Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Nord Rösterei serviert hochwertigen Kaffee
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Rösterei serviert hochwertigen Kaffee
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:20 23.08.2012
Jürgen Piechaczek in seiner Rösterei „24 Grad“ am Engelbosteler Damm. Quelle: Dimi Anastassakis
Nordstadt

Sessel sind nicht nur zum Sitzen da, Cocktailsessel aus den fünfziger Jahren schon einmal gar nicht. Natürlich sind sie bequem. Man kann herrlich in ihren weichen Polstern versinken, Zeitung lesen und an seinem Getränk nippen. Aber das ist nicht der eigentliche Grund, warum sie in allen möglichen Farben und Variationen im „24 Grad“ auf dem Engelbosteler Damm stehen. Die Kaffeerösterei in der Nordstadt will mehr sein als ein irgendwie hippes, irgendwie gemütliches Café mit Flohmarktmöbeln. Inhaber Jürgen Piechaczek will damit eine Haltung ausdrücken.

Der 39-Jährige hat seine Doktorarbeit über hochwertigen Kaffeeanbau in Kolumbien geschrieben. Zwei Jahre hat Piechaczek bei verschiedenen Bauern in dem südamerikanischen Land gelebt. Er hat den Frust kennengelernt, wenn die Ernte schlecht ausfiel. Aber auch die Freude der Bauern darüber miterlebt, wenn sie ihre Kinder zur Uni schicken konnten, weil sich ihre Kaffeebohnen zu fairen Preisen verkaufen ließen. Am meisten beeindruckte ihn etwas Elementares: Piechaczek realisierte, dass man guten Kaffee pur trinken kann, dass weder Milch noch Zucker nötig sind, um ihn zu verfeinern. Seit diesem Augenblick ist Kaffee für Piechaczek kein Massenprodukt mehr. Es ist ein Genuss, der mal nach Brombeere, mal nach Pfirsich und dann nach Schokolade schmeckt.

Die Möbel mit den weich geschwungenen Rückenlehnen, die in der Rösterei in der Nordstadt stehen, sollen diese Haltung unterstreichen. Hier geht es nicht um industriell Gefertigtes für den Massengeschmack, sondern um gutes Handwerk. Beim Kaffee kann man den Unterschied schmecken. Im Gastraum vom „24 Grad“ kann man ihn sehen. Die alten Sessel sind sorgfältig aufgearbeitet, mit farbigen Stoffen bezogen und zum Teil neu gepolstert. Bis zu 150 Kilometer ist Piechaczek gefahren, um die Stühle zu besorgen, die vielerorts so begehrt sind, dass sie nur selten auf dem Sperrmüll landen. Neben den Cocktailsesseln stehen Nierentische aus den fünfziger Jahren. Dort lässt sich der Kaffee abstellen, der in weißen Porzellantassen mit goldenem Rand serviert wird.

Seit drei Jahren betreibt Piechaczek mit seinem Kompagnon Markus Glaubitz, einem Ernährungswissenschaftler, die kleine Kaffeerösterei. Piechaczek kommt ursprünglich aus Berlin. Für die Nordstadt hat er sich bewusst entschieden. „Das Gefühl stimmte hier einfach“, sagt er. Das Publikum auf dem E-Damm sei gut durchmischt. In der Parkbucht vor der Rösterei halten Porsche- genauso wie VW-Bulli-Fahrer. Obdachlose, Studenten, Senioren, Punks und Familien trinken ihren Kaffee gleichermaßen aus dem feinen Porzellan.

Das „24 Grad“, das nach dem Breitengrad benannt ist, an dem nach Piechaczeks Ansicht der aromatischste Kaffee angebaut wird, hat sich der Röstung von hochwertigem Kaffee verschrieben. Piechaczek und Glaubitz wollen Bohnen verarbeiten, die einen Rückschluss auf die jeweiligen Bauern und die Geschmacksprofile ihres Kaffees zulassen. „Das Prinzip funktioniert wie beim Wein“, sagt der promovierte Agrarwissenschaftler. „Wein wird auch schlechter, wenn man unterschiedliche Trauben zusammenpanscht.“ Piechaczek und Glaubitz versuchen, ihre Bohnen daher direkt von Kleinbauern und Kooperativen zu beziehen. Beim costaricanischen Kaffee „Tierra Madre“ (Mutter Erde) mit seinem würzigen Charakter und seinen fruchtig frischen Aromen zum Beispiel funktioniert der Direktvertrieb schon jetzt. Auch die Sorte „Quebradon“ mit seinem leicht nussigen Aroma bezieht er direkt vom Bauern aus Kolumbien.

Langfristig wollen die Kompagnons das gesamte Kaffeesortiment über einen Direktvertrieb beziehen. Das aber ist nicht einfach. Vielen Bauern fehle der Zugang zu einem fairen Markt, sagt Piechaczek. Sie seien gezwungen, ihren Kaffee zu Dumpingpreisen an große Einkäufer zu verschleudern. Eine Motivation, hochwertigen Kaffee mit einer eigenen Note herzustellen, ist das nicht.

Piechaczek will helfen, das zu verändern. „Das Hochwertige soll nicht im Einheitspulver untergehen“, sagt er. Auch aus diesem Grund fährt er in diesen Tagen ins afrikanische Burundi. Piechaczek ist Teil einer internationalen Jury, die die begehrte Auszeichnung des „Cup of Excellence“ vergibt. Gemeinsam mit Kaffeeröstern aus Japan, Australien und Neuseeland will er herausfinden, wer den besten Kaffee in Burundi anbaut. Und Bauern kennenlernen, die als Lieferanten infrage kommen.

Eine Motivation ist die Teilnahme am Wettbewerb auch in finanzieller Hinsicht. Die Gewinnerbohnen werden nach dem Wettbewerb im Internet versteigert. Die Bauern können für ihren Kaffee 40 bis 50 Euro pro 250 Gramm einstreichen, das ist das zehnfache des marktüblichen Preises.

Für Piechaczek geht es nicht nur um Geschäfte. Er bezeichnet seine Reise auch als eine „Weiterbildung für die Geschmacksnerven“. Und die will er auch seinen Kunden nicht vorenthalten. Am „Tag des Kaffees“, am 28. September, soll die Rösterei erweitert werden. Und das will das „24 Grad“ mit einer Verkostung der exklusiven Bohnen aus Burundi feiern.

Stefanie Nickel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Das Sprengel-Gelände und das Unabhängige Jugendzentrum (UJZ) in der Kornstraße feiern Jubiläum - und wollen an zwei Wochenenden im August zeigen, wie viel Punk noch in der Nordstadt steckt.

23.08.2012

Ein 22-jähriger Radfahrer ist am frühen Donnerstag Morgen in Stöcken schwer verunglückt – offensichtlich war er an dem Unfall allein beteiligt.

23.08.2012

Die Polizei sucht nach einem Vergewaltiger und seinen beiden Komplizen. Der Täter soll in der Nacht zu Montag eine 35 Jahre alte Frau im Sahlkamp missbraucht haben. Nach Angaben der Polizei hielten seine beiden Begleiter das Opfer fest, während sich der etwa 20 Jahre alte Mann an der Frau verging.

Vivien-Marie Drews 22.08.2012