Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Nord Der Boom der Baby-Beutel
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Der Boom der Baby-Beutel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:29 03.02.2015
Vor vier Jahren hatte Kerstin Ursinus die Idee zu den praktischen Einsätzen, die Schwangeren und Eltern mit Babys und Kleinkindern den Kauf von teuren Winterjacken ersparen. Quelle: Screenshot / Mamamotion
Anzeige
Hannover

„Ich wollte nach einer Jackenerweiterung schauen. Das Anthrazit finde ich toll, kann ich das mal angucken?“ Die junge Frau mit dem deutlich gewölbten Bauch zeigt auf einen Streifen Stoff, der neben vielen anderen Stoffbahnen an einer Wand von „Mamamotion“ hängt. Der kleine Laden in der Nordstadt liegt versteckt in einer schmalen Straße in der Nähe der Lutherkirche, zum Geschäft gehört auch ein 130 Quadratmeter großes Lager in Linden-Nord. Ronald Rimpo greift zu dem Stoff und zieht ihn mit einem Ruck von der Wand. „Das ist eine Blende, mit der wird der Adapter-Reißverschluss verdeckt“, erklärt er. Damit wird die Erweiterung an der zu klein gewordenen Jacke befestigt. 22 bis 44 Euro kostet dies die Kunden je nach Ausführung.

"Kumja: Komm unter meine Jacke“

Maria Geler hat ihre Jacke vergrößern lassen. Ronald Rimpo hilft ihr bei der Auswahl der passenden Stoffmotive. Quelle: Sonja Steiner

Vor vier Jahren hatte Kerstin Ursinus die Idee zu den praktischen Einsätzen, die Schwangeren und Eltern mit Babys und Kleinkindern den Kauf von teuren Winterjacken ersparen. „Ich war mit unserem ersten Kind schwanger und ärgerte mich, als meine schöne Daunenjacke nicht mehr passte. Da ich selbst gerne nähe, habe ich mir einen Einsatz für die Jacke genäht und konnte so meine Tochter auch später bequem tragen, ohne zu frieren“, erinnert sich die Maschinenbauingenieurin. Die Idee zu „Kumja“ war geboren, es steht für: „Komm unter meine Jacke“ und ist seitdem so schnell gewachsen wie die erste Tochter, der noch zwei weitere Kinder folgten. „Kumja ist wie unser viertes Kind“, sagt Ursinus’ Lebensgefährte Ronald Rimpo - genauso zeitintensiv und spannend wie die echten drei.

Anzeige

Eines war klar: Leben und Arbeiten sollten zusammengehören

"Das hat mich geärgert": Kumja-Erfinderin und  Jungunternehmerin Kerstin Ursinus (r.) setzt eine Blende an den Jackeneinsatz. Quelle: Sonja Steiner

Für die Entscheidung, sich mit dem Verkauf von Jackenerweiterungen, die per Reißverschluss einfach wieder entfernt werden können, selbstständig zu machen, ernteten die beiden vor vier Jahren nicht nur Beifall. „Mein Vater bedauerte sehr, dass ich meine Karriere als Maschinenbauingenieur nicht weiter verfolgte“, erzählt Rimpo. „Bei mir war es mein Großvater, der sich mit der Idee nicht anfreunden konnte“, ergänzt Kerstin Ursinus. „Wir lebten damals in Vietnam, wo Ronald als Entwicklungshelfer arbeitete, dort hatte ich Zeit, darüber nachzudenken, wie es in Deutschland weitergehen soll.“ Eines war klar: Leben und Arbeiten sollten zusammengehören. „Und da überlegten wir uns, es mit der Jackenerweiterung zu probieren“, berichtet Rimpo. Seine Lebensgefährtin sei der kreative Kopf, von ihr stamme die Idee und der Name. Sie sei auch diejenige, die den meisten Kundenkontakt habe, während er für das Administrative und Organisatorische sowie für die Finanzen zuständig sei.

Über den Onlineversand lief das Geschäft gut an

Ronald Rimpo bestellt rund 60 verschiedene Einsätze für Jacken in Vietnam. Quelle: Sonja Steiner

Noch in Vietnam suchten sie eine Firma, die Jackeneinsätze nähen konnte. Am Anfang gab es Schwierigkeiten, weil sie keine große Stückzahl in Auftrag geben konnten. Erst als sie sich bereiterklärten, 2000 Stück abzunehmen, fand sich ein Betrieb. Zum Glück lief das Geschäft in Deutschland über den Online-Versand gleich gut an - offenbar hatte das Gründerteam eine Marktlücke entdeckt.

Konkurrenz? Gibt es nicht!

„Bis heute haben wir keine Konkurrenz, was auch daran liegt, dass der Verkauf sehr beratungsintensiv ist“, meint Kerstin Ursinus. Fünf Mitarbeiter sind inzwischen angestellt, bis zu fünfzehn sind es in der Hauptsaison im Winter, etwa 250 Bestellungen werden täglich bearbeitet. Säckeweise bringt die Post die Ware aus Vietnam in das Lager in Linden-Nord. „Das hier ist ideal für uns, weil wir gleich um die Ecke wohnen“, berichtet Ronald Rimpo. Die hellen renovierten Räume einer ehemaligen Gastwirtschaft dienen seit September auch als Büro und Packstation. In einem Regal befinden sich die Reißverschluss-Adapter, in einem anderen lagern die bunten Stoffblenden. Weiter hinten in dem großen offenen Raum befindet sich das Büro, an dem drei Mitarbeiter vor großen Bildschirmen sitzen. Auch eine winzige Teeküche gibt es sowie dahinter einen Raum, in dem genäht wird.

Nach Ladenschluss geht das Geschäft weiter

Die Arbeit ist nach Ladenschluss noch nicht getan: Bis zu 120 Mails müssen Ronald Rimpo und Kerstin Ursinus abends noch von zuhause aus beantworten, viele beziehen sich auf die Adapter-Reißverschlüsse. Es gibt etwa 60 Arten, da der Reißverschluss nicht genormt ist. „Und dann kommen wir und erklären den Kundinnen, die entweder hochschwanger oder gerade Mutter geworden sind, per Mail oder telefonisch, wie sie herausfinden, welcher Adapter an ihre Jacke passt. Die Kundinnen sind in einer hochstressigen Lebensphase, und wir wollen ihnen einen Reißverschluss erklären“, sagt Kerstin Ursinus. „Da braucht es viel Einfühlung.“

Weitere praktische Dinge runden das Produkt ab

Die Produktpalette ist groß - von Tragesystemen über pfiffige Sockenhalter bis zu ungiftigem Silikonschmuck für die Mutter (hier im Bild). Quelle: Sonja Steiner

In dem kleinen Laden in der Nordstadt werden auch andere Produkte angeboten, die mit dem Tragen von Babys und Kleinkindern zusammenhängen - von Tragesystemen über pfiffige Sockenhalter bis zu ungiftigem Silikonschmuck für die Mutter. „Unser Ziel ist es, Filialen zu gründen, um vor Ort beraten zu können,“ sagt Rimpo. Die junge Kundin hat sich unterdessen nach mehreren Proben für eine leuchtend blaue Blende entschieden.

Von Sonja Steiner

Nord Stadtbahnverkehr betroffen - Feuer bricht in Büro von Autowerkstatt aus
07.01.2015
Jörn Kießler 07.01.2015
Anzeige