Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Nord Zeitzeugen erzählen Schülern von ihrer Flucht
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Zeitzeugen erzählen Schülern von ihrer Flucht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 01.05.2018
Geduldig beantworten Käte Krüger (auf der Bühne, l.) und Maria Mennecke die Fragen der Schüler. Quelle: Foto: Ebeling 
Anzeige
Vahrenwald

 „Haben Sie aus der Zeit ihrer Flucht etwas Materielles behalten?“, fragte ein Schüler der IGS Büssingweg die beiden Zeitzeuginnen. Käte Krüger verneinte die Frage. „Ich habe noch eine Sache behalten“, schoss es Maria Mennecke sofort heraus. Als sie auf der Flucht gewesen waren, hätte ihr plötzlich ein russischer Soldat zugewunken. An seinem Lastwagen hätte vorne eine Puppe gehangen. „Er hat sie mir geschenkt, wahrscheinlich hatte er Mitleid mit mir“, sagte sie mit einem Lächeln. Die Schildkrötenpuppe Barbara begleitete sie durch die ganze Flucht und war das Einzige, was sie noch behalten hatte. „Sie sitzt noch heute bei mir im Wohnzimmer“, schmunzelt sie.

Eineinhalb Stunden erzählten Käte Krüger und Maria Mennecke von ihrer Flucht vor den russischen Soldaten aus dem heutigen Polen und über ihren Fluchtweg mit Umwegen bis schließlich zur Ankunft in Hannover. Sichtbar spielte keiner der Zwölftklässler während der kompletten Veranstaltung am Handy oder beschäftigte sich mit anderen Dingen. Den sehr emotionalen Geschichten lauschten die rund 50 Schüler des Geschichtsleistungskurses der IGS gespannt, und stellten nach gut der Häfte der Zeit Vertiefungsfragen, die vorher im Unterricht ausgearbeitet worden waren. 

„Das war nicht mehr meine Heimat“

Hauptsächlich beschäftigten sich diese mit dem Umgang der Vertriebenen, ihrer Zeit in Hannover und persönlichen Nachfragen. „Waren sie noch mal in ihrer Heimat?“, wollte ein Schüler wissen. Beide antworteten fast zeitgleich: „Ja.“ Krüger war 2005 noch einmal an ihrem Heimatort im damaligen Ostpreußen . „Das Haus ist noch da, aber es sieht nicht mehr so aus wie früher“, berichtet sie. Vieles sei verfallen, und die neuen Eigentümer hätten sie nicht ins Haus gelassen, so die Vertriebene. Mennecke war 1985 das erste Mal wieder in ihrem Geburtsort in der Nähe von Neisse im damaligen Schlesien. „Damals sah alles so aus, als wäre ein Dornröschenschlaf da gewesen“, schildert die 79-Jährige. Als sie später noch mal den Ort besuchte, hatte sich jedoch viel verändert. „Das war nicht mehr meine Heimat.“ 

Der 2. Weltkrieg sorgte für viel Vertreibung und Flucht in diversen Ländern. 

„Ich fand die Veranstaltung gut, weil es einen ganz anderen emotionalen Eindruck auf die ganze Situation gibt“, findet Schülerin Lea Wöhlert. „Es nimmt einen persönlich ganz anders mit.“ Es sei eine gute Aktion gewesen, findet die Zwölftklässlerin. Die Idee kam vom Geschichtslehrer Kolja Trieglaff. Er habe im Unterricht Simon Bennes Buch „Fremde Heimat – Als die Vertriebenen nach Hannover kamen“ durchgenommen und fand, das Zeitzeugengespräch biete sich an. „Einem Zeitzeugen zuzuhören ist noch mal was ganz anderes als andere Quellen“, findet er. Krüger war die Großmutter einer Schülerin, der Kontakt zu Mennecke wurde über Simon Benne hergestellt, und sie habe sich sofort bereit erklärt. „Das ist ganz wichtig. Wir sind jetzt die letzten Zeitzeugen, wenn man es nicht den jungen Leuten jetzt erzählt, dann gibt es bald keinen mehr“, erklärt sie.

