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Nord Neues Leben im alten Umspannwerk
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Neues Leben im alten Umspannwerk
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12:00 10.04.2015
Der Blick für das Ursprüngliche: Architektin Isabel Fiedler brachte Details zur Geltung. Quelle: Benjamin Behrens
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Hannover

„Es ist nicht vorstellbar, vergangenen Sommer war hier noch Totenstille“, sagt Isabel Fiedler. Mit ihrer Firma IF Architecture hat sie das alte Umspannwerk an der Vahrenwalder Straße entkernt und runderneuert. Das Gastronomieunternehmen L’Osteria hat das 5200 Quadratmeter große Areal am Wasserturm gekauft, um in dem Bauwerk aus den Zwanzigerjahren ein italienisches Restaurant zu eröffnen. Im zweiten Stock hat die Kommunikationsagentur Neuwärts Büros bezogen.

Totenstill ist es im Bauch der „Alten Lady“, wie die Architektin das Gebäude liebevoll nennt, nicht mehr. Unten in der Gastronomie herrscht quirliger Betrieb. In der großzügigen, offenen Küche gehen Köche ihrer Arbeit nach, an den rustikalen Holztischen warten Gäste auf ihr Essen. Eine junge Frau mit berühmtem Namen bedient an der langen Bar. „Ich habe Fotos vom Umbau gesehen, das ist jetzt sehr schön geworden“, findet die 21-jährige Romy Schneider. Wüst und leer sah es aus in dem Backsteinbau, denn das Gebäude wurde fast komplett entkernt.

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Ein Riesenprojekt, in das die ­L’Osteria-Muttergesellschaft und Hannover Sysgastro insgesamt 5,5 Millionen Euro gesteckt haben. Sechseinhalb Monate hat die Bauphase gedauert. Und es wurde ein Dreivierteljahr sondiert, schließlich muss man ein so altes Gebäude erst kennenlernen. „Überraschungen gibt es immer“, sagt die Architektin. Manchmal auch positive, so wie hier. Die Isolation der Außenwände überraschte die 44-Jährige. „Man denkt, man hat eine ganz massive Wand vor sich, und dann ist sie zweischalig“, erinnert sie sich. Natürlich haben mehrere Unternehmen ihr verschiedene moderne Isolationsstoffe angeboten. Sie entschied sich, es so zu lassen. „Was seit den Zwanzigerjahren hält, kann nicht schlecht sein.“

Die Architektin betrieb ein bisschen „Bau-Archäologie“, wie sie sagt. Das Ursprüngliche am Gebäude sollte freigelegt werden. Ein Trend beim Umgang mit alten Bauten. „Wir gehen dazu über abzuschminken“, beschreibt es die Architektin. Schließlich kam unter dem alten Putz ein gesundes Mauerwerk zutage. „Wir haben keinen einzigen Riss in der Bausubstanz.“ Überall, wo es möglich war, wurden die Spuren der Geschichte des alten Umspannwerks hervorgehoben. Die Zwischendecken kamen heraus, dadurch ist das dreistöckige Gebäude angenehm offen geworden. Viel Platz nach oben. „Die hohen Räume waren eine Herausforderung“, sagt die Architektin. Nur mit einer Hebebühne konnte im Inneren am Mauerwerk gearbeitet werden. Stolze 14 Meter Raumhöhe hat man jetzt. In der Pizzeria bringen sie in Kombination mit Deckenleuchten an langen Kabeln, Rohrleitungen und Stahlträgern den Industriecharakter des Gebäudes zur Geltung. „Das Industriedesign ist toll“, sagt Romy Schneider. „Wer hier reinkommt, ist begeistert vom Ambiente“, bestätigt ein Kollege.

Im zweiten Stock hat Anfang Dezember die Kommunikationsagentur Neuwärts ihre Räume bezogen. Es sind große, offene Büroflächen entstanden, ein lang gezogener Eingangsbereich mit Empfangstresen führt in offene Arbeitsbereiche. Teile der Wand sind verputzt, an anderen blickt man auf das rote Backsteinmauerwerk. Um zu vermeiden, sich in dem weitläufigen Areal verloren zu fühlen, werden Höhenunterschiede von knapp einem Meter gezielt mit langen Rampen und kurzen Treppen überbrückt. Der Boden wurde in mehreren Abschnitten aus dunkelgrauem Estrich gegossen und dann poliert. Ein optisch ansprechender, langlebiger Boden - vorbei die Zeiten, in denen Estrich nur ein notwendiges Übel war, das man möglichst gut verstecken wollte. „Wir sind absolut zufrieden“, sagt Malte Gärtner, Texter und Konzept-entwickler bei Neuwärts. Man müsse sich bei einer solchen Sanierung auf das Gebäude einlassen und seinen Charakter erhalten. Der Arbeitsbereich des 35-Jährigen befindet sich direkt neben dem weitläufigen Eingang. Optisch ist er durch kühlere Beleuchtung abgetrennt, rund 40 Mitarbeiter hat die Agentur. Eine neu eingebaute Freitreppe führt in die zweite Etage der Agentur, ein Durchbruch durch die Decke macht es möglich. Oben dominieren schräge Wände und die großen Stahlträger des Dachs, alles mit hellgrauer Brandschutzfarbe versehen. Die eine Hälfte des Stockwerks wird von Neuwärts genutzt, in der zweiten bietet die Agentur mit ihrem „Transformationswerk“ Workshops sowie Lesungen zu Managementthemen und vermietet auch Seminarräume. Durch eine Glastür gelangt man auf eine Dachterrasse. Im Sommer werden die Mitarbeiter hier die Sonne genießen. „Wir Raucher stehen schon jetzt öfters hier“, sagt Gärtner lachend. Es ist mehr Leben denn je im alten Umspannwerk.

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