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Nord Wie aus „vynhorst“ ein Stadtteil wurde
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Wie aus „vynhorst“ ein Stadtteil wurde
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02:15 04.04.2015
Foto: Das Kurhaus Mecklenheide (l.), Eislaufen auf den Fischteichen bei Brandsbauers Hof (o.) und die Bahnhofstraße, heute Alt-Vinnhorst, um 1913.
Das Kurhaus Mecklenheide (l.), Eislaufen auf den Fischteichen bei Brandsbauers Hof (o.) und die Bahnhofstraße, heute Alt-Vinnhorst, um 1913. Quelle: Archiv
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Hannover

„Der Weg in das kleine Bauerndorf führte über einen „schlecht gangbaren Gemeindeweg durch Fuhrenholz und Äcker“, schreibt Wolfgang Leonhardt in seiner jüngst erschienenen Geschichte des Dorfes Vinnhorst. Der Lokalhistoriker widmet nach anderen Themen sein neuntes, 300 Seiten starkes Buch nun dem Stadtteil, in dem er seit 35 Jahren selbst lebt. „Vinnhorst - Dorf und Stadtteil mit Geschichte(n)“ ist eine umfassende Sammlung zur Stadtteilgeschichte, üppig bebildert und gespickt mit vielen Anekdoten aus der 618-jährigen Geschichte Vinnhorsts.

„Überall strahlte die Heide in ihren schönsten Farben und die Blumen dufteten ebenso schön, wie die jungen Damen in ihrem blütenweißen und rüschenbesetzten Sonntagsstaat.“ Der Ort, an den sich ein alter Vinnhorster in blumigen Worten erinnert, ist heute eine Hauptverkehrskreuzung. Wo die Schulenburger Landstraße die Mecklenheidestraße kreuzt, steht auch heute noch das Kurhaus Mecklenheide, das allerdings im Laufe der Zeit seinen Turm einbüßte. Mit dessen Bau kam 1891 mehr Leben ins Dorf. Bis dahin waren die Vinnhorster Bauern ein eher isoliertes Völkchen. Erstmals urkundlich erwähnt wird ein „hoff to der vynhorst“ im Jahr 1397. Damals schenkten Herzöge von Braunschweig und Lüneburg zwei hannöverschen Kirchen-Hospitälern einen Vollmeierhof. Rund um diesen und einen zweiten, Dorninge genannten Hof entwickelte sich das spätere Dorf Vinnhorst.

Im Jahr 1689 zählte das damals kleinste Dorf um Hannover ganze 58 Einwohner. 1821 waren es 86 Personen, mit weitgehend denselben Familiennamen wie 200 Jahre zuvor. Anschaulich skizziert Leonhardt etwa die Geschichte des Dorelhofs, der über 300 Jahre im Besitz derselben Bauernfamilie Baumgarte war. Der erste Teil des Buchs beschäftigt sich detailliert mit den großen und kleinen Höfen, die um die zwei ursprünglichen Vollmeierhöfe entstanden. Leonhardt greift dabei zurück auf die lokalgeschichtliche Vorarbeit des ehemaligen Vinnhorster Schulleiters Ludwig Wehrhahn. Dessen 1972 posthum in den hannoverschen Geschichtsblättern publizierte „Geschichte des Dorfes Vinnhorst“ gilt als eines der wichtigsten Bücher zur Vinnhorster Stadtteilgeschichte. Leonhardts Werk dürfte dagegen das umfangreichste sein.

Der Autor ist seit vielen Jahren Mitglied des Geschichtsarbeitskreises in Vinnhorst und Leiter des Arbeitskreises Stadtteilgeschichte in der List. In seinen acht bisher erschienenen Büchern widmete er sich vorrangig der List und Vahrenwald. Über ein Jahr hat er in den Archiven von Stadt, Lokalzeitungen und Vereinen geforscht und mit den Bewohnern des Stadtteils gesprochen. Das im Eigenverlag erschienene Buch lässt den Leser teilhaben an dieser leidenschaftliche Recherche des Lokalhistorikers. Es folgt nicht konsequent einer chronologischen Erzählung und keiner durchgängigen Systematik. Stattdessen lädt es ein, schlaglichtartig in Geschichten einzutauchen. Der Betrieb im Kurhaus Mecklenheide wird wieder lebendig, der Bau der Autobahn, historische Kunstradvereine oder eine Buskatastrophe 1971. Damals krachte ein Kiestransporter in einen Bus voller Werksarbeiter der Firma Benecke, acht Menschen starben. Leonhardt widmet auch dem Konzentrationslager und der Zwangsarbeit während der Nazi-Diktatur eigene Kapitel.

Der Wandel vom Bauerndorf in der blühenden Mecklenheide zu einer industrielastigen Vorortgemeinde begann in den späten zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. 1928 wurde Vinnhorst durch den Bau der Straßenbahnhaltestelle Nordhafen an Hannover angebunden. In dieser Zeit entstanden außerdem zahlreiche Wohnhäuser für Kriegsversehrte in der neu gegründeten Siedlung Friedenau. Der wichtigste frühe Industriebetrieb war die 1890 nach Vinnhorst gezogene Wachstuchmacherei J-H. Benecke. Für deren Arbeiter wurde extra eine Pferdewagenverbindung von der Christuskirche nach Vinnhorst eingerichtet. „Die Kutscher dieser Fuhrwerke nahmen gern, gegen ein kleines Trinkgeld, auch andere Fahrgäste mit“, berichtet Leonhardt.

Die zum Teil sprunghafte Aufbereitung der vielen Brocken aus dem Steinbruch der Vinnhorster Geschichte machen das Buch zu einer nicht ganz leicht zu lesenden Lektüre. Leonhardts Kompendium lädt vielmehr zum Stöbern ein. „Ich freue mich auf eine interessante Bettlektüre“, lobte Edeltraut Geschke, Bezirksbürgermeisterin für den Stadtbezirk Nord, den eindrucksvollen Beitrag zur Stadtteilgeschichte. Sicher wird das Buch einige Nachttische über längere Zeit belegen. Vielleicht träumt der ein oder andere dann von der blühenden Heide und dem prächtigen Kurhaus im alten Vinnhorst.

Wolfgang Leonhardts Buch „Vinnhorst - Dorf und Stadtteil mit Geschichte(n)“ kann im Buchhandel bestellt werden. Es hat 301 Seiten und kostet 39,90 Euro. Der Verfasser hält einige Exemplare zum Verkauf bereit und ist unter Telefon 78 90 68 erreichbar.

01.04.2015
Tobias Morchner 29.03.2015