Zwei Geschichten, zwei Schicksale

Obwohl Käte Krüger und Maria Mennecke gleichermaßen aus ihrer Heimat vertrieben wurden und geflohen sind, haben sie zwei ganz unterschiedliche Geschichten zu erzählen.

Käte Krüger: „Ich wurde in ein Lager nach Russland gebracht.“

Käte Krüger wurde 1931 in Ostpreußen geboren. Sie habe vom Krieg so gut wie nichts mitbekommen, bis am 20. Januar 1945 die Front immer näher kam und die Familie flüchten musste. Zwei ihrer Brüder waren für den Krieg eingezogen worden, ihr Vater musste als Bahnmitarbeiter am Bahnhof bleiben, und eine Schwester hatte es schon früher ins heutige Deutschland gezogen. Allerdings war für ihre Mutter, sie und ihren Bruder nach drei Tagen die Flucht auch schon zu Ende. „Der Krieg war für uns vorbei, die Russen holten uns ein“, erzählte sie. Als sie in ihr Heimatdorf zurück wollten, wurden sie in ein Wirtshaus getrieben. „Zwei Tage später musste ich zur russischen Kommandantur und wurde gefangen genommen.“ Sie kam nach Russland in ein großes Gefangenenlager. Die USA handelte jedoch aus, dass Zivilgefangene unter 18 und über 50 von den Russen sofort entlassen werden sollten. Also wurde Krüger im September 1945 im Alter von 14 Jahren als eine der Ersten entlassen. Als sie nach tagelanger Fahrt endlich den Bahnhof in Frankfurt/Oder erreichte, wurde sie in ein Auffanglager für junge Leute gebracht, wo sie bis zum 1. Dezember 1945 blieb. Am 5. Dezember kam sie schließlich bei ihrer Schwester in Bochum an. „Da war ich endlich zu Hause“, sagte sie. 1947 kam Krüger nach Hannover und lebte dort mit ihrem Vater, ihrer Mutter und ihren Brüdern in einer Baracke. Ab 1950 bekamen sie in Herrenhausen von der Bahn eine schöne, geräumige Wohnung.

Maria Mennecke (79): „Das war alles ganz grausam.“

In einem Ort in der Nähe der Stadt Neisse wurde Maria Mennecke 1938 im damaligen Schlesien geboren. Als Kind hörte Mennecke die Schüsse und Kanonen der Soldaten. Der Aufruf, das Dorf zu evakuieren, sei für sie viel zu spät gekommen. Am 17. März 1945 fuhren sie, ihre Schwester, ihre Eltern und Großeltern los in Richtung Westen, kamen aber nur ins nächste Dorf, da die russischen Panzer ihnen schon entgegenkamen. „Wir suchten Zuflucht auf einem Bauernhof.“ Ihr Vater wurde gefangen genommen, der Rest der Familie machte sich auf den Weg wieder nach Hause. Doch dort hatten sie keine ruhige Minute mehr. „Es war keine Heimat mehr und eine ganz schreckliche Zeit“, erinnert sie sich. Weiterhin tobten die Folgen des Krieges – Massenvergewaltigungen und Unterdrückung. Als die Russen abgezogen waren, kamen die Polen, schildert die 79-Jährige. Sie vertrieben die Deutschen aus den Häusern, allerdings durfte die Familie dort wohnen bleiben. Sie hätten aber 1946 unterschreiben müssen, dass sie sich schämen. Deutsche zu sein. „Das konnten meine Eltern nicht“, erklärte sie. Also stiegen sie, ihre Schwester, ihre Eltern und ihr Großvater in einen Zug Richtung Westen. Ihr Großvater verstarb auf dem Weg, ihre Großmutter war vorher schon verstorben. Im Juni 1946 kamen sie in Empelde an und wurden in einem ehemaligen Schweinestall einquartiert. Danach kam die Familie zunächst nach Vinnhorst auf einen Bauernhof, wo sie sich später ein eigenes Haus bauten, indem Maria Mennecke heute immer noch wohnt. 

Von Laura Ebeling

22.04.2018
20.04.2018