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Nord Wie behindertengerecht ist Hannovers Nordwesten?
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Wie behindertengerecht ist Hannovers Nordwesten?
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06:15 17.11.2012
Von Christian Link
Foto: Ohne fremde Hilfe kann Sigrid Neumann mit ihrem Rollstuhl nicht in die grünen Stadtbahnen einsteigen.
Ohne fremde Hilfe kann Sigrid Neumann mit ihrem Rollstuhl nicht in die grünen Stadtbahnen einsteigen. Quelle: Link
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Herrenhausen-Stöcken

Wie behindertengerecht ist der Stadtbezirk Herrenhausen-Stöcken? Sigrid Neumann aus Ledeburg hat mit ihrem Rollstuhlfahrrad - also einem Rollstuhl mit zusätzlichem Lenker und Vorderrad - jede öffentliche Straße, alle öffentlichen Einrichtungen und viele Gaststätten und Geschäfte besucht. Ihre Ergebnisse sind ernüchternd, die Mängelliste lang. Bei einer Fahrt durch Herrenhausen und Stöcken zeigt sie die zahlreichen Tücken ihres Alltags, die einem Nichtbehinderten oft gar nicht auffallen.

Die Reise beginnt am Herrenhäuser Markt, wo sich neben dem Bürgeramt ein Behindertenparkplatz befindet. Auf den ersten Blick gibt es daran nichts auszusetzen: Die Stellfläche ist deutlich gekennzeichnet, erheblich breiter als die übrigen Parkmöglichkeiten, und die Bordsteine sind abgeflacht. Aber Sigrid Neumann weiß, dass das nicht reicht: Kopfsteinpflaster kann einfach nicht behindertengerecht sein. „In den breiten Rillen stellen sich die kleinen Räder meines Rollstuhls immer quer“, erklärt Neumann, während sie über das Pflaster holpert. Nur mit Kraftanstrengung gelingt es ihr, überhaupt voranzukommen. Die Fahrt über Kopfsteinpflaster ist für sie unangenehm. „Anschließend muss ich dann auf die Toilette, weil die Erschütterungen auf die Blase gehen“, sagt sie.

Und tatsächlich gibt es am Herrenhäuser Markt eine behindertengerechte Toilette. Das ist nicht selbstverständlich. „Wir haben in Herrenhausen keine Gaststätte, die ich als Rollstuhlfahrerin ohne Weiteres besuchen kann“, sagt die 55-Jährige. Sie habe sich viele Lokale im Stadtbezirk angeschaut, aber nur bei ganz wenigen Ausnahmen eine Behindertentoilette vorgefunden. Wenn sie essen gehen will, muss sie den Besuch daher gut planen oder darauf verzichten, etwas zu trinken. „Häufig ist die Toilette im Keller oder nur über eine Treppe zu erreichen“, sagt Neumann. Auch in einigen öffentlichen Einrichtungen gibt es keine Behindertentoilette - etwa in der Stadtbibliothek Herrenhausen.

Mit dem Rollstuhlfahrrad geht es weiter vom Herrenhäuser zum Stöckener Markt. Stadtbahn kann Sigrid Neumann auf dieser Strecke nicht fahren. Die Stadtbahnhaltestelle Weizenfeldstraße hat keinen Hochbahnsteig. Er kommt erst 2013.

„Für mich bedeutet mein Rollstuhlfahrrad ein ganz großes Stück Freiheit. Lebensqualität hat sehr viel mit Mobilität zu tun“, sagt Neumann. Sie habe schon immer nur schlecht laufen können und sei stattdessen lieber Rad gefahren. „Mein Sohn Ihno ist auf dem Fahrrad groß geworden“, sagt sie. Auf den Rollstuhl sei sie aber erst seit 15 Jahren nach einem Unfall angewiesen. „Ich habe durch das Rollirad gewonnen, mein Bewegungsradius ist größer geworden“, sagt sie. Mit dem Rollstuhlfahrrad ist sie genauso mobil wie mit einem gewöhnliches Zweirad.

