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Ost Große Mehrheit ist gegen Flüchtlingsheim
Hannover Aus den Stadtteilen Ost Große Mehrheit ist gegen Flüchtlingsheim
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00:15 06.04.2013
Von Stefanie Kaune
Volles Haus wegen einer leeren Koppel:Die Überlegungen der Stadt, ein Flüchtlingswohnheim zu errichten, treiben die Anwohner um. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Die Zuhörer sitzen auf Fensterbänken, stehen Schulter an Schulter um die Tische, an denen die Stühle längst besetzt sind, und einige machen am Eingang des Saals im Bothfelder Bürgerhaus gleich wieder kehrt: Der Andrang bei der vergangene Woche kurzfristig einberufenen Bürgerversammlung zum Thema der geplanten Flüchtlingsunterkunft in Bothfeld hat sogar die Organisatoren überrascht. „Mit einer solchen Resonanz hatten wir nicht gerechnet“, sagt Peter Kellner, der sich als Moderator in der Angelegenheit versteht. 30 bis 40 Interessierte habe man erwartet. Am Ende sind wohl um die 130 Bürger erschienen, die wissen wollen, wie es nun um die lautbar gewordenen Pläne der Stadt bestellt ist, ein Wohnheim für 50 Personen auf einer städtischen Weidefläche am Eichenweg zu errichten.

Gekommen sind an diesem Abend auch Politiker aus Rat und Bezirksrat. Bezirksbürgermeister Harry Grunenberg (SPD) bemüht sich klar zu stellen, dass der Standort Eichenweg lediglich ein Vorschlag der Verwaltung sei und eine Entscheidung der politischen Gremien noch ausstehe. „Es gibt noch keine Beschlüsse“, betont auch SPD-Fraktionschef Florian Spiegelhauer. Die Stadt sei gebeten worden, Alternativflächen zu benennen. „Wir haben aber auch eine Verantwortung, die Menschen unterzubringen“, mahnt Spiegelhauer. In einer weiteren Bürgerversammlung auf Einladung des Bezirksrats am 8. April werde die Verwaltung dabei sein und Sachaufklärung leisten. „Die Standortdiskussion ist offen“, versichern gleichfalls der Bothfelder CDU-Ratsherr Jens-Michael Emmelmann und FDP-Ratskollege Wilfried Engelke, Mitglied des Bauausschusses. Emmelmann bringt erneut den schon im Vorfeld der Versammlung geäußerten Vorschlag in die Diskussion, die Unterkunft am Standort der aufgegebenen Containeranlage an der Alten Peiner Heerstraße in Lahe zu bauen, die früher für die Unterbringung von Flüchtlingen genutzt wurde. „Der Ort ist etabliert und akzeptiert.“

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Die Anwohner nicht vor vollendete Tatsachen stellen

Die Positionen sind klar verteilt im Bürgerhaus: Von den so zahlreich erschienenen Bothfeldern melden sich nur drei zu Wort, die dafür plädieren, nicht von vornherein eine skeptische Haltung einzunehmen. „Bothfeld ist ein Stadtteil mit geringen sozialen Problemen“, meint da Konstantin Barth. „Wir haben sicher die Kraft, 50 Personen hier aufzunehmen“, betont er. „Es gibt internationale Menschenrechte, die auch für Bothfeld gelten“, sagt der erst 17-jährige Liam Harrold. Er ist mit seiner Mutter Antje Wolter-Harrold gekommen, die der gleichen Ansicht ist.

Kellner, der sich vor der großen Runde ohne Mikrofon mit erhobener Stimme redlich um eine sachliche Diskussion bemüht, hält dagegen: „Wir nehmen keine Verweigerungshaltung ein und sind nicht fremdenfeindlich.“ Es gehe vielmehr darum, dass der Standort am Eichenweg aus Sicht vieler Anwohner für die Unterbringung von Flüchtlingen ungeeignet sei. Ein Modulbau werde sich nicht in die gewachsene Siedlung einfügen. „Es besteht die Gefahr, dass wir statt Integration eine Parallelwelt schaffen. Zu große Nähe kann auch Distanz mit sich bringen.“ Durch die Unterkunft gehe zudem Spiel- und Bolzfläche für Kinder und Jugendliche verloren. Nicht verständlich sei darüber hinaus, dass vor einigen Jahren eine Wohnbebauung auf der Fläche in Nähe der Autobahn aus Lärmschutzgründen von der Stadt abgelehnt worden sei - nun aber dort gebaut werden solle. Vor allem aber wollten die Anwohner nicht vor „vollendete Tatsachen gestellt“ werden, betont Kellner und erntet großen Applaus.

Bei der Fläche handele es sich um ein ausreichend großes Areal, wendet der SPD-Ratsherr Martin Hanske ein, der in Bothfeld wohnt. „Dadurch ist kein künftiger Bolzplatz gefährdet“, sagt er. „Die Diskussion um die Eignung des Standorts ist ohnehin vorgeschoben“, meint der Bothfelder Barth, der für Offenheit plädiert hat. „Ich erwarte da mehr Ehrlichkeit. Es scheint am Ende doch darum zu gehen, dass es sich um Flüchtlinge handelt.“ Ratsherr Gerhard Wruck von den rechtskonservativen Hannoveranern schaltet sich mit einer Stellungnahme in die Diskussion ein, die manchen überrascht: „Es bringt nichts, wenn jeder nur nach dem Sankt-Florians-Prinzip handelt.“ Antje Wolter-Harrold und ihr Sohn sind insbesondere verärgert über ein Flugblatt des Ortsverbandes Bothfeld des Verbandes Wohneigentum Niedersachsen. Dort werden unter der Überschrift „Wie soll der Eichenweg künftig aussehen?“ Fotos einer idyllischen Pferdekoppel und einer Barackensiedlung gegenübergestellt. „Das ist skandalös“, meint Liam. „Keines der Fotos entspricht der Realität.“ So würden Ängste gegen Menschen geschürt, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. „Wir werden aus dem Verband austreten“, kündigt seine Mutter an. Da ist die Versammlung gerade dabei, sich aufzulösen.

Stefanie Kaune 06.04.2013
Stefanie Kaune 06.04.2013