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Nord Sozialer Brennpunkt oder normaler Markt?
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Sozialer Brennpunkt oder normaler Markt?
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00:15 22.06.2013
Von Felix Harbart
Um den Varenheider Markt gibt es Streit. Quelle: Wallmüller
Hannover

Rosemarie Wenzel kennt die Diskussionen um ihr Viertel seit Jahrzehnten, und seit Jahrzehnten gehen sie ihr auf die Nerven. 1972 hat sie sich eine Wohnung am Vahrenheider Markt gekauft, und trotz allem Geunke würde sie das jedes Mal wieder machen. „Die Wohnungen hier sind gut, sie liegen ideal, direkt an der Bahn und am Marktplatz mit seinen Geschäften“, sagt sie. Gerade jetzt, im höheren Alter, sei das „Quartier“, wie die Verwaltung es nennt, für sie gerade richtig. „Man hat kurze Wege, und Angst haben muss man hier nicht mehr als irgendwo sonst.“ Da können die Leute reden, was sie wollen.

Denn nicht nur zu Rosemarie Wenzels Ärger wird das „Quartier Vahrenheider Markt“ im jüngst vorgelegten Sozialbericht der Stadt als „Gebiet mit besonderem sozialen Handlungsbedarf“ klassifiziert, kurz: als sogenannter Brennpunktstadtteil. Stadtweit gibt es davon laut Bericht 17, vier davon liegen in Vahrenheide. Der Vahrenheider Markt aber habe in der Liste nichts zu suchen, finden die Eigentümer der Wohnungen am Platze. „Er hat nicht im Entferntesten den Charakter einer Problemlage“, hat Uwe Mischnik vom Verwaltungsbeirat der Eigentümergemeinschaft dieser Tage der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ gesagt. Er fordert von der Stadt eine Korrektur des Berichts und droht sogar mit juristischen Schritten.

Am Vahrenheider Markt sitzen die Menschen derweil in der Sonne und wundern sich über den neuerlichen Imageschaden. Im Springbrunnen vor der Sparkasse planschen Kinder, vorm „Kebap Haus Alanya“ sitzen gutgelaunte Rentner verschiedener Nationalitäten bei Tee und Döner, und im „Tief-Preis-Markt“ steht Inhaberin Nalan Iscan am Verkaufstresen und zieht erstaunt die Augenbrauen hoch. Das hier ein Problemviertel? „Nein, früher vielleicht, da war es hier schlimmer“, sagt Iscan, die das Geschäft seit 14 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann betreibt. Damals, Ende der Neunziger und danach, hätten auch hin und wieder Vandalen die Scheiben ihres Ladens beschädigt. „Aber sowas ist hier ganz lange nicht passiert“, sagt Iscan, dreht die Handflächen nach oben und zieht die Schultern hoch. Alles in Ordnung hier, soll das heißen.

Das Zahlenmaterial der Verwaltung aber ist unerbittlich, und es erzählt eine andere Geschichte als Nalan Iscan - zumindest, was den gesamten Stadtteil Vahrenheide angeht. 35,8 Prozent der Menschen im Viertel erhielten zum Zeitpunkt der Erhebung im Jahr 2011 Transferleistungen vom Staat, zwei Prozent mehr als noch 2006. Das ist nach Mühlenberg (36,5 Prozent) der zweithöchste Wert der Stadt, auf den Plätzen folgen Linden-Süd, Hainholz, Mittelfeld und Sahlkamp. 51 Prozent der Menschen in Vahrenheide haben einen Migrationshintergrund. Auch hier ist die Zahl nur in Mühlenberg höher (53 Prozent). Mehr als 46 Prozent der Ausländer in Vahrenheide waren 2011 auf Sozialleistungen angewiesen. So weit der Zahlensalat.

"Kein prekäres Quartier"

Das alles bestreiten Eigentümervertreter Mischnik und Anwohnerin Wenzel auch nicht. Ihnen geht es darum, den Vahrenheider Markt nicht mit anderen Ecken Vahrenheides durcheinanderzubringen. Gut möglich, dass es in der Umgebung Probleme gibt, nicht aber am Marktplatz selbst mit seinem Eiscafé, der Apotheke, der grundsanierten Sparkasse und eben den Eigentumswohnungen. „In der Liste prekärer Quartiere hat der Vahrenheider Markt nichts zu suchen“, sagt Mischnik.

Mischnik wie auch Bezirksbürgermeister Harry Grunenberg (SPD) werden nicht müde zu betonen, dass Vahrenheide nicht gleich Vahrenheide ist. Es dürfe im Stadtteil, wie auch nebenan im Sahlkamp, nicht immer alles „über einen negativen Kamm geschoren“ werden, sagt Grunenberg. Dabei hatte die Verwaltung eigentlich gerade das vermeiden wollen. Um das Stadtgebiet differenzierter zu betrachten, haben die Autoren des Sozialberichts es in 387 sogenannte Mikrobezirke unterteilt. Dass die Orte Sachsenhof und Freiberger Hof unter den Problemecken auftauchen, kann Grunenberg nachvollziehen. Nicht aber, dass auch Klingenthal-Süd und der Vahrenheider Markt dabei sind. Letzteres wiederum liege daran, dass Teile von Leipziger, Dresdner und Chemnitzer Straße zum „Mikrobezirk“ gerechnet werden. Und die eben seien statistisch gesehen problematisch, heißt es vonseiten der Stadt.

Trotz all der schlechten Publicity sitzen die Leute zu Wochenbeginn entspannt um ihren Platz herum und genießen das gute, sonnige Wetter. Wenn es so ist, wie die Leute in Vahrenheide sagen, dann gibt es im „Eiscafé Gondola“ am Vahrenheider Markt mit das beste Eis der Stadt. Viele, die hier sitzen und schlemmen, sind eigens dafür von anderswo hergekommen. Keine Vorbehalte also gegen Vahrenheide? „Ach was, das ist wie Urlaub“, sagt eine junge Frau zwischen Schokolade und Erdbeer. Und grinst. Aber manches bleibt eben doch hängen. Ein Ehepaar flaniert über den Markt, auch die beiden sind zum Eisessen aus der List hergekommen. Und wer ihnen zuhört, versteht, was Bezirksbürgermeister und Eigentümervertreter so stört. „Ach ja, Vahrenheider Markt“, sagt der Ehemann. „Da passiert ja so viel, mit Ausländern und so.“ Man lese das ja immer wieder in der Zeitung.

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