Auch auf dem Weg zum Stöckener Markt hat die Stadt an der Ecke Stöckener Straße / Alte Stöckener Straße einen Behindertenparkplatz angelegt. Aber auch diese Stellfläche verdient den Namen eigentlich nicht. „Der Parkplatz ist sehr schön gelegen“, sagt Neumann. „Eine Bordsteinabsenkung hat er aber nicht.“ Um auf den Bürgersteig zu gelangen, muss sie auf der Parkplatzzufahrt zurück bis zur Straße rollen, die abends nur schlecht beleuchtet sei.

Im Leckerhaus in der Lüssenhopstraße berät Neumann ehrenamtlich Eltern und Behinderte in Alltagsfragen. Die Einrichtung des Vereins Soziales Netzwerk Stöcken kann sie aber nur mit Hilfe betreten, weil vor dem Eingang zwei Stufen sind. Bei jedem Besuch müssen die Mitarbeiter eine Rampe aufstellen. „Ich möchte nicht immer darauf angewiesen sein, andere um Hilfe zu bitten“, sagt sie.

Am Stöckener Markt trinkt Sigrid Neumann gern Kakao. Neumann verweist auf den Behindertenparkplatz in der Nähe des Freizeitheims Stöcken. Beim Bau wurde auf der Fahrerseite ebenfalls vergessen, den Bordstein abzusenken. Im vergangenen Jahr habe dies die Stadt auf ihre Anregung hin aber nachgeholt. In den Cafés am Markt gibt es ebenfalls keine Behindertentoilette - wie in allen Geschäften und Gaststätten rund den Stöckener Markt. „Die einzige behindertengerechte Toilette befindet sich im Freizeitheim“, sagt Neumann. Das habe jedoch an Sonn- und Feiertagen nicht geöffnet, weshalb sie zu diesen Zeiten dann kein Café am Markt besuchen kann.

Der Weg zurück zu ihrem Wohnhaus führt an der Stadtbahnhaltestelle Stöcken vorbei. Auch die Heimfahrt ist beschwerlich. An der Station verkehren nur die grünen Stadtbahnen der Linie 5. Die Silberpfeile der Linie 4 an der Endhaltestelle Stöcken können hier nicht wenden. Bei der Fahrt mit den grünen Stadtbahnen steht Neumann dann auch vor einem Problem: Die Stufe zwischen Bahnsteigkante und Fahrzeug kann sie in ihrem Rollstuhl nur mit Hilfe bewältigen. Grundsätzlich fährt sie daher lieber mit den Silberpfeilen, weil der Einstieg fast ebenerdig ist. Dazu muss sie bis zur Haltestelle Stöckener Friedhof rollen. Ein Umweg von einem Kilometer.

Und es gibt ein weiteres Problem bei den grünen Stadtbahnen: Neumann kann nur an einer Tür einsteigen. Der überbreite Eingang ist mit einem orangefarbenem Balken über dem Einstieg gekennzeichnet. Dort hat die Üstra die Mittelstange entfernt, um Platz für Rollstühle zu schaffen. Ob sich der Wagen vorne, in der Mitte oder hinten am Zug befindet, erkennt sie aber erst, wenn die Bahn einfährt. Manchmal schaffe sie es daher nicht schnell genug zum Einstieg, sodass ihr die Bahn vor der Nase wegfährt. „Es gibt auch Bahnen, die keinen Balken haben“, sagt sie - abends sei das fast jede zweite. Dann muss sie ohnehin auf das nächste Fahrzeug warten. Im regulären Fahrplan ist nicht verzeichnet, welche Bahnen behindertenfreundlicher gemacht wurden.

Ihre Mängelliste hat Neumann auch den Bezirksratspolitikern in Herrenhausen-Stöcken vorgestellt. „Ich finde es wichtig, dass wir Behinderten uns zu Wort melden“, sagt sie. Bei der Beseitigung der vielen Barrieren hofft sie nicht nur auf die Mithilfe der Politik: „Ich würde mir wünschen, dass jeder die Augen offen hält.“