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Nord Wenn Mariechen weinend im Garten sitzt
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Wenn Mariechen weinend im Garten sitzt
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14:50 15.01.2015
Gesang mit viel Gefühl: Vera, Hansjürgen und Elke Gärtner (v.l.).
Gesang mit viel Gefühl: Vera, Hansjürgen und Elke Gärtner (v.l.). Quelle: Mario Moers
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Hannover

Hugo Hoppe erinnert sich noch, wie die Dienstmädchen in seiner Kindheit zu den Liedern sangen, die der Leierkastenmann im Hof spielte. „Dann wurde etwas Kleingeld in Papier gewickelt und aus dem Fenster geworfen“, lächelt der ältere Herr bei dem Gedanken an eine Zeit, in der man noch selbst gesungen hat, um die mühselige Hausarbeit oder die ruhigen Abendstunden unterhaltsam zu gestalten. Lieder von „Mariechen im Garten“ oder dem „Ritter Hugo“ - rührselige Küchenlieder und dunkle Moritaten. Die Kulturgemeinschaft Vinnhorst ließ diese längst vergangene Zeit am Montagabend wieder lebendig werden. In der voll besetzten kleinen Bibliothek im alten Rathaus Vinnhorst trug ein Gesangstrio die historischen Stücke vor. „In des Gartens dunkler Laube, saßen einsam Hand in Hand; Ritter Eduard mit seiner Minna, in der Liebe fest gebannt,“ beginnt Vera Gärtner mit hoher Stimme. Ihre Schwägerin Elke begleitet sie mit improvisierter Zweitstimme und einfacher Wandergitarre. Um die Zeitreise perfekt zu machen, tragen die Frauen ein einfaches Kleid, Schürzen und Spitzenhäubchen. An einer Leine hängen Kochlöffel.

Beinahe 200 Jahre gehörten die mündlich von Generation zu Generation überlieferten Küchenlieder zum Alltag. „Der Name rührt von den Dienstmädchen, die alle Lieder auswendig kannten“, erklärt Elke Gärtner. „Manche Lieder sind ja bis heute bekannt. Zum Beispiel das ,Mariechen’ oder ,Freut euch des Lebens’, weiß Hansjürgen Gärtner. Er übernimmt in dem Trio zumeist den Part des edlen Liebhabers oder schlitzohrigen Liebesschurken. Und davon gibt es reichlich in den Stücken, in denen nur allzu häufig das naive Dienstmädchen vom umtriebigen hübschen Gardeleutnant betrogen wird. Ritter Eduard dagegen hielt eisern zu seiner Minna. „Ehe die Rosen wieder blühen, werd’ ich wieder bei dir sein“, verspricht er ihr, bevor er in die Schlacht ziehen muss. Gebannt verfolgt das, vorwiegend ältere, Publikum die Geschichten, die alle Lieder erzählen. Einige bewegen vorsichtig die Lippen oder lächeln, wenn sie ein Lied wiedererkennen. Als bei der Zugabe das Volkslied „Freut euch des Lebens“ erklingt, schmettert der ganze Raum munter den Refrain: „Pflücke die Rose, eh sie verblüht“. Küchenlieder sind eben vor allem etwas für das Herz. Da darf die Poesie schon mal etwas trivial sein, findet das Familientrio. Vor acht Jahren haben die begeisterten Chorsänger das fast vergessene Kulturgut für sich entdeckt. Hansjürgen Gärtner, der wie seine Frau Vera Gründungsmitglied der Kulturgemeinschaft ist, besorgte sich ein altes Liederbuch. „Still im Aug’ erglänzt die Träne. Lieder die zu Herzen gehen“ - so lautet der Titel, der gleichsam Programm ist. Am Ende meint man, bei einigen Besuchern eine glänzende Träne der Rührung zu entdecken. So soll es sein.