wir immer in den ärmeren Ecken gewohnt haben, wo es eben anders zuging“, vermutet Franke.

Mitte der Sechzigerjahre änderte sich die Situation für alle Mieter. Damals gingen die städtischen Wohnungen in den Besitz der Wohnungsgenossenschaften über. Seitdem ist Inge Holzhausen im Mieterbeirat aktiv. „Ohne unser aktives Engagement hätte sich nichts geändert“, glaubt sie. Zusammen mit anderen Mietern setzte sie sich auch für mehr Familienfreundlichkeit ein. Zum Erzählcafé hat sie Bilder aus den Achtzigerjahren herausgesucht und an eine Pinnwand geklebt. Die bereits leicht verblichenen Fotos zeigen, wie Nachbarn gemeinsam ihre Gärten gestalten. Auf einem ist eine alte Frau zu sehen, die Blumen in ein kleines Beet neben ihrem Reihenhaus pflanzt. In den ersten Jahren undenkbar.

Wenn Holzhausen zurückblickt auf den Stadtteil, den sie heute noch als Mitglied der Sanierungskommission mitgestaltet, ist sie zufrieden. „Ich lebe gern in Vahrenheide, weil der Stadtteil Ecken und Kanten hat“, sagt sie.

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